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Tanz der halben Hähnchen

Haltestelle Greifswalder Straße: Zwischen Takko, Guetta und penetranten Broiler

Robert Walser meint, Warten forme den Charakter. Nette These, aber NEIN. Für einen zu Lebzeiten erfolg- und mittellosen Schriftsteller mag diese These existenziell sein. Wäre er doch verrückt geworden, hätte er mit dem Warten nicht Freundschaft geschlossen. Während Walser also durch Wälder flaniert und nach Erfolg, Geld und dem schönen Sonnenuntergang Ausschau hält, stehen wir irgendwo im Grau. Wartend. Darauf, dass das bitte ganz schnell ein Ende nimmt.

Was Oralchirurgie so alles kann

Berlin, Prenzlauer-Berg, S-Bahn-Haltestelle Greifswalder Straße: Wer dem Warten mal so richtig ausgeliefert sein möchte, sollte dieser Haltestelle einen Besuch abstatten. Aus der S41 ausgestiegen, eröffnet sich dem Auge ein eindrucksvolles Panorama monochromer Tristesse. Ein Grau in Grau lässt den Himmel kaum vom pragmatischen Plattenbau unterscheiden, während vereinzelte Farbakzente für den nächsten Abturn sorgen: Eine Zahnarztwerbung, die nur allzu deutlich schildert, was Oralchirurgie so alles kann, notorisch blinkender Weihnachtsschmuck am hübschen Terracottahochhaus und die bunten Reklametafeln von Takko, KiK und Co.

Eine Mc-Donalds-Filiale und eine Dönerbude, die ihr Essen lautstark mit David Guetta und Rihanna serviert, liefern sich in der Station einen erbitterten Kampf  im Rennen um den penetrantesten Geruch. Seit geraumer Zeit steht der Dönergrill dem Fast-Food-Riesen geruchsmäßig in nichts nach, gibt es neben dem klassischen Spieß nun auch knusprig gebratene Broiler, die in ihrer monotonen Drehung den Guetta-Takt mitzuwippen scheinen.

Niemals ohne Kapuze

Es ist schon erstaunlich, wie hier alles nach Enttäuschung schreit. Die rostige Haltestellen-Überdachung hat einige große Schwachstellen – für Menschen ohne Kapuze eine traurige Angelegenheit -, der Aufzug fährt wohl schon länger nicht mehr, was die relativ hohe Frequenz an missmutig-wegstapfenden Menschen mit viel Gepäck bestätigt und die Ringbahn kommt doch sowieso immer zu spät.

NEIN. Warten ist ´ne Katastrophe. Das hätte Walser hier auch gemerkt.

 

Foto: Stefanie Schneider

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