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Her(r), Mann – Platz der Fronten

Wer hier aussteigt, findet die Umgebung beängstigend

Meist ist es dunkel hier. Kein Wunder, das Licht hat es schwer, sich durch die Häuserfronten rund um den Hermannplatz herum hindurchzudrängen. Wer hier, im Bezirk Neukölln, aussteigt, findet seine neue Umgebung erstmal beängstigend. Einzig anmutend: eine Skulptur, die ein tanzendes Paar zeigt, entworfen von Joachim Schmettau. Von Weitem wahrgenommen, könnte man sie in diesem Zusammenhang als eine Art Engel des Untergangs interpretieren. Rund um den U- Bahnschacht ist das Pflaster oft schmutzig und es gibt häufig Pöbeleien in dem leicht verwirrenden Tunnel, der auch in den Keller von Karstadt, das auf der einen Seite des Platzes in die Höhe schießt, hinein lockt. Es ist jedoch zuzugeben: Kaum etwas fehlt hier: Auf der anderen Seite des Platzes, gegenüber des Kommerzmonsters, gibt es Dunkin Donuts, Mc Donalds, es folgen etliche Handyläden, zwischen diesen guckt ein Bestattungsinstitut hervor, dann schließt sich, aus der Reihe fallend, ein Strickmodeladen an, die Bar, die alles bietet (“Bistro”, “Bar” – “Café”) darf auch nicht fehlen. Wem jetzt schwindelig geworden ist, der findet vielleicht in der Apotheke am Ende der Reihe Hilfe.

Ein merkwürdiger Appell

Aber irgendwie hat der Platz, den Neuankömmlinge und Einheimische zugleich oft fürchten, doch auch seinen eigenen Charme. Besonders krass ist das verfallende, schon seit Jahren leerstehende Gewerbegebäude, auf dem “Möbel Wulff” draufsteht. Wie eine riesige Front markiert es den Anfang der Hermannstraße, so kommt es einem vor. “Achtung!”, scheint es zu brüllen. “Aufpassen, hier fängt ein neues Gebiet an!” – oder: “Du bist nicht allein!”, “Wach auf!”, “Hilfe!”. Irgendwie scheint es lebendiger zu sein, als jeder der Handyläden, die sich auf dem Platz vor ihm in Reih und Glied niederknien. “Realy need to discover sex!” Das orthographisch fehlerhaft geschriebene Graffiti steht ganz oben auf dem Gebäude neben der kahlen Seitenwand des leeren Riesen. Ein merkwürdiger Appell, da oben, im kalten Winter, im verfallenden Eingang zu Neukölln – Interpretation offen.

Foto: Lena Abushi

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