Musik
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Erhellendes

„Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden.“ – so zitiert Johannes Brahms die Bibel in seinem „Deutschen Requiem“. Überhaupt gibt das Werk mehr gute Antworten zum Thema „Tod“ als jede ARD-Sondersendung. Eindrücke eines Konzertabends am Totensonntag.

„War da nicht ein Ton? Ich hab‘ da doch was gehört?!“ – die erste Reaktion auf Johannes Brahms „Deutsches Requiem“ kommt von einem kleinen Mädchen, das neben mir auf der Empore der Kirche zum guten Hirten in Berlin-Friedenau sitzt. Wir und gefühlt einige hundert Menschen haben Platz in genommen, um an diesem Totensonntag der Friedenauer Kantorei und ihrem Orchester bei der Interpretation dieses großen Werkes zu lauschen.

Ich muss gestehen, dass ich nicht ganz unvoreingenommen in das Konzert gegangen bin. Die Wörter „Requiem“ und „Totensonntag“ lösten in mir zunächst doch eher Unbehagen aus. Ich erinnerte mich mit Schrecken an die Sondersendungen der ARD in der letzten Woche, die das Thema „Tod“ mühevoll an den Mann bringen wollten, dabei jedoch eher ein nachhaltiges ungutes Gefühl in der Magengrube hinterließen. Ziel des Ganzen schien wohl zu sein, für den Tod Werbung zu machen. Nach dem Motto: „follow me on facebook“. Von mir hätte der Tod nach dieser Darstellung jedoch keinen einzigen Klick auf den „Like“-Button bekommen!

Somit ging ich eher in der Pflicht in das Konzert, meine Nachbarn und Bekannten aus der Gegend beim Singen und Spielen zu beobachten. Im Nachhinein stellte ich fest, dass ich zu meinem Glück gezwungen worden war, war ich doch tief beeindruckt von der Musik.

Das Requiem wird in der klassischen Musik oftmals als düsterer Abgesang auf das Leben gestaltet. Es geht dabei vor allem um Dankbarkeit für das vergangene Leben, Angst vor dem Tod und die Erlösung des Sterbenden. Brahms Requiem ist aber ganz anders.

Der Trost der Sterbenden und ihrer Angehörigen steht im Text im Vordergrund. Kein Wunder, denn Brahms schrieb das „Deutsche Requiem“ in den Jahren 1861-68, Jahre, die für ihn durch den Tod seiner Mutter sehr schmerzhaft waren. Kein Wunder also, dass er im fünften der insgesamt sieben Teile des Werkes den Sopran „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ in Gestalt eines Engels singen lässt.

Überhaupt ist das Werk sehr tröstlich – bedeckte Streicherklänge in Violen und der Bassgruppe markieren den leisen Anfang des ersten Teiles. Die Geigen schweigen in diesem Teil. Gut so, denke ich, hohe Töne wären beim Gedenken der Toten wirklich störend. Auch tonartlich hält sich Brahms im Requiem in den wärmenden Gefilden des Quintenzirkels auf: Die B-Tonarten F-Dur, Des-Dur und Es-Dur sind maßgeblich vertreten. Ich merke richtig, wie mir warm wird, obwohl es in der Kirche zieht und von einer Heizung keine Rede sein kann.

Was ist nun der Tod? Brahms lässt mit seiner Musik eine Antwort erklingen, die mir sogar ganz plausibel erscheint. So singt der Bariton im dritten Teil, „dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.“

Der Tod als das Ziel im Leben – so kann man es auch sehen, denke ich. Und obwohl der Gesang in breitestem d-Moll erschallt, hat es eine gewisse Genugtuung inne, vom eigenen Ende als Ziel zu sprechen. Als wäre das Sterben auch ein Moment des Stolzes: „Das habe ich alles geschafft, ich kann zufrieden sein.“ So singt der Chor im letzten Teil des Requiems „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja, der Geist spricht, dass sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach.“

Ich glaube, ich werde mir diesen Satz bald über mein Bett hängen müssen – als Motivation, den Ort der Gemütlichkeit allmorgendlich auch mal beschwingt verlassen zu können. Denn ausruhen kann ich mich am Ende meines Lebens noch genug!

Foto: RukaKuusamo.com | CC

 

 

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