Raum
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Freiheit für Alle

Name?
Tempelhof

Aussehen?
Optisch habe ich viele Fassetten. Überall hier gibt es viele Grünflächen und Parks. Die Straßen sind breit und von schönen alten Häusern umgeben, mal herunter gekommen, mal nicht. In manchen Ecken findet man auch Villen und Einfamilienhäuser.

Wo wohnst Du?
Ganz in der Nähe von Neukölln. Auf der anderen Seite liegt mein Verwandter Schöneberg. Auch Steglitz, Mariendorf, Britz und Kreuzberg sind Nachbarn. Ich befinde mich recht im Süden Berlins. Dank Ringbahnanschluss bin ich ausgezeichnet zu erreichen und auch sonst ziemlich optimal angebunden.

Wie riechst Du?
Ich hatte jahrelang ein Problem mit meinem Geruch, ich stank nach Kerosin, aber die Zeiten sind zum Glück vorbei. Ich bin jetzt sauberer, ich rieche besser, wieder frischer, nach Freiheit. Auf dem Feld riecht es im Sommer bekannter Weise nach Grillen, die Wolke zieht auch schon mal rüber.

Wie schmeckst Du?
Nach Selbstgekochtem. Gerne nach deutscher Küche, Kohlroladen beispielsweise. Was nicht heißt, dass ich nicht auch offen für anderes wäre.

Wie klingst Du?
Auch was das angeht, habe ich mich gebessert. Ich war lange geplagt von Fluglärm aber jetzt ist es ruhig geworden. Ich bin ganz und gar kein lauter Charakter. Autos sind natürlich zu hören, gerade am Tempelhofer Damm, aber wenn man sich von diesem entfernt, wird es ziemlich schnell ziemlich ruhig. Man hört Vogelgezwitscher und den Wind in den Bäumen, Schritte auf Kopfsteinpflaster. Ab und zu ist es beinah ein wenig unheimlich still. Und falls nicht unheimlich, dann auf jeden Fall ungewöhnlich. Ungewöhnlich verglichen mit anderen Berliner Kiezen, die so zentral liegen, wie ich.

 

Was ist Dein Stil?
„Es gibt hier keine greifbare Struktur, die man beschreiben könnte“, hat kürzlich eine junge Mutter, die seit 2 Jahren bei mir wohnt, über mich gesagt. Am Tempelhofer Damm öffnen regelmäßig neue Backshops, Casinos und Billigläden, die meistens ein paar Monate später schon wieder schließen. Es ist aber insgesamt ziemlich gemischt hier. Vom besagten Tempelhofer Damm ist man mir nichts dir nichts erst im alten Park, dann im Bose Park und dahinter in einem Villenviertel mit wahnsinnig schönen, großen, alten Häusern. Das Fliegerviertel wiederum ist sehr gepflegt, fast spießig mit seinen Einfamilienhäusern. Bei mir ist es angenehm sauber. Sauberer als in anderen Kiezen. Und auch sonst irgendwie ordentlicher, weniger wuselig und voll als anderswo.

„Das beste an Tempelhof“, hat die junge Mutter auch noch gesagt,“ ist, dass hier jeder noch sein kann, wie er will.“ Ich bin entschleunigt, mache die Berliner Hektik nicht mit.

Deine Hobbies?
Ganz klar Urban Gardening. Ich bin außerdem auch gerne politisch aktiv und setze mich für den Erhalt des Flugfeldes als Freiraum für die Stadt ein, was jetzt ja auch gelungen ist. Welch ein Sieg für das Volk! Freiheit! Einserseits. Manchmal finde ich den Trubel um die Bebauung aber auch übertrieben. Ein leer stehendes Flughafengelände ist ja auch wirklich nicht normal, und wenn die da jetzt am Rand ein paar Häuser drauf gebaut hätten, wäre die Welt auch nicht untergegangen. Was das angeht, bin ich zwiegespalten und kann mich einfach nicht richtig entscheiden. Seit 2009 gibt es im ehemaligen Tempelhofer Hafen am Teltow-Kanal ein Einkaufszentrum. Aber wer hat schon Lust auf so was? „Der Tempelhofer Hafen ist tot“, sagt man, wie vieles hier irgenwie.

Welche Sprachen sprichst Du?
Hauptsächlich wird bei mir berlinert. Darin bin ich wirklich sicher. Ich spreche zwar auch türkisch, arabisch und einige andere Sprachen, aber nicht so gut und fließend wie viele andere Kieze. Die sozialen Schichten, die hier zu finden sind, sind wirklich sehr gemischt. Viele junge Familien kommen, wegen der Ruhe. Es leben hier aber auch viele alte Menschen, die hier schon lange wohnen. Daher auch auch das Original-Berlinerisch.

Wo bist Du montagmorgens?
Ab 6 oder 7 Uhr in der früh findet man mich in einer der türkischen Bäckereien am Tempelhofer Damm, wo ich zusammen mit Freunden frühstücke. Das muss sein, auch wenn Werktag ist, und ich dafür früh aufstehen muss.

Und wo am Samstagabend?
Keine leichte Frage. Ich habe hier keine Feier- oder Fressmeile.

Im Sommer bin ich die meiste Zeit auf dem Flugfeld, da ist ja auch abends einiges los. Insgesamt gibt es aber relativ wenig „Hotspots“, an denen sich feier- und trinklustiges Publikum abends rumtreibt. Deswegen ziehe ich ja auch so viele Familien an. Ich bin also Samstag Abends selten zuhause.

Es sei denn, ich will die komplette Ekstase. Wenn ich Bock habe auf nackte Haut und Sex mit Fremden, dann gehe ich ins „Insomnia“ lasse in jeglicher Hinsicht alle Hüllen fallen und ab in den Fetisch-Wahnsinn. Das „Insomnia“ ist weltweit bekannt in der Swingerszene und ist einer der wenigen Orte, vom Flugfeld einmal abgesehen, der Touristen hier her lockt. Ein Treffpunkt für Rausch, Ekstase und Erotik.

Was willst Du werden, wenn Du groß bist?
Ich bin mir momentan nicht ganz sicher, habe ein paar Probleme mit meiner Selbstfindung. Ich werde langsamer erwachsen, als andere Viertel, die genau wissen, wo sie hinwollen oder einfach mitgerissen werden, ob sie wollen oder nicht. Bei mir ist die Zeit etwas stehen geblieben. Ich bin aber ganz froh darüber, denn ich kann auch sicherer Entfernung und in aller Ruhe beobachten, wie sich die anderen rasend schnell verändern, ich bin kein Mitläufer.

Willst Du mit mir gehen?
Gib mir ein bisschen Zeit. Ich weiß nicht, ob ich schon bereit bin. Ich hoffe du kannst das verstehen, es liegt an mir, nicht an dir.

Bild: Ausschnitt aus dem “Silva-Übersichtsplan von der Stadt Berlin” von 1920. (Quelle: Zentral- und Landesbibliothek Berlin)

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