Gesellschaft
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Emotionen zur Pille

Die Anti-Baby-Pille begleitet mich seit acht Jahren. Meine Gefühle zu ihr sind ambivalent. Eine Liebes- und Hass-Erklärung.

Ich liebe dich, Pille. Du gibst mir die Freiheit mich beim Sex ohne panische Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft zu entspannen. Du sorgst dafür, dass ich immer weiß, wann ich mit meiner Periode zu rechnen habe. Mit einer Genauigkeit von +/- 12 Stunden. Ich erinnere mich zurück an mein 15-jähriges selbst. Damals hast du meine Pubertätspickel verschwinden lassen. Meine Unterleibsschmerzen hast du auch auf ein Leiden von einem Tag im Monat reduziert – was ein Segen. Ja Pille, ich liebe dich. Du gibst mir Regelmäßigkeit und Sicherheit in meinem sonst so bewegten und chaotischen Leben.

Ich hasse dich, Pille. Du pumpst meinen Körper mit Hormonen voll. Jeden Monat denkt mein Körper 21 Tage lang, er sei schwanger, nur um an Tag 22 zu erfahren: War nur ein Witz, kannst doch deine Periode bekommen! Jeden Abend muss ich daran denken, dich aus deiner hässlichen Hülle zu pressen um dich mit einem Schluck Wasser einzunehmen, denn auch nach acht Jahren kriege ich dich nicht ohne Wasser runtergeschluckt. Und wenn ich dich mal vergesse, ist das Drama groß: Hatte ich in den letzten 72 Stunden Sex? Ja. In welcher Einnahmewoche bin ich? In der zweiten. Oh. Also wenn nicht zusätzlich mit Kondom verhütet wurde, muss die Pille danach hinterhergeschluckt werden, sonst ist der Schutz vor einer Schwangerschaft nicht gegeben. Noch eine Hormondosis, diesmal die Elefantenration.

Ich möchte nicht mehr, Pille. Ich will ohne dich leben. Doch ich habe Angst vor dem was passiert, wenn du nicht mehr da bist. Starke Regel, starke Schmerzen, Pickel inklusive. Andererseits würde ich dann meinen Körper mal wieder natürlich wahrnehmen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es vor der Hormonkur war. Es ist ein Dilemma.

Pille, ich hasse und liebe dich.

Foto: Vanessa Jürcke

Dieser Text ist im Rahmen des Workshops “Kreatives Schreiben” im Masterstudiengang “Kulturjournalismus” an der UdK Berlin entstanden.

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