Raum
Schreibe einen Kommentar

Zoke und Coke

Hier flog der Drache auf das Dach. Wolfgang Stein vor der Coca-Cola-Abfüllanlage

An der Fassade der Coca-Cola-Abfüllanlage in Berlin Lichterfelde haben der Kalte Krieg und der Fall der Mauer Spuren hinterlassen. Für den Berliner Wolfgang Stein bedeutet sie einen Hauch von Hollywood.

Die erste Erinnerung, die Wolfgang Stein mit Coca-Cola verbindet, ist ein Verstoß gegen die Alliierten Luftschutzbestimmungen. Der Achtjährige war gerade in die Neubau-Siedlung gegenüber der Coca-Cola-Abfüllanlage in Berlin-Lichterfelde gezogen und leidenschaftlicher Drachenpilot. Laut alliierter Bestimmung durfte der Luftraum nur 100 Meter hoch bespielt werden. Gar nicht so einfach für ein Kind, das einen Drachen mit einer 200 Meter langen Strippe besaß. Ein bisschen Wind – wumms und der Flieger landete auf dem Dach der Fabrik. „,Verdammter Bengel’, fluchte der Pförtner, schickte aber dann doch jemand nach oben und gab mir den Drachen wieder, zerfleddert, aber noch flugtauglich.” Wolfgang Stein grinst. Breit und einnehmend. “Einmal stand deswegen auch die Polizei vor unserer Tür.” Der 64-jährige öffnet die verglaste Verandatür, legt den Kopf in den Nacken und prüft den bewölkten Berliner Nachmittagshimmel. Sein Arm beschreibt noch einmal die Flugroute von damals. Gut zwei Jahrzehnte später wird er wieder in Reichweite des amerikanischen Luftraums arbeiten. Diesmal als Koch im Offizierskasino des Tempelhofer Flughafens.

Für 20 Mark in ein Finnenhaus

1958 ist Wolfgang Stein mit seinen Eltern und drei Geschwistern in die Finnensiedlung der Hildburghauser Straße gezogen. Finnensiedlung heißt sie deshalb, weil die Fertigbauteile der Holzhäuser von der Firma Puutalo Oy aus Helsinki geliefert wurden. In Windeseile entstand eine Reihensiedlung schlichter 90 Quadratmeter großer Einfamilienhäuser mit eigenen Gärten. „Der Garten war absoluter Luxus. Vor allem für uns, die wir aus einer winzigen Mietwohnung kamen.“ Wolfgang Stein betrachtet die Rosenbeete, die seine Mutter vor mehr als 50 Jahren angelegt hat. „Trotzdem, die Siedlung galt als Sozialbau. Und da meine Mutter aus Breslau vertrieben wurde, hatten wir gute Chancen auf ein Haus. Ich weiß noch, wie mein Vater aus allen Wolken gefallen ist, als ihm die Frau von der Wohnungsbaugesellschaft plötzlich vorschlug, ein Haus zu kaufen – ,Wie stellen Sie sich das vor – ich hab’ doch nischt!’ hat er wohl zu der Dame vom Amt gesagt. ,Na wie viel ham se denn?’, entgegnete die. Mein Vater hatte zwanzig Mark in der Tasche und so kam es, dass wir mit einer Anzahlung von nur zwanzig Mark in ein Finnenhaus zogen.”

Beim Einzug der Steins waren Arbeiter auf der gegenüberliegenden Seite noch dabei, die Fassade des Werks zu verkleiden. Ein erfrischendes Make-up in Türkisblau. Ein Jahr zuvor hatte der Coca-Cola-Konzern den Bau einer neuen Fabrik in Auftrag gegeben – nach Plänen des Modearchitekten Hans Simon. Ein eleganter, dreigeschossiger Bau, dessen verglastes Erdgeschoss die Produktionsanlage beherbergte. Staunend stand der Achtjährige davor und sah zu, wie die bunten Mosaiksteinchen akkurat gesetzt wurden – ein Fassadenmuster in türkis, dezentem rot, gelb und dunkelblau.

Filmstill aus "Eins, zwei, drei"

Gläserne Produktion. Filmstill aus “Eins, zwei, drei”

Für die Kinder der Siedlung war die gläserne Abfüllanlage eine Sensation. „Wir konnten die Arbeiterinnen beobachten, wie sie die Flaschen kontrollierten und drückten uns die Nasen an der Scheibe platt. Einen Zaun gab es nicht. Das war ja Teil des Konzepts. Die Leute sollten sehen, wie sauber und schön alles ablief und Lust auf Cola bekommen. Obwohl – manchmal platzte auch eine Flasche mit lautem Knall und die glänzenden Fensterscheiben waren dann voller brauner Spritzer.” Einmal im Monat gab es einen Tag der offenen Tür. Besonders die Kinder waren begeistert, denn sie wurden mit Limoflaschen und allem möglichen Werbeschnickschnack eingedeckt. Geduldsspiele, Öffner und Wimpelchen. Und die älteren Nachbarn lernten, dass „Zoke“ wie viele Coke aussprachen, nicht die Abkürzung für Zichorie – den kriegsbekannten Kaffeeersatz ist, sondern das Kürzel für Coca-Cola.

Russkie go home

1961. Die schönste Erinnerung an dieses Jahr sind für Wolfgang Stein die Dreharbeiten zu Billy Wilders Film „Eins, zwei, drei”. Im Juni verwandelte sich die Hildburghauser Straße in einen Hollywoodboulevard und die Bewohner der Finnensiedlung in Statisten der Komödie um den Coca-Cola-Manager C. R. MacNamara (James Cagney). Dieser kämpft darum, die braune Brause auch jenseits des Eisernen Vorhangs gewinnbringend zu vertreiben. Als sich die Tochter seines erzkonservativen Chefs in den Jungkommunisten Otto Ludwig Piffl (Horst Buchholz) verliebt, bleibt MacNamara die undankbare Aufgabe, Piffl innerhalb eines Tages in einen standesgemäßen Schwiegersohn zu verwandeln.

Neben Horst Buchholz und Lilo Pulver war die Schäferhündin des elfjährigen Wolfgang plötzlich der Star am Set. Damit sie nicht ins Bild lief, wurde sie von Buchholz mit Würstchen bei Laune gehalten. „Horst Buchholz knatterte da mit diesem Motorrad vorbei, wo hinten der Luftballon hing ‘Russkie go home’ und meine Hündin guckte schon immer nach ihm und der schien auch immer ‘ne Wurst auf Tasche zu haben – kaum sah er Senta – schwups flog eine durch die Luft. Die haben diese Szene unendlich oft gedreht. Noch Monate später lief Senta an der Abfüllanlage erwartungsvoll schwanzwedelnd vorbei.“

In einer Rohschnittversion des Films sieht man Steins Eltern, wie sie die Dreharbeiten aus ihrem Schlafzimmerfenster beobachten. „Da hatte die Kamera die späteren Fans schon eingefangen.” Die Szene wurden aber später wieder rausgeschnitten. Die Stars waren umgänglich, gaben Autogramme auf Packpapier und das Werk spendierte Cola satt. Wolfgang Stein hat die gesammelten Unterschriften von Lilo Pulver, James Cagney, Horst Buchholz und Hanns Lothar später verkauft. Da konnte er noch nicht ahnen, wie viel sie heute wert sein würden.

Otto Piffl kurz vor seiner Verhaftung. Filmstill aus "Eins, zwei, drei"

Otto Piffl kurz vor seiner Verhaftung. Filmstill aus “Eins, zwei, drei”

Noch während der Dreharbeiten zu „Eins, zwei, drei” zerstörte der Mauerbau die kindliche Unbeschwertheit. Wolfgang Stein sollte seine Ferien bei einem Onkel verbringen, in einer Datsche bei Stahnsdorf. Aber ein Angebot für kinderreiche Familien vom Senat verhinderte, dass er im Osten eingemauert wurde. So stand er am 13. August 1961 im Kinderzeltlager in Schwanenwerder mit dreißig anderen Kindern um einen Radioempfänger und hörte, was passierte. „Das sah ziemlich kritisch aus. Wir Kinder hatten Angst, wir dachten, jetzt gibt’s Krieg. Dass es nicht dazu gekommen ist, schreibt man ja heute der Tatsache zu, dass Kennedy da gerade Golf spielte und nicht erreichbar war.“

Der Mauerbau warf auch Wilders Drehkonzept über den Haufen. Nach dem 13. August konnte nicht mehr wie geplant am Brandenburger Tor gedreht werden. Das Berliner Wahrzeichen wurde mit großem Aufwand auf dem Bavaria-Film-Gelände bei München nachgebaut. Wie viel Sprengkraft der Mauerbau Wilders Story verlieh, erkannte man erst später. Bei seiner Premiere floppte der Film. Deutschen wie Amerikanern stieß Wilders Satire angesichts der realen politischen Situation als grobe Geschmacklosigkeit auf. Aber Wolfgang Stein hatte ein Ohr für Wilders Vorhersage: „In den Jahren nach dem Mauerbau war es oft wie in der Eingangsszene des Films: Wenn der Wind drehte, hörten wir: ,Völker hört die Signale’…Als ob sie sich drüben ständig selbst vergewissern mussten, wie toll ihre sozialistische Republik ist. Wir haben dann mit Rock’n Roll geantwortet und das Radio bis zum Anschlag gedreht – auch wenn nur wir das hören konnten.”

Der weite Weg der Cabanossi

Zehn Jahre später begann Stein nach Schulabschluss und Kochausbildung seine Arbeit am Flughafen Tempelhof. Er schob Doppelschichten – kochte tagsüber für das Offizierskasino und nachts für den legendären NCO Club „Silverwings”, in dem auch Jonny Cash auftrat. In Erinnerung geblieben, sind Wolfgang Stein vor allem die Versorgungsstatuten der Amerikaner. Alles für den amerikanischen Verzehr in Berlin wurde über den Luftweg aus Amerika geliefert. „Das nahm absurde Formen an, wenn man zum Beispiel italienische Cabanossi-Wurst von Deutschland nach Amerika flog und dann im Flugzeug wieder zurück nach Berlin brachte, um sie hier an die Amerikaner zu verfüttern.” In seiner Zeit beim NCO-Club erlebte Stein etliche Managementwechsel. Jedes Mal wurde dabei auch die komplette Einrichtung ausgetauscht: „Die alten Möbel wanderten vollständig in den Container – Stühle, Tische, Tapeten. Und die Lampen wurden extra mit Gewehrkolben zertrümmert, um zu verhindern, dass sie irgendwann in einer sozialistischen Wohnung hängen.”

Als Mr. MacNamara am Ende des Films mit seiner Familie vereint am Tempelhofer Flughafen steht, bereit für den Abflug in die amerikanische Heimat, gönnt er sich eine Erfrischung aus dem Automaten. Die Verblüffung ist groß, als er statt des erwarteten Coke-Fläschchens eine Pulle Pepsi in der Hand hält. Wieder ist Wilder der Realität einen Schritt voraus. Die größte Bedrohung für den westlichen Aufschwung ist eben nicht der hartgesottene Kommunismus. Der kann – wie Horst Buchholz als Otto Ludwig Piffl herrlich vorführt – bereits nach einem Tag Musikfolter („Itsy Bitsy Teenie Weenie”) in geschäftstüchtigen Kapitalismus umgedreht werden.

Auch dem Werk in der Hildburghauser Straße schadete die Nähe zum sozialistischen Feind nicht. Unermüdlich liefen in der Abfüllanlage die Flaschen mit brauner Limo vom Band. Während im „amerikanischen” Westen Berlins Manager und Tapetenmuster in stetem Wandel waren, schien die Mauer resistent. Und die Menschen richteten sich in ihrem Schatten ein – auch Wolfgang Stein.

DDR als Wohlfühlkulisse

Der Niedergang des Werks begann erst mit dem Fall der Mauer. Die einst so moderne Abfüllanlage war auf einmal veraltet und zu klein für die Produktion des vereinten Berlins. 1992 gab Coca-Cola das Werk in der Hildburghauser Straße auf und baute sich ein neues, größeres Domizil in Hohenschönhausen. Zwanzig Jahre lang stand die ehemalige Abfüllanlage leer und verrottete langsam. Bis 2012 eine Autoreparaturwerkstatt einzog. Seitdem ist ein hoher Zaun um das Werk errichtet, die Schaufenster sind verspiegelt. Das einst auf Transparenz angelegte Gebäude sucht ein wenig hilflos nach Neubestimmung. Und Billy Wilder-Fans, so sie sich hierher verirren, stehen ratlos davor.

Wolfgang Stein ist Mitte der 90er aus München zurückgekehrt, wo er einige Jahre als Gastronomievertreter gearbeitet hat. Seitdem er als Kind die Dreharbeiten zu „Eins, zwei, drei” hautnah miterlebt hat, brennt in ihm die Leidenschaft für das Kino. Zurück in Berlin hat er sich einen Traum erfüllt und arbeitet als Kleindarsteller.- Der bekannteste Film, in dem er zu sehen ist, wurde 2003 wieder in der Hildburghauser Straße gedreht – direkt vor der Haustüre seiner Eltern. Eine satirische Antwort auf Wilders „Eins, zwei, drei”. Wolfgang Beckers Nachwendesatire „Goodbye Lenin” thematisiert die Sicht der Gegenseite. Der Wessi Stein spielt darin einen Ossi, der sein erstes Westgeld in den Kauf einer Satellitenschüssel steckt.

Wolfgang Becker lässt die gerade versunkene DDR als Wohlfühlkulisse in der Plattenbauwohnung einer schwer herzkranken Mutter (Katrin Sass) auferstehen. Da sie beim Fall der Mauer im Koma lag, arrangiert ihr Sohn (Daniel Brühl) alles, um seine Mutter glauben zu lassen, sie lebe nach wie vor in der DDR. Nachdem sie vom Krankenbett aus beobachtet hat, wie an der gegenüberliegenden Häuserfassade ein Coca-Cola-Werbeplakat hochgezogen wird, inszeniert der Sohn eine Berichterstattung, in der behauptet wird, Coca- Cola sei eigentlich eine Erfindung des Sozialismus. Dabei hält die Kamera auf die Fassade des Werks in der Hildburghauser Straße. In der fiktiven Nachricht erscheint sie aber nicht türkisblau, sondern verwaschen grau.

Coca-Cola in Berlin:
1936: erste Abfüllanlage in Berlin in einem ehemaligen Brauereigebäude;
erste Auslieferung für die Olympischen Spiele
während des 2. Weltkrieges: Zerstörung der Anlage durch Bombentreffer
1945: Wiederaufnahme des Betriebs
1957: Abriss der alten Brauereigebäude. Nach Plänen von Hans Simon entsteht in der Hildburghauser Straße 224 in Lichterfelde-Ost das heutige Gebäude
1992: Aufgabe des Standorts Lichterfelde Ost, Umzug nach Hohenschönhausen
2012: Nutzung des Gebäudes durch eine Kfz-Werkstatt

Foto: Kajsa Niehusen

FacebooktwitterFacebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert