Gesellschaft, Musik
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Unangepasstes Egoschwein

Foto: Hendrik Allhoff-Cramer

Die deutsche Liedermacherszene scheint auf den ersten Blick homogen und ziemlich weiß und männlich dominiert. Sängerin Cynthia Nickschas hat das Potenzial dieses Bild zurechtzurücken.

Denkt man an deutsche Liedermacher, hat man viele weiße, alte Männer im Kopf. Namen wie Klaus Hoffmann, Wolf Biermann, Reinhard May, Hannes Wader und Konstantin Wecker fallen unweigerlich. Das ist nicht falsch, stehen doch diese Männer seit Jahrzehnten mit ihren Liedern auf der Bühne. Doch wer in den letzten Jahren in einem Konzert von Konstantin Wecker landete, hat vielleicht ein Gefühl dafür bekommen, dass sich die deutsche Liedermacherszene weiterentwickelt. May, Wader, Wecker – Nickschas?

Zeit umzudenken

Buntgefärbte Haare, Piercings, dreckiges Lachen und kurzer Rock. Cynthia Nickschas scheint äußerlich so gar nicht in das homogene Bild der poetischen Liedermacher zu passen. Nicht in das Bild, an das ein Konstantin Wecker Publikum in der Essener Philharmonie gewöhnt ist. Zeit umzudenken. Zunächst verunsicherte Blicke im Wecker-Publikum, als er seine Bühnenpartnerin vorstellt. Dann Begeisterung über die voluminöse und raue Stimme, die den Konzertsaal füllt. Nickschas Texte mit viel Jugendslang und ihrer mal sanften, dann wieder rotzigen Stimme kommen an. Sie begeistert mit ihrer unverstellten Art, ihrer hörbaren Leidenschaft für die Musik. Das war im April 2016, Nickschas steht zu der Zeit schon zwei Jahre lang mit Wecker auf der Bühne.

Die heute 30-jährige Cynthia Nickschas aus Bonn startet als Straßenmusikerin bevor sie Konstantin Wecker kennenlernt. Auf seinem Label „Sturm und Klang“ erscheint 2014 ihr erstes Album „Kopfregal“, Nickschas gewinnt einen Förderpreis für junge Liedermacher und begleitet Konstantin Wecker auf seine Tour.

Poetisch – polemisch

Inzwischen ist Cynthia Nickschas unabhängig vom Liedermacher Wecker und steht mit ihrer eigenen Band und selbst getexten, deutschen Liedern auf der Bühne. Am 25. Mai veröffentlichte sie ihr zweites Album mit Liedern im Stilmix von Folk, Blues und Pop. Im titelgebenden Lied „Egoschwein“ heißt es: „Und wenn ihr nicht mitgeht, mach‘ ich’s allein! Sorry Leute, da bin ich ein Egoschwein.“ Ein richtungsweisender Track fürs Album, für das Leben der Sängerin? Sicher ist: Cynthia Nickschas lässt sich nicht in ein Liedermacher-Raster quetschen. Zur Not alleine gegen den Mainstream, Hauptsache unangepasst. Auf dem Album singt sie anklagende, wütende Texte, aber auch nachdenklichere, traurige Lieder. Über das Leben, über die Liebe, über Diskriminierung und über die Notwendigkeit von Musik. Gesellschaftlich aufrütteln durch Protestsongs – auch das ist Cynthia Nickschas. In diesem Punkt folgt sie ganz der Tradition von Liedermachern – doch ihre Texte sind kantiger, rotziger, jugendlicher. Ihre kratzige Stimme passt zu Liedzeilen wie „Die Bude sieht aus wie ausgekotzt.“ Poetische Texte lässt Nickschas vielleicht vermissen, doch ihre Tracks schaffen es durch eingängige Melodien tagelang im Ohr zu bleiben.

Aber Cynthia Nickschas, ein Egoschwein? Das neue Album der Sängerin wäre wohl nicht so abwechslungsreich ohne Saxofon-Einlagen und Violinensoli. Mit Christian Zerber am Saxofon, Mario Hühn am Schlagzeug, Christoph Wegener am Bass, Stefan Janzik an der Gitarre und Alwin Moser an der Violine teilt sich Nickschas die Bühne mit gleich fünf Männern. Und auch bei der Finanzierung des neuen Albums konnte sie auf Unterstützer zählen. In sechs Wochen kam per Crowdfunding über 14.000 Euro für die Entstehung des neuen Albums zusammen. Genügend Menschen wollten mehr von der unangepassten Rockröhre Nickschas hören und so mischt ihre neue Platte die deutsche Liedermacherszene wieder mal auf – und das ist gut so.

Cynthia Nickschas, „Egoschwein“, 14,99 Euro, Label: Kick the Flame.

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Kategorie: Gesellschaft, Musik

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