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Die Paris Bar

Die Kantstraße 152 ist die Adresse einer echten Berliner Legende: der Paris Bar. Das französische Restaurant kann über ein Vierteljahrhundert Geschichten von Weltstars, großen Künstlern und jeder Menge Probleme erzählen.

Es ist eine sternenklare Nacht in einem großen Atelier. Bei weit geöffnetem Fenster steht der Maler vor seiner Staffelei, ein Glas Rotwein in der Hand, ringt er in seinem Schaffensprozess mit der Welt oder schneidet sich im Delirium ganz à la Van Gogh einfach gleich ein Ohr ab. So ähnlich stellt sich wohl der gemeine Kunstkenner und -konsument einen Künstler vor. Leider ist die Realität viel unromantischer. Wirklich erfolgreiche Künstler müssen nicht nur Produzenten, sondern vor allem Unternehmer sein.

Eine Weisheit, die für die ehemaligen Besitzer der „Paris Bar“, Michel Würthle und Reinhold Noha, ebenso gilt wie für ihre berühmten Stammgäste, zu denen auch Martin Kippenberger zählte. Kippenberger sagte, er könne sich ja nicht wie van Gogh jeden Tag ein Ohr abschneiden. Er schenkte der “Paris Bar” etliche seiner Werke und durfte dafür im Austausch sein Leben lang in der “Paris Bar” kostenlos essen und trinken. Unter diesen Schenkungen war auch eines von Kippenbergers bekanntesten Werken – ein Gemälde der „Paris Bar“ selbst – das Ende 2009 im Auktionshaus Christie’s in New York für stolze 2, 7 Millionen Euro versteigert wurde.

Madonna, Gina Lollobrigida und Otto Sander

Es waren Künstler wie Martin Kippenberger, die die „Paris Bar“ Anfang der 90er Jahre zur Grande Dame in West-Berlin machten. Unter der knallroten Leuchtreklame des Restaurants tummelten sich jahrzehntelang Persönlichkeiten wie Helmut Dietl, Vadim Glowna, Iris Berben, Bernd Eichinger, Jack Nicholson und Robert de Niro. Am Bartresen zeugt noch ein Messingschild davon, dass hier Otto Sander einst seinen Stammplatz hatte. Legendär sind Auftritte wie der von Madonna: Sie kam in das Restaurant und wählte einen Tisch. Eine Kellnerin teilte ihr höflich mit, dass der Tisch bereits von Gina Lollobrigida reserviert sei. Madonna soll daraufhin nur erwidert haben: “Who the fuck is Gina Lollobrigida?” und setzte sich dennoch an den Tisch.

Kippenberger paris bar

Martin Kippenbergers berühmtes Gemälde der  Paris Bar. (Foto: Fotostream von RasMarley/flickr)

„Stand still and rot“ – hängt als wenig tröstlicher Leitspruch in Form eines Gemäldes von Caroline Weihrauch direkt unter der Decke. Die Wände sind nikotinbraun, vollbehangen mit Zeichnungen, Gemälden, Kunstobjekten und allerlei Krimskrams – manchmal vulgär, manchmal urkomisch. Die Kellner sprechen hier französisch, nicht etwa, weil sie tatsächlich Franzosen sind, sondern weil der Besitzer es so wünscht. In der Hektik des Abends rufen sie in einem stark akzentuierten und gebrochenen Französisch hin und her: “Table trois, Entrecôte! Table deux, Badoit et deux verres!”
Dazu sollte erwähnt werden, dass die „Paris Bar“ mit ihrer zwar durchaus soliden aber unaufregenden französischen Küche wohl keinen Michelin Stern gewinnt. Aber man kommt auch nicht wegen des Essens hierher. Der wahre Kultcharakter der “Paris Bar” geht über die Gastronomie hinaus. Hier wirkt nichts durchdesignt. Das Interieur des Restaurants ist alt, die dunkelroten Ledersitzbänke erzählen von katastrophalen Abstürzen. Es ist eine Patina, die keine Absicht ist. Sie ist echt.

Totgesagte leben länger

Selbst die Geschichte des Restaurants liest sich wie der Stoff für einen Bestseller: Zwei österreichische Künstler übernahmen die 1950 gegründete, heruntergewirtschaftete Gaststätte eines ehemaligen Kantinenkochs der französischen Alliierten. Mit ihren Kontakten in die Welt der Kunst und des Glamours, machten sie aus der „Paris Bar“ das Kult-Restaurant West-Berlins. Doch am Ende hatten sie keine Ahnung von Buchhaltung, wurden wegen Steuerhinterziehung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und mussten schließlich Insolvenz anmelden. Das Restaurant stand vor seinem Aus. Was Michel Würthle und Reinhold Noha blieb, war die Kunst in der „Paris Bar“, die ihnen Freunde aus der Kunstszene geschenkt hatten. Selbst sie wurde teilweise nach und nach aus Geldnot verkauft. Dazu kam die Wende. Die letzten großen Tage der „Paris Bar“ waren gezählt. Ost-Berlin war jetzt angesagt.

Doch anders als ähnliche West-Berliner Einrichtungen ist die „Paris Bar“ eben nicht untergegangen. Den zwischenzeitlichen Zerfall des alten Westens hat sie überwunden. Natürlich, wer jetzt Berühmtheiten abstürzen sehen will, geht lieber in die gastronomischen Gegengewichte, zu den Nachwende-Neureichen-Mitte-Restaurants, wie dem Grill Royal oder dem Borchardts. Die Patina von den Wänden und Kunstwerke der „Paris Bar“ befinden sich heute auch wieder bei einem Großteil seiner Gäste. Die in Berlin sonst so allgegenwärtige hippe Start-up-Junggründer-Szene, B-Prominenz und Pseudo-Models bleiben – bisher – größtenteils draußen.

Trotzdem – oder gerade deswegen – stimmt die Atmosphäre in der “Paris Bar”. Viele kommen schon seit Jahrzehnten her, lassen sich inspirieren, frönen ihrer Melancholie und natürlich auch, um sich einfach nur zu betrinken. Die Paris Bar hat Geschichte geschrieben und zehrt jetzt von ihrem vergangenen Glanz. Martin Kippenberger schrieb einmal in seinem Gedicht „Toter Punkt“: „Alles geht immer weiter. Ein lebendes Komma ist besser als ein toter Punkt.“ Die „Paris Bar“ war herunter-gewirtschaftet und am Ende, doch Totgesagte leben bekanntlich länger.

Foto: Anders Pollas/flickr

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