Gesellschaft
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Wo die Wahrheit begraben liegt

Im November war Totensonntag. Die Zeit, um sich mal wieder den Grabsteinen geliebter Menschen zu widmen. Was daran so alles bedenklich sein kann, davon erzählen uns Katharina Deparade und Nina Raddy.

 

Muttergrab

von Nina Raddy                                                                                                                                                             

Der Stein ist irgendwie mittelgroß, irgendwie mittelgrau und scheint irgendwie willkürlich platziert. Was ich lese trifft mich unerwartet, in verblassender, altertümlich wirkender Schreibschrift. ‘Mutter’ steht dort. Sonst nichts. Kein Name, keine Jahreszahl, nur dieses eine Wort auf kahlem Stein. Unerwartet reißt eine kalte Leere mir ein Loch in den Bauch. Ich stelle mir den Friedhof plötzlich voll von diesen Gräbern vor. ‘Sohn’, ‘Soldat’, ‘Schwester’, steht auf ihnen. Als hätten sie alle nie wirklich existiert, zumindest aber als ganzer Mensch nie eine Existenzberechtigung gehabt.

Die Rolle der Mutter als einzige, lebens- und menschenerfüllende Aufgabe; die Frau zu meinen Füßen hat sie glänzend ausgeführt, so möchte es mir der Grabstein weismachen. Vergaß sie sich selbst, um der christlichen Nächstenliebe und der heiligen Familie Willen? Ist ihr durch diese Tugendhaftigkeit nun ein Platz im Mutterhimmel sicher? Ich stelle mir vor, wie die Frau aus dem Sarg heraus ruft, es sei nicht sie selbst, es seien die anderen gewesen, die sie vergessen haben – aber der Grabstein brüllt laut ‘Obacht! Hier liegt eine Mutter!’ und übertönt sie dabei.

Mutter

Wozu errichtet man Grabsteine für verstorbene Familienmitglieder und Freunde? Die Inschrift vor mir wirft die Frage auf, wie sehr es dabei um die eigenen, von Egoismus durchzogenen Erinnerungen gehen kann und um den Wunsch, diese für immer in Stein zu meißeln. Das Gedenken an den Verstorbenen konzentriert sich so darauf, was dieser für den Verbliebenen getan, ja, was er ihm gegeben hat. Die Frau wird zur Mutter, der junge Mann zum Sohn. Der Tote ist kein ganzer Mensch mehr, er wird reduziert auf seine affektive Funktion.

In Gedenken an geliebte Menschen sollten wir uns an mehr erinnern können als nur daran, was sie für uns taten. Wir sollten nicht bloß daran zurückdenken, was sie uns bedeuteten, sondern daran, wer sie darüber hinaus waren und wofür sie standen. Wir sollten uns stärker darauf besinnen, was sie über sich selbst gesagt, oder nicht gern gesagt hätten, welche Macken sie hatten; im Grunde darauf, was sie einmalig, was sie zu Individuen machte. Von diesen Dingen scheint nicht nur das Muttergrab, sondern auch die meisten anderen Inschriften des Friedhofs nicht viel zu erzählen.

Man kommt vor dem Grab nicht umhin, sich die Frage nach der eigenen letzten Ruhestädte zu stellen. Danach, wie diese wohl einmal aussehen und was auf dem Stein stehen wird. Wie wäre es beispielsweise mit der Inschrift ‘mehr als eine Mutter’? Oder, etwas zurückhaltender, ja würdevoller: ‘u.A. Mutter’. Vielleicht wäre es doch das Unbedenklichste, einen Baum zu pflanzen. Oder man lässt sich gleich einäschern und in alle Himmelsrichtungen verstreuen. Zumindest aber erscheint es ratsam, sich testamentarisch abzusichern: Muttergrab, nein danke! Den Platz in diesem Himmel kann eine andere haben.

 

Bild: Nina Raddy

 

Ein globales Mahnmal

Von Katharina Deparade

In den Reisfeldern Südostasiens stehen einfache, graue Steine, die nur von den geschäftigen Bauern und schnaufenden Wasserbüffeln gestört werden. Auf größeren Friedhöfen geht es dann schon bunter zu, aber nicht ganz so bunt wie beim Día de los Muertos in Mexiko. Auch in islamischen Ländern wird an Tote mit beschrifteten Steinen erinnert. An jüdischen Gräbern legt man auf den Stein noch einen Stein, als Zeichen der Ewigkeit. In Deutschland gibt es für Grabsteine die kulturtypischen Gestaltungsvorschriften. Die Kategorisierung reicht von Breitsteinen (Verwendungszweck: Doppelgrabstätten) über Reihensteine (Einzelgrabstätten), Urnensteine (Sammelgräber), Stelen oder Kissensteine mit den jeweils vorgeschriebenen Maßangaben. Modern wie sich Deutschland gerne gibt, werden immer mehr Variationen zugelassen. Auf Friedhöfen sieht man neuerdings Dreiecke. Ganz innovative Totengedenker lassen aus dem Dreieck einen Kreis ausschneiden, in den sie eine gläserne Kugel einfassen. Ein Schelm, wer an Illuminati dabei denkt.

Eine individualisierte Gesellschaft, verlangt nach individuellen Grabsteinen. Die kollektivistischen Reihensteine und die in Stein gefassten Zeichen der ewigen Einzigartigkeit haben jedoch eines gemeinsam: Sie stammen laut Schätzungen des Naturwerksteinverbandes zu 50% aus Indien. In der Provinz Rajasthan arbeiten circa 300.000 Kinder in Mienen. Globalisierung auch auf den Friedhöfen. Urnen – je nach Modell – kommen aus dem Libanon. Särge aus Rumänien und Bulgarien. Die Gräber werden von lettischen Aushilfen für unter 5 Euro die Stunde ausgehoben. Individualität scheint also doch nicht ohne Massenproduktion auszukommen.

Aber zumindest die indischen Kinder wollten die Kommunen schützen. In Stuttgart mussten Steinmetze bislang durch Zertifikate von ‘XertifiX’ und ‘fair stone’ nachweisen, dass das Material nicht durch Kinderarbeit hierher kam. Totaler Blödsinn urteilte das Verwaltungsgericht in Baden-Württemberg im Oktober 2015. Kommunen dürfen den internationalen Stein nicht einfach verbieten. Das Verbot begründen die Richter mit der Aussagefähigkeit dieser Siegel. Kein Steinmetz könne in der globalisierten Totenwelt gänzlich sicher sein, woher sein Material komme.

Vielleicht verzichten deswegen mehr und mehr Menschen auf das Denkmal des Lebens im Tode und lassen ihre Asche im Meer oder über den Bergen der Schweiz verstreuen. Vielleicht ist die Luftbestattung aber auch nur besonders individuell.

 

Titelbild: Kilian Martin/pinterest

 

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