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Deutsch-Pop, der nicht weh tut

Das Musikerduo "Gloria" Foto: Peter Kaaden

Das neue und dritte Album „Da“ von Gloria ist wohl keines, bei dem man nach dem Hören der neun Titel stumm da steht, sich räuspert und schließlich ergriffen murmelt: „Wow, was für eine Platte.“ Es ist eben aber auch kein Grund sich über schlechte deutsche Reime aufzuregen, über unkreative Refrains oder eine pseudoschmerzvoll bebende Stimme. „Da“ ist insgesamt solide zurückgelehnt, nichts überrascht sonderlich, aber die Songs eignen sich gut für Pausen vom Alltag – etwa zum Lärm ausblenden in einer vollen Berliner U-Bahn.

„Also bau ich mir ein Hochhaus und zieh selber nach oben“, singt Klaas-Heufer Umlauf, um kurz danach fast angeberisch zu feixen: „Ich hab mehr Luft als ihr alle und 24 Stunden Sonne.“ In solchen Liedzeilen ist er präsent, der kleine quirlige Moderator, der auf diesem Album so nachdenkliche deutsche Texte singt. Den Namen Klaas Heufer-Umlauf verbindet man sonst mit Privatfernsehsendungen wie „Circus Halligalli“ oder „Joko gegen Klaas.“ Ganz auszublenden ist diese Assoziation auch nicht: Zu ähnlich ist Heufer-Umlaufs Singstimme seiner wohlbekannten Sprechstimme. Doch als Frontsänger von „Gloria“ ist der 34-Jährige ernsthaft, sodass man nur selten an die Person aus den albernen Sendungen erinnert wird. 2013 gab der gebürtige Oldenburger bekannt, dass er gemeinsam mit dem ehemaligen Wir Sind Helden- Bassisten Mark Tavassol unter dem Namen „Gloria“ deutschsprachige Musik veröffentlichen werde. Ihre erste Platte „Gloria“ erschien noch im selben Jahr. 2015 veröffentlichten sie ihr zweites Album „Geister.“ Dem zwei-Jahres-Turnus treubleibend, erschien im Oktober 2017 nun das dritte Album mit dem kurzen Titel „Da.“

Die Platte startet mit dem eingängigen „Sturm“, das in der Melodie zwar nicht gerade stürmisch, aber nett anzuhören ist: „Deine Gewohnheit ist ein scharfes Schwert. Es ist immer bei dir, du hast es so gelernt. Die nächste Hürde ist immer der nächste Tag. Kick your habits, ist so leicht gesagt“, heißt es da und das kann man freundlich abnicken. Ähnlichkeiten zu Songs der Band „Radio Doria“, in der Schauspieler Jan Josef Liefers als Leadsänger seit 2002 seine musikalische Begeisterung auslebt, fallen beim Hören von „Da“ häufiger auf. Wohl auch durch die große Freude beider Bands an metaphernreichen Songtexten, die versuchen das Leben zu beschreiben.

Gut anhören lässt sich auch der zweite Song des Albums „Narben“, der über die Bereicherung kurzer Beziehungen sinniert. Statt verzweifeltem Herzschmerz-Leid heißt es hier vernunftsorientiert : „Wenn es für ein Jahr ist, macht es uns reicher. Auch wenn es Narben sind die bleiben, wenn es für ein Leben nicht ganz reicht – danke für die Zeit.“ Kein süßliches Geschrebbel, kein „Lachen, Weinen, Tanzen“-Verschnitt à la Matthias Schweighöfer.

Tiefgründiger wird’s bei „Erste Wahl“, angenehm ruhig später bei „Stille“. Erwähnenswert ist auch die Anlehnung an den 80er Sound von Nena, den man in „Immer noch da“ zu vernehmen scheint oder auch die Parallelen zu Grönemeyers  gepressten Staccato-Gesang in dem Song „Nie mehr.“ Der Gesamtsound von „Da“ bleibt solide unaufgeregt. Emotionen werden besungen ohne sie durch den Klischeewolf zu schreddern. Das macht das neue Album von Gloria so angenehm im Vergleich zum hiesigen deutschsprachigen Pop: Es ist authentisch. Da verzeiht man auch mal Sätze, die etwas zu viel wollen: „Die Lichter in der Nacht ziehen uns an. Bis wir daran uns unsere Haut verbrennen. Auf dem Sofa sitzt das Ende, dem wir nur entkommen können, wenn wir so weiter rennen.“

Mit einer Laufzeit von 32 Minuten ist das neue Album von Gloria durchaus kurzweilig. Doch die Themenmischung der Songs macht das Zuhören nicht langweilig – und sie zeigt, dass Lieder auch Inhalte haben können, ohne dass zuvor das Herz multiple Male gebrochen werden musste. Eine gute Erkenntnis für den deutschsprachigen Popmarkt.

Foto: Peter Kaaden

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