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Die Pressefreiheit ist kein Konstrukt der Politik allein

Weil die Medienlandschaft schwer überschaubar ist, ist sie häufig Gegenstand von Anfeindungen oder Verschwörungstheorien. Das liegt auch am Selbstverständnis der Presse, findet Jana-Maria Mayer. Ein Kommentar

In seinem Artikel „Spaßbefreite Zone“, erschienen im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 21. Juli 2017, stellt der Journalist Till Raether die These auf, die politisch Rechtskonservativen hätten keinen Humor. Zum Humor, so schreibt er, gehöre „die Bereitschaft dazu oder sogar die Freude daran, seine Perspektive zu wechseln, sich überraschen zu lassen, sowie die Möglichkeit, dass alles auch anders sein könnte“. Weil das Weltbild der Rechten aber vor allem durch die Angst vor Neuem oder Andersartigem geprägt sei, seien sie für Humor nicht offen.

Wenn man die größten Gefahren für die Pressefreiheit im Jahr 2018 erörtern will, kann man damit anfangen, zu betonen, wie wichtig Humor in den Medien ist. Als humorvoll gilt derjenige, der selbstreflexiv ist und ein feines Gespür für die Stärken und Schwächen seiner Umwelt hat. Vor allem aber, um auf Raether zurückzukommen, steht der humorvolle Umgang mit einem Thema dafür, dass man in Betracht zieht, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, sondern viele verschiedene.

Es ist wichtig, zu beleuchten, weshalb der Begriff der Pressefreiheit nicht nur den Einfluss der Politik auf die Presse bezeichnen sollte, sondern weshalb auch im philosophischen Sinn die Presse die Bedingungen ihrer eigenen Freiheit hinterfragen muss. In einer Zeit, in der Journalisten von wachsenden rechten Gruppierungen (die ja nicht nur gegen den Humor, sondern auch für eine Eindämmung der Pressefreiheit seitens der Politik plädieren), die Zugehörigkeit zu „System-Medien“ vorgeworfen wird, ist es umso wichtiger, dass dieses System, das zweifelsohne existiert, seine Karten offenlegt und sich selbst des Ausmaßes seiner Freiheit bewusst wird.

Die Pressefreiheit ist ein Paradox

Dieses System mag nicht das manipulative, nur Böses hervorbringende System sein, als das es von „Lügenpresse“-skandierenden Menschen empfunden wird, sondern es ist viel mehr ein System, das existieren muss, um Freiheit zu gewährleisten. Genau hier liegt das Paradox der Pressefreiheit im Allgemeinen.

Der Philosoph Michel Foucault beschrieb in seinem Aufsatz „Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit“ den unbedingten Zusammenhang von Macht und Freiheit innerhalb eines Systems. Damit Macht ausgeübt werden kann, so Foucault, bedarf es einer bestimmten Form von Freiheit auf beiden Seiten, sodass also selbst demjenigen, auf den die Macht ausgeübt wird, immer noch Formen des Widerstandes zustehen, beispielsweise gewaltsamer Widerstand oder Flucht oder Selbsttötung, denn wenn es diese nicht gäbe, so gäbe es überhaupt keine Machtbeziehungen. In Bezug auf die Presse bedeutet das, dass selbst eine scheinbar freie Presse nicht gleichzusetzen ist mit einer, auf die, von welcher Seite auch immer, keinerlei Macht ausgeübt wird.

Um den Begriff des Systems nicht überzustrapazieren, soll an dieser Stelle auf den Begriff des „journalistischen Feldes“ verwiesen werden, der durch den Soziologen Pierre Bourdieu geprägt wurde. In seinen 1996 am Collège de France gehaltenen Vorträgen über das Fernsehen unterstellt er dem Medium eine besonders schädliche Form symbolischer Gewalt. Nach Bourdieu sind Journalisten in ihrem Tun nicht frei, weil sie, neben den politischen, vor allem auch wirtschaftlichen Zwängen unterliegen. Außerdem wirke sich die zum Alltag eines jeden Journalisten gehörende Presseschau als eine Zensur durch das Journalistenmilieu aus, weil die immer gleichen Informationen neu verarbeitet würden und der Konkurrenzkampf unter den Medien sich über jede Einzelbestrebung in Bezug auf neue Inhalte stelle. Es lässt sich fortführend sagen, dass auch die politische Gesinnung der einzelnen Medienhäuser, die Unterteilung von journalistischen Produkten in verschiedene Genres, und die Begrenzung von Redeminuten oder Zeichenanzahl sich auf die Freiheit eines Journalisten auswirken, nämlich insoweit, dass er nur innerhalb dieser Grenzen denken und arbeiten kann.

Ein falsches Verständnis von Freiheit schürt Misstrauen

Eine Beseitigung der genannten Umstände würde keinesfalls mehr Freiheit ermöglichen, das ist die Paradoxie. Das journalistische Feld unterliegt den von Foucault beschriebenen Wechselbeziehungen zwischen Macht und Freiheit. Auch John Stuart Mill, einer der wichtigsten liberalen Denker des 19. Jahrhunderts, beschrieb in seinem Buch „Über die Freiheit“ die Notwendigkeit solcher Wechselbeziehungen: „Die ganze Kraft und der Wert des menschlichen Urteils beruht also auf der einen Eigenheit, daß der Mensch, wenn im Irrtum, zurecht gewiesen werden kann, darum kann dem menschlichen Urteil nur so lange Vertrauen geschenkt werden, als die Mittel der Zurechtweisung stets bereit gehalten werden.“

In Deutschland steht es jedem frei, die Presse zurechtzuweisen, ohne mit rechtlichen Konsequenzen rechnen zu müssen. Dennoch existiert ein großes Misstrauen gegenüber den Journalisten. Das hat auch damit zu tun, dass diese eine scheinbare komplette Unabhängigkeit und Freiheit verkörpern wollen, die sie schlichtweg so nicht erleben. Ein allgemeines Bewusstsein für diese Problematik würde die Journalisten von ihrem hohen Ross herunterholen, auf dem sie gegenüber der Mehrheit der Gesellschaft sitzen, weil sie eine besondere Informationszufuhr erlangen, und somit das allgemeine Vertrauen in die Presse stärken. Mit der (Presse-) Freiheit verhält es sich wie mit der Wahrheit: sie kann niemals absolut sein. Das Fehlen dieser Erkenntnis ist der Pressefreiheit eine Gefahr.

 

Foto: StockSnap via Pixabay

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Kategorie: Medien

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