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frau machte einen Anfang

Wibke Bruhns war die erste Nachrichtensprecherin im Westdeutschen Fernsehen. Bis Journalistinnen vor der Kamera zu einer Selbstverständlichkeit wurden, hat es aber noch eine ganze Weile gedauert. 

Auch wenn sie bei ihrem opulenten Lebenslauf eher ungern auf dieses Detail reduziert wird, Wibke Bruhns verlas am 12. Mai 1971 als erste Frau im Westdeutschen Fernsehen die Nachrichten. Sie selbst sagt: „Mein einziger Vorteil lag in der Tatsache, dass ich eine Frau bin.“ Und tatsächlich. Nach abgebrochenem Studium und Volontariat bei der Bild, landete sie Ende 1961 durch Zufall beim Fernsehen. Das ZDF war noch in seinen blutigen Anfängen. Als kleiner Bruder der ARD, die seit ihrer ersten Sendung 1952 das gemeinschaftliche Fernsehprogramm bestimmte, sendete das ZDF ab dem 1. April 1963. Wibke Bruhns arbeitete sich hoch, machte Filmbeiträge, Interviews, Moderationen, Studiosendungen und Außenübertragungen. Bei einer Abnahme im Wiesbaden, wo das ZDF Anfang der Siebziger residierte, sickerte die Nachricht durch: der Mr. Tagesschau der ARD soll eine Frau an seine Seite bekommen. Das kann das ZDF schneller! Wibke Bruhns war als einzige Frau am Tisch: „Du machst das, oder?“ Sie machte, jedoch musste das Vorhaben bis zur Umsetzung selbst hausintern geheim gehalten werden. Nach der heute-Sendung gab es heftige Proteste, schließlich gehörte die Frau hinter den Herd, damals, um für ihren Mann das Abendessen vorzubereiten. KKK, Kinder, Küche, Kirche – konservativ eben. Die Frauen beschwerten sich: „Machen Sie die Bluse zu!“ Auch die Männer zeigten sich kreativ: einer platzierte einen großen Haufen Kot auf einem Heiligenbild und schickte ihr diesen sorgfältig verpackt mit der Anmerkung „Gott straft Frauen, die ihren angestammten Platz verlassen“ – so wurde der Shitstorm erfunden. Trotz alledem blieb Wibke Bruhns auf dem Nachrichtenstuhl. Natürlich gab es auch positive Resonanz. Gewerkschaftsfrauen und Frauenzeitschriften feierten die Ms. Nachrichten mit Hornbrille als Vorkämpferin der deutschen Frauen. Und sie feierten das ZDF, weil sie Wibke hatten.

Die DDR war dem Westen voraus

Ganze acht Jahre bevor das ZDF diesen für Westdeutschland revolutionären Schritt tat, gab es in der DDR schon eine Nachrichtenfrau. Anne-Rose Neumann trug am Weltfrauentag, dem 3. März 1963, in der Aktuellen Kamera im DFF die Nachrichten vor. Es hatte einen Wettbewerb für Nachrichtensprecher-Anwärterinnen gegeben, den die damals 27-jährige Neumann gewann. Auch ihr Erscheinen war im Vorfeld nicht angekündigt worden, jedoch fiel die Resonanz deutlich harmloser aus als im Westen. Hier war der größte Eklat eine Namensverwechslung nach der die Sprecherin auf einmal Johanna Völkl hieß. Das Missverständnis wurde aufgeklärt, Beschwerden bezüglich der Rolle der Frau blieben jedoch aus. Das Fernsehen war Abbild der Gesellschaft, denn mit dem sogenannten Frauen-Kommuniqué von 1961 drängte die DDR regelrecht, Frauen zu fördern und sie gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Und schließlich waren in den Sechzigern 45% der Erwerbstätigen Frauen, warum dann nicht auch auf dem Nachrichtenstuhl?

Die Krone für die erste Frau im deutschen Fernsehen gehört also Anne-Rose Neumann. Sie war immerhin 13 Jahre als Sprecherin tätig. Wibke Bruhns hielt es nur knapp zwei Jahre auf dem Stuhl, was jedoch schlicht daran lag, dass ihr das Lesen fremder Texte zu langweilig wurde und sie stattdessen als brillante Journalistin für Furore sorgen sollte. Die ARD brauchte übrigens noch bis zum 16. Juni 1976 um Dagmar Berghoff als erste Sprecherin die Nachrichten lesen zu lassen.

„Propaganda für den Seitensprung“

Obwohl die DDR in Bezug auf die Gleichberechtigung der Frau dem Westen Deutschlands weit voraus war, hinderte die Kontrolle der Staatsmacht die inhaltliche Entfaltung der Medien. Auch in West-Deutschland musste und muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk, hierzu gehören ARD, ZDF und Deutschlandradio, Programmrichtlinien einhalten, die der „Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung [.] dienen, […] insbesondere zur Kultur“ (Urheberrecht §11). Allerdings bewirkte die Einführung der privaten Sender – so zweifelhaft ihr Programm heutzutage auch erscheint – den Umgang mit bisherigen Tabu-Themen. 1984 startete das Pilotprojekt der PKS (Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk), ein Jahr später Sat. 1, und bereits 1987 widmete sich Erika Berger – ja eine Frau! – in Eine Chance für die Liebe auf RTL öffentlich dem Thema Sexualität. Ein Skandal, sie betreibe „Propaganda für den Seitensprung“. Und doch, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wäre eine so direkte Auseinandersetzung mit Sex Ende der Achtziger undenkbar gewesen! Tatsächlich hat es bei ihnen noch ganze 25 Jahre gedauert bis die Aufklärungssendung Make Love mit Sexologin Ann-Marlene Henning in die erste Staffel ging.

Nach der Wiedervereinigung

1989 dann der Mauerfall, das Überrollen der ostdeutschen Sender durch den etablierten öffentlichen Rundfunk und die marktwirtschaftlich geübten Privatsender im Westen. Es dauerte noch weitere zehn Jahre bis Anne Will als erste Frau die von Männern dominierte Sportschau moderierte. Außerdem präsentierte sie sechs Jahre die Tagesthemen und leitet seit 2007 die politische Talkshow Anne Will des NDR. Seit 2003 gibt es Maischberger der ARD von und mit Sandra Maischberger, die Helmut Schmidt wie keinen und keine andere Moderator/in schätzte. Dann gibt es da noch Maybrit Illner, die ihre Karriere im DDR-Fernsehen begann. 1999 wurde ihr die Leitung für die ZDF-Sendung Berlin Mitte zugetragen, acht Jahre später wechselte ihr Titel zu Maybrit Illner. Die Liste könnte noch weitergehen. Auch die Verteilung von Nachrichtensprechern und -sprecherinnen bei ARD und ZDF ist mittlerweile ziemlich ausgewogen: Frauen sind im politischen Fernsehjournalismus mindestens genauso präsent und geschätzt wie Männer. Vor der Kamera. Hinter den Kulissen spielt sich leider ein ähnliches Rangeln und Quotenschieben um Gremienplätze und Führungspositionen ab wie in anderen Unternehmen.

Zwischen Anne-Rose Neumann und Wibke Bruhns als erste Nachrichtensprecherinnen und der Entstehung dieses Texts liegen circa 50 Jahre. Das wird noch.

Foto: Flickr, old tv stuff von Gustavo Devito unter CC BY-SA 2.0

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