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Im ehemaligen Geisterbahnhof

Wer am Rosenthaler Platz nach Rosen sucht, der sucht vergeblich. Statt der romantischen Blumen erwarten einen an dieser U-Bahn-Haltestelle Dreck, Obdachlose und Musiker mit Buschtrommeln.

Stufen führen hinab in einen Tunnel mit orange gefliesten Wänden.
„Coins for Joints“ steht auf dem Papp-Schild eines Straßenmusikers mit Rasta-Zöpfen, der hier wilde Rhythmen auf zwei Buschtrommeln hämmert.
Eine zertretene, halb geschälte Mandarine auf dem Fußboden ist das Einzige im U-Bahnhof Rosenthaler Platz, das mit einiger Fantasie noch entfernt an eine Rose erinnern könnte.
Der Bahnhof im schicken Berlin Mitte hat seinen Namen allerdings auch nicht der Blume zu verdanken, sondern dem Rosenthaler Tor der Berliner Zollmauer. Das bildete bis ins 19. Jahrhundert genau hier einen der wenigen Eingänge zur Hauptstadt, die auch für Juden legal waren.

Einlass nur mit Juden-Zoll

Während andere Einreisende durch jedes beliebige Tor Berlin betreten konnten und nur spezielle Waren versteuern mussten, mussten Juden am Rosenthaler Platz für jede einzelne Ware den „Juden-Zoll“ bezahlen. Aber selbst dann konnte es noch Probleme geben. Nicht jeder Jude wurde hinein gelassen. Denn jeder von ihnen, der nach Berlin wollte, musste andere Juden in der Hauptstadt vorweisen können, die sich bereit erklärten für ihn zu bürgen, sollte etwas Unvorhergesehenes passieren.
Fand sich niemand, der dazu bereit war, oder kannte man niemanden, blieb das Tor zur Hauptstadt verschlossen.
Direkt am Rosenthaler Platz wurde deshalb zu dieser Zeit die „Juden-Herberge“ errichtet. Eine jüdische Gemeinde sorgte in dieser Herberge für durchreisende oder kranke Juden.

Vom Zoll zum Geisterbahnhof

Am 18. April 1930 entstand aus dem Rosenthaler Platz ein U-Bahnhof.
Da von dort die Bahnen zu beiden Seiten nach West-Berlin fuhren, wurde der Bahnhof 1961 während des Mauerbaus geschlossen. Von da an nannte man ihn in Berlin  “Geisterbahnhof“, denn die Bahnen fuhren nur noch ohne Halt durch ihn hindurch.
Erst mit dem Fall der Berliner Mauer wurde auch der Geisterbahnhof Rosenthaler Platz wieder zum Leben erweckt.
Mitte Juli 1990 waren alle U-Bahnhöfe wieder geöffnet und das Fahren im öffentlichen Verkehr war uneingeschränkt möglich.

Der Rosenthaler Platz heute

Bevor man heute die Stufen zur U8 im U-Bahnhof hinabsteigt, kann man sich noch schnell beliebige Backwaren bei „M&M Back“ holen.Die Nachfrage scheint angesichts der nicht vorhandenen Kunden gering zu sein.
Eine der Glastüren sieht aus, als hätte jemand versucht sie mit einem Hammer zu zertrümmern. Die Scheibe ist gesprungen, was auch die dahinter gehängten Weihnachtsgirlanden nicht verbergen können.
Vor dem nebenan gelegenen Kiosk ist ein missmutig drein blickender Boxerhund angeleint.
Auf den Stufen zur U8 sitzen täglich dieselben drei Obdachlosen neben dem Mülleimer.„Hallo, haben Sie ein bisschen was…?“
Niemand schenkt den entgegen gestreckten Händen mit den Pappbechern Beachtung.
Einer der Drei trägt heute nur einen Schuh, den anderen hat er als Spardose auf den Mülleimer gestellt.
Eine schöne Atmosphäre hat dieser Bahnhof nicht, aber zumindest den Namen „Geisterbahnhof“ hat er nicht mehr verdient.

Foto: Amelie Graen

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Kategorie: Raum

Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Hildesheim in einem Dorf, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Offen für andere Kulturen habe ich mein Studium der Medien und Kommunikation im Freistaat Bayern (Augsburg) und dann ein Semester in den Vereinigten Staaten von Amerika (Washington DC) verbracht. Währenddessen Praktika bei allem, was mir Spaß macht: in Print-, Fernseh-, Online- Redaktionen und bei einer Produktionsfirma. Meinen Berufswünschen aus einem Freundschaftsbuch der dritten Klasse kann ich nur zustimmen. Weise vorausschauend hatte ich auch damals schon einen Plan C für eventuelle Medienkrisen: „Schriftstellerin, Reporterin oder Schweinezüchterin.“

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