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„Mathe und Musik sind kaum definierbar“

Ping, Kling schhhhschshh – so klingen algorithmische Kompositionen von Stipendiat Bjoern Erlach. Was für ihn die Verbindung zwischen Informatik und Musik ausmacht, erzählt er im Steckbrief.

Musik ist – wenn man so will – reine Mathematik. Jeder Ton kann mit drei Zahlen dargestellt werden: einem für die Tonhöhe, einem für die Anschlagsstärke und einem für die Anschlagsdauer. Um ein Lied zu spielen, bedarf es somit nur eines passenden Algorithmus. Ein solches Kompositionsverfahren nennt man Algorithmische Komposition. Bjoern Erlach, 40 Jahre alt, Stipendiat der UdK-Graduiertenschule, entwickelt diese.

Kulturschwarm: Was kann man sich unter algorithmischen Kompositionen vorstellen?
Bjoern Erlach: Mit Algorithmen zu komponieren bedeutet formal, beschreibbare Abläufe oder Regeln zu erfinden und deren musikalische Konsequenzen zu erkunden. Sich an bestimmte Regeln beim Komponieren zu halten ist dabei nichts Besonderes. Bei fast jeder Komposition gibt es entweder durch den Stil gegebene Regeln oder sich vom Komponisten selbst auferlegte Einschränkungen, um bei der Komposition Fokus und Zusammenhang herzustellen. Um einen Algorithmus zu entwickeln, muss man die Ideen oder Regeln so zusammenstellen, dass sie sich eindeutig in einer formalen Sprache ausdrücken lassen und dadurch in einer Computer-Sprache implementierbar und ausführbar werden.

Und wie klingt das?
Ping, Kling schhhhschshh Klang zzzong ping … Nein, da lässt sich nichts Allgemeines sagen. Algorithmisch zu arbeiten ist eben eine Arbeitsweise und kein Stil. Von Noise bis zur Stilkopie kann man alles Mögliche damit erreichen.

Wo kann ich algorithmische Kompositionen denn im Alltag hören?
Die meisten Radios in deutschen Autos sind wohl nicht unbedingt auf Sender eingestellt, die algorithmische Komposition im täglichen Programm haben. Denn vor allem Komponisten und Komponistinnen moderner Kunstmusik arbeiten mit Algorithmen. Zum Beispiel sind Klarenz Barlow oder Iannis Xenakis bekannte Komponisten, deren Werke klar als algorithmische Kompositionen bezeichnet werden können. Andere Sparten der Musik wie Rock oder Popmusik werden zwar auch zum Grossteil mit Computerprogrammen gemacht, aber die Nutzung ist da im Bereich der Produktionstechnik und um Synthesizerklänge zu erzeugen.

Mit seiner Band „Soldados de la Coca“ macht Bjoern Erlach algorithmische jazz- und folkartige Musik.

Was haben Informatik und Musik gemeinsam?
Beide sind schwer definierbar. Es gibt eine weit verbreitete Idee, dass es eine tiefe Verbindung zwischen Musik und Mathematik gibt. Um ehrlich zu sein ist diese Idee meiner Meinung nach überschätzt. Versuche, diese Idee zu konkretisieren und Musik mit rigorosen mathematischen Methoden zu analysieren, werden schnell sehr kompliziert – die Erkenntnisse aber trotzdem trivial oder widersprüchlich. Natürlich kann man viele Aspekte, wie zeitliche Proportionen, Frequenzverhältnisse, oder akustische Phänomene, mathematisch betrachten. Auch für meinen Arbeitsansatz, den algorithmischen Kompositionen, ist dies wichtig: Mathematik und die Arbeit mit Computerprogrammen können helfen, Erkenntnisse über bestimmte Aspekte der Realität zu gewinnen und das kann man sich auch bei der Musikkomposition zunutze machen.

Was machst du persönlich aus der Verbindung Informatik – Musik?
Als Kind habe ich ein mit Comodore und Atari Maschinen an Musik gebastelt. Später bin ich durch die Bücherei auf Neue-Musik und auch auf algorithmische Kompositionen gestoßen und das hat mich dazu bewegt, Programmieren zu lernen. Ich beschäftige mich nun schon ziemlich lange mit Klangsynthese und kann mir daher zum Teil die klanglichen Ergebnisse und Möglichkeiten von verschiedenen Synthese-Methoden mehr oder weniger gut vorstellen.

Wie haben Neue Medien dein Fach verändert?
Die elektronische Musik und die Computer-Musik zählten selbst vor nicht allzu langer Zeit noch zu „neuen Medien“. Ihre Entwicklung hat auf die Musik fast aller Sparten enorme Auswirkungen gehabt. Durch Lautsprecher-Zuspielung ergeben sich nicht einfach nur neue klangliche Möglichkeiten, sondern auch kuriose Situationen auf der Bühne.

Inwiefern ergeben sich kuriose Situationen?
Traditionelle Musikinstrumente sind jedem einigermaßen bekannt. Es ist jedem klar, was auf der Bühne passiert, wenn jemand Trompete spielt. Mit dem Einsatz von Elektronik ist das Verhältnis der Performance zu den resultierenden Klängen nicht mehr so eindeutig. Im Falle von neuen elektronischen Instrumenten kann man nicht direkt erkennen, wie diese gespielt werden, weil man sie nicht kennt. Jemand, der hinter einem Laptop sitzt, könnte E-Mails schreiben oder Musik machen. Das kann man nicht sehen. Somit haben die Konzerte keinen Performance-Aspekt, wie man es von anderen gewohnt ist.

Wie kann man Technologie nutzen, um Musik zu verändern?
Natürlich muss man sich zunächst mit beidem wirklich auseinandersetzen. Um speziell auf Computer-Technologie einzugehen, muss man lernen, zu programmieren. So war es für mich das Richtige. Manche Leute haben aber eher ein Talent dafür, sich der Klischees der existierenden Technologie auf unerwartete Art zu bedienen und sie dabei in etwas Interessantes zu verwandeln – auch so kann man Musik verändern.

Wann bist du zum ersten Mal mit dem Internet in Kontakt gekommen?
Weiß ich gar nicht mehr – es ist aber schon eine Weile her. Meinen ersten PC habe ich mir nur gekauft, um Klang- und Synthese-Experimente zu machen. Kommunikation via Mail hat mich nicht interessiert.

Interview: Maike Brülls

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