Musik
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Die Schrecken des Krieges nicht vergessen

Roma, Auditorium Parco della Musica 21 10 2010 Ritratti di Antonio Pappano per cd Emi Rachmaninov ©Musacchio & Ianniello

Sir Antonio Pappano dirigiert die Berliner Staatskapelle mit Benjamin Brittens War Requiem in der Philharmonie. Bei unserer Autorin Charlotte von Bernstorff hinterließ der Abend gemischte Gefühle.

„All the poet can do today is warn” – alles was der Dichter heute tun kann, ist warnen – schrieb der von Benjamin Britten bewunderte Dichter Wilfred Owen. Mit dessen Gedichten, die voller Resignation über die Verheerungen des Krieges sind, versetzte Britten den lateinischen Text der Messe aus seinem War Requiem. Der britische Komponist, der zeitlebens ein überzeugter Pazifist war, wollte in seinem wichtigsten Werk an die Gefallenen der beiden Weltkriege erinnern. Doch heute gibt es gerade hierzulande immer mehr Stimmen, die sich nicht länger mit den Verfehlungen der Vergangenheit aufhalten wollen und sich gegen eine deutsche Erinnerungskultur aussprechen.

Matthias Goerne, der an diesem Abend den Baritonpart singt, sagte in einem Interview im VAN-Magazin: „Eine vernünftige Inszenierung ist eine, die es schafft, die Notwendigkeit des Stückes in unserer Zeit zu begründen.” In Zeiten, in denen Politiker Gehör finden, die bei Flucht vor Krieg und Folter von „Asyltourismus” sprechen (Horst Seehofer) oder das Recht einfordern „…stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen” (Alexander Gauland), ist die Notwendigkeit, ein Stück wie Brittens War Requiem aufzuführen, größer denn je. Denn das Vokalwerk ist ein musikalisches Mahnmal, verstörend und dringlich. Manches mal hört man zwar Anklänge eines aufgeregten Aufbruchs, etwa in den schmetternden Fanfaren der Blechbläser – man denke an junge Soldaten, die voller Patriotismus in den Krieg ziehen und davon träumen, als Helden zurückzukehren – doch diese werden immer wieder von den Grauen des Krieges eingeholt, die jeden jugendlichen Leichtsinn im Keim ersticken. Der Kinderchor, der ätherisch von einer fernen Empore singt, wird begleitet von beunruhigend, disruptiven Orgeltönen, die nach atomarer Bedrohung klingen.

Pappano dirigiert mit Hingabe

Es dirigiert der unprätentiöse Antonio Pappano, Chefdirigent des Royal Opera House in London und der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom. Den Posten als Musikdirektor der Bayerischen Staatsoper lehnte er im vergangenen Jahr überraschend ab: „Wenn das Visuelle nicht mehr da ist, dann ist die Erfahrung mit Musik viel persönlicher”, sagte er im Bayerischen Rundfunk zu seiner Entscheidung, kein neues Opernhaus übernehmen zu wollen. Brittens War Requiem, das ohne visuelle Darstellung auskommt und stattdessen durch die Musik und den Text Bilder des Krieges malt, sollte also ganz in seinem Sinne sein. Pappanos Dirigat ist feinfühlig und expressiv zugleich. Im dramatischen dritten Satz, dem Offertorium, rutscht ihm die Brille vor Hingabe immer wieder von der Nase. Doch es sind vor allem die zurückgenommen Passagen, die bei Pappano tief empfunden wirken. Er leitet sie vorsichtig mit viel Gespür bis in die Fingerspitzen an und es gelingt ihm, die quälende Anspannung zu halten.

Schade ist allerdings, dass man die Gedichte Wilfred Owens kaum versteht (das mag in meinem Fall auch an der großen Entfernung zu den Solisten liegen). Vor allem bei Matthias Goerne liegt eher der Klang als die Artikulation im Vordergrund; Ian Bostridges sakrale Stimme ist noch etwas besser zu verstehen. Der durchdringende Sopran Anna Nechaevas hingegen hebt sich vom großen Chor immer deutlich ab, klingt allerdings zeitweise etwas übertrieben theatralisch. Die Besetzung entspricht Britten, der für die Solopartien ebenfalls einen Deutschen, einen Briten und eine Russin als Symbol der Versöhnung vorsah. Zurück bleibt nach diesem Konzert, das leider bis hin zur letzten Reihe des weit entfernt liegenden Block G seine Wirkung nicht gänzlich entfalten kann, ein nachdenkliches Gefühl und der Wunsch, es noch einmal aus der Nähe hören zu können.

 

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Kategorie: Musik

Charlotte von Bernstorff

Charlotte von Bernstorff findet Kälte aufregend. Wenn sie sich nicht gerade gen Osten sehnt, begeistert sie sich beim abendlichen Backgammon für die Idee einer europäischen Republik. Small is beautiful! Veränderung im Kleinen, Verständigung im Großen. Aufgewachsen im Wendland entwickelt sie schon als Kind ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Nach ihrem Wirtschaftsstudium in Kopenhagen arbeitete sie zunächst in der Berliner Kultur- und Kreativszene. Ihre Leidenschaft gilt der Literatur und Klassik. Mit dem Kulturjournalismus dankt sie den Exceltabellen ab und will ganz nah an den Inhalt.

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