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Kiez im Dornröschenschlaf

Name?
Lichterfelde Ost.

Aussehen?
Ich bin ein altes Dorf. Weißhaarig, aber in prächtiges Grün gekleidet. Weit über 90 Jahre. Trotzdem immer noch rüstig! Nicht nur darauf bin ich stolz. 1920 wurde ich eingemeindet und gehöre seitdem zum Berliner Bezirk Steglitz- Zehlendorf. Ein reicher Unternehmer hat mich als Villenkolonie gegründet. Es gibt Stimmen, die behaupten, meine Schwester Lichterfelde-West sei hübscher, sie würde die schmuckeren Häuser besitzen. Dazu sage ich nur – sie ist lediglich noch eine ganze Ecke älter, quasi scheintot. Außerdem war sie im Gegensatz zu mir nie Fabrikbesitzerin. Die berühmteste Limo der Welt bekam in der Hildburghauserstrasse  ihre erste Berliner Abfüllanlage!

Wie wohnst du?
Ich habe die Auswahl zwischen vielen Einfamilienhäusern mit üppigen, schön gepflegten Vorgärten. Ein bisschen Gründerzeit, ein bisschen 50erJahre, gerahmt von alten Lindenalleen. Dazwischen Anklänge an Schwarzwaldhaus und Ritterburg – allesamt denkmalgeschützt. Das sind selbst die fortschrittlichen Finnenhäuser gegenüber dem früheren Coca-Cola-Werk. Übrigens – durch mein Gebiet fuhr die allererste elektrische Strassenbahn der Welt.

Wie riechst du?
Ein bisschen nach Mottenkugel und altem Leder, Flieder, frisch gemähtem Rasen und Kölnisch Wasser.

Wie schmeckst du?
Ich schmecke nach Sandplätzchen und Pflaumenkuchen zum Nachmittagskaffee. An einigen Ecken inzwischen auch nach Döner und Bratwurst. Und natürlich immer noch nach Coke!

Wie klingst du? Nach groben Kopfsteinpflaster, Kaffeetassengeklapper und Vogelzwitschern…heute gebe ich euch eine Kostprobe meiner zartesten Sounds.

Was ist dein Stil?
Lederrock und Seidenbluse, Tweedhose und Jackett, hochtupiertes Haar, Gummihandschuhe über frisch manikürten Nägeln. Schmuck und Pumps sind Pflicht – auch bei der Gartenarbeit.

Deine Hobbys?
Gärtnern: Rasenmähen, die Rosen stutzen, den Flieder beschneiden, Rittersporn pflanzen, Rhabarber und Stachelbeeren ernten.

Welche Sprachen sprichst du?
Ich bin einsprachig deutsch. Englisch und Französisch habe ich natürlich in der Schule gelernt. Aber außer meinen vermotteten Shakespeare-Ausgaben im Regal und Madame Bovary unterm Sofa weist nichts darauf hin, dass ich diese Sprachen auch beherrsche. Vergangene Woche allerdings hatte ich die Idee, an der Volkshochschule einen Kurs ‘Türkisch für Anfänger’ zu belegen…

Wo bist du montagmorgens?
Im Garten. Und wenn ich einkaufen muss, trinke ich Kaffee in der Einkaufspassage am Bahnhof.

Und wo am Samstagabend?
Bei schönem Wetter auch am liebsten im Garten – wenn aber doch mal eine alte Freundin zu Besuch kommt, gehe ich mit ihr ins Stellwerk (das ehemalige Umspannwerk) am Bahnhof und trinke Prosecco oder einen Irish Coffee.

Was willst du werden, wenn du groß bist?
Du meinst wohl, wenn ich mein biblisches Alter erreicht habe – ein idyllischer Friedhof…oder der schönste Bahnhof Berlins.
Willst du mit mir mir gehen?
Auf einen Spaziergang durch meinen Garten – immer!

Bild: Ausschnitt aus dem “Silva-Übersichtsplan von der Stadt Berlin” von 1920. (Quelle: Zentral- und Landesbibliothek Berlin)

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