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Das Other Nature

Dass ein Sex Shop auch politisch sein kann, zeigt die gebürtige Kanadierin Sara Rodenhizer mit ihrem alternativen Sexladen „Other Nature“ in Berlin-Kreuzberg.

Auf der wiederverwendbaren Slip-Einlage prangt ein kleines Fahrrad in grau. Daneben schwingen die Peitschen aus recycelten Fahrradschläuchen in ihren Halterungen, denn ein Bus ist gerade den Mehringdamm hinuntergedüst.

Der alternative Sexladen „Other Nature“ befindet sich an der Ecke zur Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg. Er versteckt sich hinter den Büschen einer Grünanlage, aber schummrig-schmuddelig ist hier nichts. Im Gegenteil, in den hellen Räumen mit den großen Schaufenstern und Wohnzimmertapeten reihen sich bunte Dildos und Anal-Plugs zum Betrachten auf. In dem Hinterzimmer des Ladens, wo man auch Bücher zu Trans-Kultur und feministische Pornofilme findet, thront eine gemütliche Sitzecke. Gegründet wurde „Other Nature“ Ende 2011 von Anne Bonnie Schindler und Sara Rodenhizer. Berlin fehlte damals ein Sex Shop, der rund um die Uhr zugänglich ist und eine große Auswahl an qualitativen Produkten bietet, erklärt Rodenhizer.

Ein großes Grinsen von Wange zu Wange lädt dazu ein, ihr ein paar mehr Fragen zu stellen. Hinter dem Tresen ihres Sexladens lädt Sara ihre Kunden zu einem Rundgang ein. Beim Beschreiben der Verwendung des Dildos schaut sie einen dabei wie eine gute Freundin hinter dem Rahmen ihrer Brille an. Ihre graue Kapuzenjacke, der Fransenschal und ihre braune Kurzhaarfrisur bestätigen den Eindruck, dass man eher ein privates Gespräch über seine sexuellen Geheimnisse führt, als dass man von einer Verkaufsperson ein Sex-Toy aufgequatscht bekommt.

Sara Rodenhizer verschlug es erst im Alter von 30 Jahren nach Berlin. Geboren ist sie in Hamilton, einer Großstadt im Südosten Kanadas. Sie studierte eigentlich Englische Literatur, aber nach einer Weile wurde ihr Nebenjob im feministischen Sex-Shop „Venus Envy“ zum Hauptberuf. Sie wurde Managerin und arbeitete vier Jahre lang im „Venus Envy“ in Kanadas Hauptstadt Ottawa.

Ihr Berliner Sexladen ist zwar auch an Frauen orientiert, aber das schreckt die vielen männlichen Kunden nicht ab. Denn ein weiteres Konzept von „Other Nature“ ist, dass der Laden für alle offen steht, ganz egal, welchen Geschlechts, sexueller Orientierung, Alter oder Herkunft.

Was diesen Laden besonders macht, ist sein Versuch reale politische und gesellschaftliche Probleme zu lösen. Zum einen bietet „Other Nature“ einen Ort, an dem sich Frauen auf ihren Körper in all seinen Aspekten einlassen können, ohne Beschämung oder gesellschaftliche Tabus. Zum Beispiel durch Hygiene-Produkte, die dem Markt-Mainstream entgegenstehen. Wie der „Diva Cup“, dem Topseller des Ladens. Der Menstruationsbecher aus Silikon bietet der Umweltzerstörung durch alltägliche Wegwerf-Rituale eine Alternative.

Diva Cup Other Nature

Mit dem Menstruations-Cup bricht “Other Nature” das Schweigen um das blutige Tabu.

Zum anderen sind die Peitschen, Dildos, Gleitgels und Kondome im Laden aus ökologisch produzierten Inhaltsstoffen, die für den Körper unbedenklich sind und die Umwelt nicht belasten. Im Gegensatz zur intransparenten Sextoy-Industrie, die teilweise Dildos mit giftigen Inhaltsstoffen verkauft, hat die Besitzerin Sara Rodenhizer Kontakt zu all ihren Herstellern und prüft genau, was in ihren Laden kommt. Dass alle Produkte auch vegan sind, also ohne tierische Inhaltsstoffe oder Tierversuche hergestellt wurden, ergibt sich dabei fast schon von alleine.

Diese Entscheidungen spiegeln sich auch in der Namenswahl des Berliner Ladens wider. „‘Other Nature‘ fordert die Idee heraus, dass es nur eine ‚Natur‘ von Menschen gibt. Der Name zeigt auf, dass es mehrere Wahrheiten, Identitäten geben kann, außerhalb von ‚normal‘ und ‚entweder/oder‘.“, erklärt Sara. Auch spielt der Name auf „Mother Nature“ an, was die Überzeugung des Ladens zeigt, umwelt- und körperfreundliche Produkte anzubieten.

Sara Rodenhizer ist eine kleine Person mit großen Ideen. Sie hat großen Einfluss darauf, dass ihr feministisch-queerer Sexladen eine entspannte Atmosphäre hat. Sie erklärt und informiert ohne jegliche Scham. Sie ist natürlich. Und fördert dadurch das natürliche Reflektieren über die eigene Sexualität. Seit sieben Jahren arbeitet die gebürtige Kanadierin nun in Sex-Shops und ihr gehen immer noch nicht die Ideen aus. Für die Zukunft denkt sie über einen Lieferservice nach, natürlich ökologisch nachhaltig per Fahrrad. Stichwort „Dildo at your Door“.

Rodenhizers Sexladen „Other Nature“ ist ein Mikrokosmos dessen, wie man selbst durch kleine Veränderungen seines alltäglichen Handelns, gesellschaftliche Probleme thematisieren und ihnen auch entgegenwirken kann. Konsum wird damit zur Politik. Den Zweifel daran, wie man Konsumkritik anhand eines Sex Shops üben kann, da dieser doch das Privateste eines jeden öffentlich zum Konsumgut macht und verkauft, kontert „Other Nature“ mit seiner Selbstverständlichkeit. Hier bieten Hersteller ihre Produkte an, die sie aus moralischen Bedenken gegenüber den existierenden Sex-Shop-Toys erzeugt haben.

Den Geist von „Other Nature“ gibt folgendes Zitat von der Pornodarstellerin Annie Sprinkle am besten wider: „Die Antwort auf schlechten Porno ist nicht gar kein Porno – sondern es zu versuchen, besseren Porno zu machen!“

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