Gesellschaft
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Germanys best Roommate

Wie beim Verhör: Gespräche auf WG-Suche

Gleicher Tagesablauf, identische Essensgewohnheiten, passende Meinungen. Wohngemeinschaften erwarten viel von zukünftigen Mitgliedern. Eine Glosse über die Wohnungssuche in Berlin.

Was machst du, wenn du nach Hause kommst? Wie oft ladest du Freunde ein? Um wie viel Uhr gehst du ins Bett und ach, was isst du überhaupt? Nein, ich wurde nicht verhaftet. Wie am Präsens zu erkennen, geht es nicht um einen Tag, an dem ich Mord begangen habe. Es geht um mich, auf der Suche nach einer Wohngemeinschaft. Meine Antworten? Nach der Universität verschanze ich mich in meinem Zimmer. Freunde besuchen mich, wenn sie Lust dazu haben. Ich gehe jeden Tag um eine andere Uhrzeit ins Bett. Und esse alles, was mir schmeckt. Schockierte Gesichter. Ja, richtig. Ich bin ein unberechenbarer, überindividueller und rücksichtsloser Mensch.

Ein Mensch, der Fernsehshows verdächtigt, die Suche nach einer Bleibe so anstrengend zu machen. Shows wie “Germanys Next Topmodel”, “Deutschland sucht den Superstar” oder “The Voice of Germany”. Sie haben ihren unkritischen Rezipienten das Prinzip des Castings beigebracht: Wie man sich auf möglichst aufwendige, die Bewerber schikanierende Art und Weise, den besten Kandidaten für das eigene, zwanghafte Projekt heraussucht. Und da in Städten wie Berlin Wohnungsmangel herrscht, warum sollte man dieses Prinzip nicht auch hier anwenden?

Mindestens dreißig Kandidaten werden eingeladen

So werden nicht nur fünf oder zehn Wohnungssuchende eingeladen. Dreißig müssen es mindestens sein. Also muss auch ein strenger Zeitplan her. Jeder hat genau fünf Minuten Zeit, um zu beweisen, dass er ein guter, rücksichtsvoller, sauberer, interessanter, amüsanter und unterhaltsamer Mensch ist. Ein perfekter Mitbewohner eben.

“Du hörst dich ja so ganz nett an, aber deshalb weiß ich halt noch lange nicht, wie es ist, mit dir zu wohnen. Am liebsten würde ich vorher mal dein Zimmer anschauen. Dann hätte ich ein besseres Bild.” Diesen Wunsch äußert ein potentieller Mitbewohner. Die Idee finde ich absurd, aber amüsant. Der Weg ist ihm dann doch zu lang. Und mir sind die afrikanischen Riesenschnecken, die in seiner WG die Wände hochklettern und linksradikale Plakate zerfressen, auch einfach zu – außergewöhnlich. “Ehrlich gesagt finde ich dich zu süß für eine Mitbewohnerin. Aber wie wäre es mit einem Date?” So lautet ein anderer Vorschlag. Der mir auf meiner Suche nicht weiterhilft. Und mich skeptisch macht darüber, weswegen ich mich mit dieser Person eine Stunde lang unterhalten habe. Es wird gruselig.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Zugegeben, es ist auch interessant, so viele Leute kennenzulernen. Dass die meisten Caster ihren Bewerbern nicht mal – wie versprochen – bescheidgeben, wofür sie sich entschieden haben, finde ich respektlos. Als ich sehe, dass eine Anzeige neu geschaltet wird, nachdem die WG bestimmt drei Tage lang Castings veranstaltet hat, frage ich nach. “Sorry, du hast schon recht. Für ein längeres Zusammenleben passt es nicht.” Wie einfühlsam.

Das ist der Punkt, an dem es oft scheitert. An der Definition von “Zusammenleben”. Was erwarten Leute von einem Menschen, den sie noch nicht kennen und der bei ihnen einziehen soll? “Dass wir zusammen frühstücken, uns jeden Tag zusammensetzen, über unser Leben reden und viel Zeit miteinander verbringen”. Solche Antworten bekomme ich oft. Und muss dabei Schlucken. Dieses Gegenüber sucht doch weit mehr als einen Mitbewohner. Einen Lebenspartner, der alles mit ihm teilt – Gewohnheiten, Meinungen, das Leben. Doch gut Ding will Weile haben. Und gute Zäune machen zufriedene Nachbarn. Es ist traurig, wie viele Leute offenbar hoffen, durch ein steifes Casting im Fragebogenformat einen Freund oder Partner fürs Leben zu finden, eine Ersatzfamilie. Und deshalb die Situation der Wohnungssuchenden ausnutzen, um möglichst vielen die Zeit zu stehlen – mit Fragen, deren Antworten sie einfach (noch) nichts angehen.

Bild: Christoph Gommel via flickr

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