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Der Teufelsberg

Der einst aus Trümmern errichtete Berliner Teufelsberg ist mit über 120 Metern die höchste Erhebung der Stadt. Doch er bietet mehr als nur Erinnerungen.

Der Wind pfeift einem um die Ohren, während man hoch oben auf dem Teufelsberg zwischen zwei Radarstationen steht. Die runden Kuppeln, die sogenannten Radome, wirken wie vor Jahrzehnten abgestürzte Raumschiffe. Das feste Material, das einst Wind und Wetter abhalten und die Übertragung der Funkgeräusche sichern sollte, hängt schlaff und von der Natur zerschlissen herab. Nur der Fernsehturm, der in der Ferne klein und schüchtern zwischen den dicken Wolken hervorlugt, verrät, dass man sich am Rand der Berliner Großstadt befindet.

Eine Gruppe von Menschen bahnt sich an diesem Sonntag ihren Weg zwischen Geröll und Abfall hinauf zur höchsten Kuppel. Blickt man während des Aufstiegs herab, entdeckt man ringsherum Wald und Bäume, die, bereits vom Herbst geküsst, ihre bunten Blätter auf dem Waldboden verteilen. Doch der so friedlich vor sich hin wuchernde Teufelsberg verschweigt galant die Geschichte, die ihn einst schuf.

Ein Ort im ständigen Wandel

Noch 1940 stand dort, wo heute der Teufelsberg aufgeschüttet ist, der Rohbau einer Wehrtechnischen Fakultät, die im Rahmen des nationalsozialistischen Projekts „Welthauptstadt Germania“ gebaut werden sollte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprengte man diesen, häufte Kriegstrümmer und Schutt an und bepflanzte den so geschaffenen Hügel. Anfang der 1960er Jahre, inmitten des kalten Kriegs, entdeckten die Alliierten den günstigen Standort des Teufelsbergs für sich: Berlin lag inmitten der sowjetischen Besatzungszone und bot damit die optimale Gelegenheit, durch den Bau einer Abhörstation den Osten zu beschatten.

Dass in diesen Räumlichkeiten die Geheimdienste arbeiteten, ist kaum mehr vorstellbar. Die Mengen an Bauschutt, Abfall und Kabelresten wirken erschreckend. Dabei bemüht sich die „Initiative Teufelsberg“ seit Jahren um die Säuberung, den Erhalt und die Nutzung der alten Abhörstation. Doch nach dem Abzug der alliierten Truppen verwahrloste das Gelände: Der hohe Zaun, der die Gebäude sichern sollte, war bald mit Schlupflöchern durchsetzt. Die Abhörstation mit ihren verwinkelten Ecken, abgeschieden von jeglichen Nachbarn und mit einem weitläufigen Blick über Berlin, entwickelte sich zur beliebten Off-Location des Berliner Partyvolks.

1996 kaufte eine Investorengruppe das Gelände. Ein mit buntem Graffiti zerfetzter Aufsteller begrüßt noch immer die Besucher am Eingang: „Attraktive Eigentumswohnungen mit Dachterrasse und Garten. Fertigstellung: Herbst 2002.“ Die Pläne, ein Hotel und Luxuswohnungen zu errichten, scheiterten jedoch. Auch das fragwürdige Vorhaben des amerikanischen Filmregisseurs David Lynch, auf dem Teufelsberg eine vedische Universität zu errichten, wurde letztlich nicht realisiert. Schließlich verpachtete die Investorengruppe das Gelände an Filmemacher Shalmon Abraham.

Künstler nutzen die Ruine

Vor drei Jahren öffnete dieser die Ruine für Führungen und bot Kreativen und Künstlern einen Raum für ihre Arbeiten. Betritt man nun das zerfallene Gebäude, in dem damals Briten und Amerikaner den Sowjets lauschten, geht man auf Zeitreise: Auf den dunklen, verwüsteten Fluren zeigen auf Papier gedruckte Schwarz-weiß-Fotografien die Geschichte des Teufelsbergs. Zwischen den Erinnerungen wird auch Kunst gezeigt: Eine Installation zwischen dem Schutt hebt sich fast nur durch die Mutwilligkeit hervor, mit der die einzelnen Stücke platziert sind. Die Abhörstation beherbergt auch eine der größten Open-Air-Graffiti-Galerien Deutschlands. Fast jeden Tag arbeiten Künstler auf dem Gelände, das sich so stetig wandelt.

Kürzlich befürwortete der Stadtentwicklungssenator und designierte Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Pläne Berlins, den Teufelsberg zurückzukaufen und einen Ort der Erinnerung zu schaffen. Somit behält der Schuttberg auch in naher Zukunft seine vertraute Rolle bei: die des ewigen Verwandlungskünstlers.

Foto: János Balázs/flickr

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