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„Für die Menschheit ist das Smartphone ein Unglück“

Für Journalist*innen ist das Internet unabkömmlich. Sie brauchen es für die tägliche Recherche. Aber ist das wirklich so? „Wieso nicht einmal die Runde ohne Internet spielen“, schlägt Kulturjournalismus-Dozent Lutz Lichtenberger im Interview vor.

Kulturschwarm: Haben Sie ein Smartphone?
Lutz Lichtenberger
(nach längerer Pause): Ich möchte so gerne aus politischen Gründen sagen: „Nein!“ Aber so wirklich wahr wäre das nicht. Tatsächlich besitze ich ein Telefon, mit dem ich Emails empfangen kann.

Wie oft schauen Sie täglich auf ihr Smartphone?
Drei Mal.

Das ist sehr genau. Weshalb drei Mal?
Das ist ganz einfach: Einmal für die Basketball-Ergebnisse aus der Nacht zuvor. Einmal fürs Theater- und Kinoprogramm und einmal für die Zeitungen. Mein Telefon ist allerdings – mit einer kleinen Ausnahme – App-frei.

Wann ist das Smartphone für Sie ein Fluch, wann ein Segen?
Für Basketballergebnisse und das Nachschlagen vom Kinoprogramm ist es großartig. Für die Menschheit ist es ein Unglück.

Können Sie das näher erläutern?
Es wäre zu einfach zu sagen, dass eine große Anzahl von Menschen jedes Jahr überfahren wird, weil sie auf ihr Telefon gucken. Also selbstverständlich teile ich all die gängigen Negativeinschätzungen von Smartphones: Dauererreichbarkeit, Zeitverschwendung, politische Radikalisierung durch Filterblasen, zu viele Chatgruppen, Verschwörungstheorieverstärkungen. Gleichzeitig kenne ich natürlich die ganzen Argumente, dass sich die Menschen besser vernetzen. Etwa Menschen, die an einer seltenen Krankheit leiden und sich mit Menschen am anderen Ende der Welt austauschen können, denen es ähnlich geht. Für die ist das Smartphone eine feine Sache. Aber es bleibt eine unfassbare Aufmerksamkeitsmaschine, dieses Runterziehen auf den kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenner, auf die hässlichsten und dunkelsten Gefühlsregungen im Menschen. All das ist schlecht.

Das schreiben Sie dem Smartphone zu?
Na ja, die amerikanischen Befürworter des Waffenbesitzrechtes sagen immer: „Es sind die Menschen, die andere Menschen umbringen, und nicht die Waffen.“ Natürlich könnten wir alle abwägende, unsere Zeit gut einsetzende Smartphone-Benutzer sein. Wir sind es aber nicht.

Können Sie trotz aller Abneigung gegenüber Smartphones Apps empfehlen?
Eine. Ich kann eine App empfehlen. Die heißt Pocket. Bei der kann man Zeitungsartikel sammeln, die einen interessieren. So als ob man eine Zeitung nimmt, fünf Artikel ausschneidet, auf einen Stapel legt und später in Ruhe liest.

Wie prägt die Digitalisierung Ihr Berufsfeld?
Es stimmt, was die New-York-Times-Kolumnistin Gail Collins gesagt hat, dass insgesamt durch die technische Revolution das Schreiben jeder Art einfacher geworden ist. Man kann Fehler schneller korrigieren, Absätze verschieben, Sätze neu schreiben. Das hat einen massiven Vorteil gebracht. Durch Computer und das Internet ist es natürlich einfach, Dinge nachzuprüfen, ob es jetzt die richtige Namensschreibung von Personen ist oder die kurze Prüfung, ob etwas im Jahre 1983 oder 1984 stattgefunden hat. Für all diese Sachen ist das Interne hilfreich – ja, auch sinnvoll. Es tut mir weh, das zu sagen, aber ganz verleugnen kann ich es nicht. Die Position der reinen Technikfeindschaft ist ja aber auch keine wirklich diskussionswürdige.

Genau diese Position vertreten Sie aber gerne.
Dafür gibt es wohl die durchsichtige Erklärung der absichtlichen – leichten – Provokation, indem man etwas so übertreibt, dass im besten Falle durchscheint, was wirklich schlecht ist. Ich behaupte aber tatsächlich aus vielen Gründen, dass Printzeitungen zu lesen produktive Vorteile hat und nicht nur nostalgisch und absichtlich „old-school“ ist.

Lutz Lichtenberger lehrt seit 2013 als Dozent im Studiengang Kulturjournalismus an der Universität der Künste. Zuvor hat er an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft studiert. Seit 2007 ist er Pauschalist in der Berliner Redaktion der Atlantic Times, seit 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZIW der UdK bei Prof. Dr. Anton Austermann.

Können Sie ihre Gründe für Ihre klare Bevorzugung von Printzeitungen gegenüber Online-Journalismus nennen?
Das wäre abendfüllend. Aber vielleicht die wichtigsten. Ich hab gelesen, dass viele Menschen ihre Nachrichten heute zusammen sammeln von diversen Social Media Feeds. Danach fühlen sie sich gut informiert und stoßen eventuell auf diese Weise ab und zu auf interessante Texte von Medien, die sie sonst nicht gelesen hätten. Trotzdem behaupte ich, dass die Auswahl, die eine Redaktion trifft, die in ihrem institutionell-historisches Wissen viel länger zurückreicht, ausgewogener ist. Darin liegt ein besonderes Vorteil: In einer guten Tageszeitung kommt die ganze Welt vor, in einer Redaktion kommen, trotz Redaktionslinie, auch andere Stimmen vor. Und es gibt die Leser-Blatt-Bindung. Da weiß man, dass bestimmte Autoren schon über viele Jahre ein Thema behandeln und gut darüber schreiben. Außerdem liest man ruhiger und periodisch. Nicht nur zu einer festen Tageszeit. Sinnvoll finde ich auch, dass eine Redaktion die Informationsmenge festlegt. Im Internet kann man immer zum nächsten Artikel springen und ich glaube nicht, dass dabei die Schärfe, Dichte und Konzentration der Leser gewährleistet bleibt.

Also gibt es nichts, was Sie vom Online-Journalismus überzeugen kann?
Journalisten müssen für ihre Arbeit gut bezahlt werden. Da führt kein Weg dran vorbei. Wenn Menschen Online-Abos abschließen würden, wäre ich sehr dafür. Aber die oft beklagte Gratiskultur im Internet ist ein Problem, und sobald dort Journalismus etwas kostet, wird er abgelehnt, als sei es irgendeine Form von Menschenrecht, umsonst Artikel lesen zu können. Sollten irgendwann Bezahlmodelle im Internet richtig funktionieren, oder die Werbung den guten Journalismus ausreichend finanzieren, dann wäre das in Ordnung. Noch wird Online einfach auf viel Masse gesetzt, da geht es um Clickbait und die Inhalte sind online bisher noch immer sehr oft deutlich schlechter als die Printprodukte.

In welchen Arbeitsphasen arbeiten Sie bewusst offline?
Natürlich benutze ich für die Suche nach Büchern das Internet und schlage Jahreszahlen nach. Aber ich finde es tatsächlich nicht unproduktiv Zeitungsartikel auszuschneiden. Man sieht sie, liest sie ein zweites Mal und speichert sie viel besser im Gedächtnis ab als Online-Artikel. Ich finde es einen schönen Grundsatz, zunächst einmal zu prüfen: Was kann man wissen, lesen, sehen, herausfinden ohne irgendein Gerät überhaupt anmachen zu müssen. Eine der Kulturtechniken, die bei Journalisten zunehmend verloren geht, ist das Telefonieren. Man hat früher, wenn man etwas nicht wusste, Menschen angerufen, die einem weiterhelfen konnten. Oder noch davor, hat man in einem Buch nachgelesen. Ich denke: Warum nicht erstmal die Runde ohne Internet spielen und sehen, was herauskommt.

Glauben Sie der tagesaktuelle, der schnelle Journalismus ist dafür noch bereit?
Das versuche ich ja die ganze Zeit zu behaupten. Ich hoffe sehr, dass die langsamere Form eine Zukunft hat. Das ist wie beim Essen: Da will man auch nicht die schlecht produzierte, allzu billige, in Plastik eingeschweißte Wurstpackung kaufen. Selbst wenn da das antielitäre Argument kommen mag: „Online-Journalismus können sich mehr Menschen leisten.“ Ich glaube aber nicht, dass diese Rechnung aufgeht. Das Informationsbudget, was Zeit und Geld betrifft, ist eher größer geworden, würde ich behaupten, wird aber für anderes verwendet. Anstatt das Zeitungsabonnement – das gute Essen zu kaufen – möchte man lieber schlecht essen, weil es billiger ist und die Ressourcen anders verwenden. Das ist eine Entscheidung, aber ich würde so gerne sagen: Vielleicht schmeckt die andere Sache ja besser, ist nahrhafter, angenehmer und schöner für den Menschen.

Was sollte noch erfunden werden, um Ihren Alltag angenehmer zu gestalten?
Tatsächlich bin ich ja 1897 geboren (fast) und deshalb etwas fortschrittspessimistisch. Ich weiß aber, dass man den Zustand von heute nicht einfrieren kann. Wobei, dann würde ich auch nicht den heutigen Zustand, sondern einige Schritte davor einfrieren wollen. Aber ich muss zugeben: Mir geht die Phantasie, was noch Besseres kommen soll, vollständig ab.

Bei aller Ablehnung des digitalen Wandels: Was ist Ihr Gegenentwurf?
Verlangsamung von allem? Länger nachdenken? Wenn etwa die Menschen, die im Zorn einen Internet-Kommentar verfassen, erst einmal eine Nacht drüber schlafen, um morgens nochmal zu prüfen, ob sie immer noch so wütend sind? Ich glaube, dann hätten wir schon was gewonnen.

Foto: Linda Gerner

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