Stimmen zum digitalen Wandel
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“Ideal wäre eine App, mit der man die Zeit anhalten kann.”

Jana-Maria Mayer-Digitaler Wandel

Jana-Maria Mayer studiert im dritten Semester Kulturjournalismus an der Universität der Künste. Im Interview mit Kulturschwarm verrät sie, wie sie den Digitalen Wandel wahrnimmt und wann sie bewusst offline arbeitet – beispielsweise acht Monate in einem Haus im bayerischen Wald.

Wie oft schaust du täglich auf dein Smartphone?

Eine Mille Mal. Und bestimmt noch ein Dutzend mehr.

Wann ist das Smartphone Fluch, wann Segen?

Es ist Fluch in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Ich bin für mehr Genügsamkeit im Alltag, weil ich glaube, dass der ganze digitale Überfluss uns stumpfsinnig macht und unfähig, unsere eigenen Gefühle zu bemerken und naturgemäß nach ihnen zu handeln. Wenn einer seinem Liebhaber oder seiner Liebhaberin dauernd alles mitteilt und dann auch noch in so einer banalisierten Kurznachrichten-Sprache, dann tut das der Liebe einen ganz schönen Abbruch, meine ich. Das Smartphone fördert den Hang zur völligen Selbstaufgabe zugunsten einer Sache oder einer anderen Person, der sowieso im Menschen verankert ist. Abgesehen davon ist es natürlich trotzdem ein Gerät, das Spaß bereitet. Aber Spaß im Allgemeinen muss man eingrenzen. Wenn man glücklich leben will, muss man sich in fast allem, was man tut, ein bisschen unwohl fühlen.

Wie genau meinst du das?

Man muss sich immer wieder selber überwinden und seinen Horizont erweitern, sonst wird man ein missgünstiger Griesgram, der nur seine Zeit absitzt und andere Leute ärgert. Wenn man etwas Neues lernt, fühlt man sich dabei erstmal unwohl, weil man sich nicht qualifiziert genug fühlt. Dabei macht man im Moment des Unwohlseins alles richtig.

Jana-Maria Mayer ist 25 Jahre jung, studiert Kulturjournalismus an der Universität der Künste und lebt gleichermaßen online wie offline. Für ihre Bachelorarbeit zog sie sich in ein Haus im bayerischen Wald zurück und arbeitete daran.

Welche drei Apps kannst du empfehlen?

Ich benutze ziemlich wenige und hauptsächlich gängige Apps. Für alle Menschen mit Haustier kann ich aber Pawshake empfehlen, da werden Tiersitter vermittelt.

Wie prägt die Digitalisierung dein Berufsfeld?

Ich bin nicht alt genug, um darüber zu urteilen, ich kenne es ja quasi nicht anders. Ich habe aber den Eindruck, dass allein innerhalb der letzten fünf Jahre sich bis über mein Berufsfeld hinaus einiges rasant geändert hat. Am Anfang galt jemand, der einen Youtube-Channel hat, als eher uncool, genauso wie jemand, der regelmäßig auf anderen sozialen Netzwerken agierte, weil man dann den Eindruck hatte, derjenige hat im realen Leben keine Freunde und womöglich keinen Job, sonst könnte er nicht die Zeit aufbringen, dauernd online zu sein. Social Networking war was für Nerds. Heute sind die sozialen Netzwerke so sehr gekoppelt mit dem sogenannten realen Leben, dass alles ineinader übergreift und eigentlich keine Trennung mehr möglich ist. Selbst der letzte Hinterbänkler hat inzwischen begriffen, dass ein gekonnter Online-Auftritt eigentlich unabdingbar ist, wenn man am sozialen Leben teilhaben und sich beruflich gut positionieren will. Exzessive Selbstdarstellung ist nicht mehr uncool, sondern normal. Leider. Das ist übrigens laut Studien kein reines Problem meiner Generation. Es gibt ja die Behauptung, dass die Generation Y narzisstischer sei als die Generationen davor. Man weiß aber, dass die Menschen grundsätzlich mit zunehmendem Alter weniger narzisstisch werden. In den jungen Jahren meiner Generation wirkt das nur deshalb besonders stark ausgeprägt, weil dank der Selfie-Flut jeder dabei zuschauen kann.

In welchen Phasen arbeitest du bewusst offline?

Beim Schreiben bin ich immer offline und das Handy meistens im Flugmodus. Ich versuche möglichst, Online-Recherche und Schreiben voneinander zu trennen, damit ich mich dann ganz dem Text widmen kann. Wenn ich nicht journalistisch arbeite, sondern literarische Texte oder Drehbücher schreibe, lebe ich gern mal ein paar Tage bis Wochen komplett abgeschottet. Letztes Jahr habe ich acht Monate allein in einem Haus im bayrischen Wald gelebt, dabei entstand unter anderem meine Bachelor-Arbeit. Ich war aber natürlich nicht durchgehend offline.

Was war das Thema deiner Bachelor-Arbeit?

Das Thema war passenderweise die Frage, was moderner Eskapismus ist. Social Media und das Internet spielen eine große Rolle, aber zum Beispiel auch der ansteigende Trend des Drogenkonsums und der Schönheitsoperationen. In diesen Fällen geht der Wunsch, seinem Alltag zu entfliehen, Hand in Hand mit der Bereitschaft, sich selbst körperliche Schäden zuzufügen. Das ist in anderen Kulturkreisen vielleicht nichts Neues, mich hat aber besonders diese Überlappung von mentalem und physischem Eskapismus interessiert. Ich habe auch festgestellt, dass Menschen, die in ihrem Job viel sozial interagieren müssen, eher zu einem Burnout neigen, und habe vor diesem Hintergrund die sozialen Netzwerke als Form der modernen Alltagsflucht in Frage gestellt.

Wie bist du dazu gekommen, so lange in diesem Haus zu leben?

Das Haus hat meinen Großeltern gehört und stand nach dem Tod meiner Oma lange leer. Ich hatte keine Lust mehr auf Großstadtleben und bin deshalb, nachdem ich in Hamburg keine Uni- Veranstaltungen mehr besuchen musste, in dieses Haus eingezogen. Da hatte ich natürlich Glück, überhaupt so eine Möglichkeit zu haben. Ich kann es aber jedem, dem sich ähnliches anbietet, nur empfehlen. Wenn man so lange mit sich alleine ist, reflektiert man viele Dinge intensiver und auch ruhiger.

Was sollte noch erfunden werden, um deinen Alltag angenehmer zu gestalten?

Eine App, mit der man die Zeit anhalten kann, während man arbeitet. Dann könnte man sich, nachdem man mit seiner Arbeit fertig ist, erstmal kurz aufs Ohr hauen und dann den Tag nutzen, um Freunde zu treffen, in der Sonne zu spazieren und Bücher zu lesen.

 

Foto: Hieronymus Ahrens

 

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Kategorie: Stimmen zum digitalen Wandel

1 Kommentare

  1. Daniel Lücking

    Gesunde Einstellung, ohne in Technikverweigerung zu verfallen. Die Balance zwischen digitalem und realem Kontakt zu finden ist aus meiner Sicht ebenso schwer, wie bei allen anderen Arten von Medienkonsum. Nur sollte man niemanden verurteilen, der in seinem Medium besonders gut zurecht kommt.
    So ließe sich dem Dozenten Lichtenberger durchaus vorwerfen, dass sein Print-Konsum ihn davon abhält Entwicklungen zu verfolgen, die sich im digitalen Raum abspielen. Eine Kommunikationsart nur aus der Metaperspektive zu betrachten reicht mir persönlich nicht aus. So sollte Twitter ebenso erlebt werden, um kompetent urteilen zu können, wie die Erfahrung eines kulturjournalistischen, politischen oder philosophischen Salonabends.

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