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Auf ein Toast Hawaii nach Koblenz

Das 68 Projects zeigt abstrakte Architekturbilder, die von deutscher Piefigkeit, der Schönheit menschenleerer Räume und Origamivögeln erzählen

Hinter einer Detailaufnahme steckt manchmal mehr als man denkt. Die Kunstwerke, die aktuell in „68 Projects“ ausgestellt werden, sind voller interessanter Anekdoten. Unter dem Titel „Architektur und Abstraktion“ präsentiert die Charlottenburger Galerie noch bis zum 4. März drei Künstlerinnen, die sich mit der Beschaffenheit von Räumen auseinandersetzen. Andrea Grützner, 1984 geboren, mehrfach ausgezeichnet und ausstellungsmäßig mächtig unterwegs, hat bei einem Spaziergang ein skurriles Koblenz entdeckt. Friederike von Rauch, 1967 geboren, zuletzt in Frankreich und Brasilien zu sehen und bei Sammlern begehrt, interessiert sich für die meditative Atmosphäre in verlassenen Zimmern. Und Tanja Rochelmeyer, 1975 geboren und Liebling des asiatischen Kunstmarktes, ist der japanischen Falttechnik nicht abgeneigt.

Das Eck 8, Andrea Grützner, 2016

Weil Künstler von etwas leben müssen, bewerben sie sich auf gesponserte Stadtaufenthalte, die meistens dort angeboten werden, wo nicht gerade der Bär steppt. So hatte es Andrea Grützner 2015 nach Koblenz in Rheinland-Pfalz verschlagen. Ihr Auftrag war es, Fotos von der 100.000-Einwohner-Stadt zu knipsen. Einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstört worden war und in der sich die architektonischen Visionäre der 50er-Jahre nach Herzenslust ausgetobt hatten. Während des Aufenthaltes sind der Fotografin viele Bausünden á la Omas Kittelschürze vor die Linse gesprungen, die sie unter dem Titel „Das Eck“ zusammengefasst hat.

 

Herrliche Aufnahmen von Bausünden á la Omas Kittelschürze. 

Da eine Fassade, die aus winzigen Quadraten und Kreisen besteht, bei deren Anblick einem schwindelig wird. Dort eine Hauswand, dessen Besitzer meinte, Streifen in verschiedenen Beigetönen seien eine gute Idee. Dann ein mit Palmen verzierter Bastvorhang und ein Vogelhäuschen vor kahlem Grund. Kurzum: ein Sammelsurium aus schönen Scheußlichkeiten. Der charmant-schreckliche kleinere Großstadtmief, der einen unwillkürlich an akkurat geschnittene Vorgartenhecken und Toast Hawaii denken lässt, an Bowle mit Dosenfrüchten, an deutsche Langeweile und Leberwurst.

Grimani 4, Friederike Rauch, 2012

Von völlig anderer Natur sind die Arbeiten Friederike von Rauchs. Die auf empfindlichem, samtig wirkenden Baumwollpapier gedruckten Fotografien zeigen Ausschnitte von Räumen, von denen eine meditative Stimmung von übernatürlicher Eleganz ausgeht. Die Fotografin, die ausschließlich analog und mit dem vor Ort vorgefundenen Licht arbeitet, das auch schon mal von einem Baustrahler ausgehen kann, dokumentierte 2008 den Umbau des Neuen Museums in Berlin. Im Sinne ihres ästhetischen Programms sind im abgelichteten Gräbersaal keine schwer schuftenden Bauarbeiter zu sehen, sondern weiße, an manchen Stellen unverputzte Wände, die in strahlend helles Licht getaucht sind

 

 

Übernatürliche Eleganz trifft Kultfilm „Transformers“

O.T. (0714), Tanja Rochelmayer, 2012

Bei Tanja Rochelmeyer ist dann wieder Kontrastprogramm angesagt. Die Malerin, die zu Musik den Pinsel voll Acrylfarbe schwingt, fertigt farbenprächtige Gebilde aus splitterhaften Flächen an, die den Eindruck erwecken, als könnten sie jederzeit eine andere Gestalt annehmen – ein bisschen so wie die Maschinenwesen aus dem Kultfilm „Transformers“. Und tatsächlich haben sich auch schon zwei ihrer Gebilde von der Fläche in den dreidimensionalen Raum bewegt, und sehen durch das gefaltete Acrylglas wie buntgefiederte Origamivögel aus, die vielleicht – wer weiß das schon so genau – bald aufbrechen werden nach Koblenz in ihr Vogelhaus.

Galerie 68 Projects: „Architektur und Abstraktion“ mit Andrea Grützner, Friederike von Rauch und Tanja Rochelmeyer, Fasanenstraße 68, Dienstag bis Samstag 11 bis 18 Uhr

Beitragsbild: Das Eck 14, Andrea Grützner, 2016, 68 projects

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