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Die Träume des Mittleren Westens

Roadmovie „Nebraska“ erzählt die langsame, aber starke Geschichte eines Alkoholikers und seiner Familie aus der fiktiven US-Provinz Hawthorne.

Hinkend und steif stiefelt ein alter, seniler Mann auf dem Highway entlang, den Blick fest auf den Asphalt gerichtet. Woody Grant, überzeugend und anrührend gespielt von Bruce Dern, möchte die 900 Meilen von Montana nach Nebraska zu Fuß laufen, um dort 1 Million Dollar abzuholen, die er vermeintlich gewonnen hat. Natürlich kommt er nicht weit und wird von der Polizei zurückgebracht.

Das Roadmovie von Regisseur David Payne wirkt auf den ersten Blick wie eine zu gewollte Bündelung aktueller Film-Trends: die Thematisierung des Umgangs mit dem Alter, der moralische Zeigefinger für Amerikas Umgang mit dem Geld und das schwarz-weiße Bild. Auf den zweiten Blick fügen sich diese Themen allerdings ganz zwanglos und sanft ineinander, das schwarz-weiße Bild spiegelt die Tristesse der Landschaft des Mittleren Westens so gut wider wie die Hoffnungslosigkeit, die dort überwiegend herrscht.

Jeder will ein Stück vom Kuchen

Sämtliche Versuche seines Sohnes David (Will Forte), dem Vater zu erklären, dass er auf einen Werbebetrug reingefallen sei, sind vergebens. Der sture Alkoholiker mit der sympathischen Sturmfrisur ist fest entschlossen, sich das zu holen, was ihm zusteht. Schließlich gibt sein Sohn nach und fährt ihn, wohl wissend, dass die Reise die letzte Möglichkeit sein könnte, seinen Vater besser kennenzulernen.

Bei einem  Zwischenhalt in Woodys fiktiver Heimatstadt, der proletarischen Einöde Hawthorne (eigentlich Plainview, Texas) treffen Vater und Sohn auf Onkel, Tanten, Cousins und alte Weggefährten.  Sämtliche Bewohner des Dorfes scheinen ähnlich phlegmatisch und resigniert. Tief gefurchte, leblose Gesichter starren auf Fernseher, in Gläser und aus Fenstern. Nach Woodys überraschender Nachricht kommt allerdings Schwung auf. Familienmitglieder und alte Freunde können nun an nichts anderes mehr denken, als sich ihren Teil vom Kuchen zu sichern.

Oscar-Regen für den einstigen Geheimtipp

Mit dem gleichermaßen bewegenden wie amüsanten Drehbuch gibt Bob Nelson sein Spielfilmdebut – und wird prompt für einen Oscar nominiert. Auch Alexander Payne – bekannt durch ebenfalls stille, aber doch eindringliche Filme wie „The Descendants“ oder „About Schmidt“ – kann eine Nominierung für sich verbuchen. Ebenso  die wunderbare June Squibb, die sich als Woodys Frau nicht nur schlagfertig und taff, sondern auch gefühlvoll und aufmerksam gibt, der Kameramann Phedon Papamichael („The Ides of March“, „Walk the Line“) sowie der Hauptdarsteller Bruce Dern, der zuletzt mit seinem grandiosen Kurzauftritt als Sklaventreiber in Quentin Tarantinos „Django Unchained“ von sich reden machte.

Rauer Charme und positive Ignoranz

Die langsam, aber intensiv erzählte Geschichte lässt den Zuschauer in leiser Melancholie schwelgen, obwohl er die meiste Zeit lacht. Egal, ob Vater und Sohn gemeinsam des Alten verlorenen Gebiss suchen und nicht klar wird, wer von den beiden wen nicht ganz ernst nimmt, oder die furiose alte Frau und Mutter dem Rest der Familie entgegenschleudert, dass sie sich alle „ins Knie ficken“ sollen – das Lachen behält einen sentimentalen Beigeschmack. Woody Grant ist mürrisch, frustriert und stur. Und doch schaut er auf der gesamten Fahrt mit so großen, neugierigen Augen auf die triste Landschaft wie ein Kleinkind auf den Jahrmarkt. Als David gefragt wird, ob sein Vater an Alzheimer leide, verneint er und sagt: „Er glaubt einfach nur an das, was ihm gesagt wird.“ „Oh. Das ist aber schade“, bekommt der Sohn zur Antwort.

Die ambivalente Beziehung zwischen Vater und Sohn, Mann und Frau und Mutter und Sohn berührt und amüsiert gleichermaßen. Am Ende wird klar, dass sture Ignoranz durchaus seine Vorteile haben, ja sogar lebensbejahend wirken kann. So erleben die Protagonisten in ihrem Leben doch noch Höhepunkte, mit denen sie wahrscheinlich nicht mehr gerechnet haben. Genau wie der Zuschauer im Kino.

 

Screenshot: Nebraska Trailer

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Kategorie: Film

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