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Von Turnschuh und Tageszeitung

Über die Zukunft des Journalismus wird viel debattiert. Dabei folgt man einem falschen Markenwahn und einer Suche nach der Wahrheit, wie sie kein Ende finden kann. Ein Meinungsbeitrag

Die gegenwärtige Debatte über die Zukunft des Journalismus posiert auf einem Sockel von Missverständnissen und Widersprüchen. Getrieben von den rasanten Fortschritten der Technik fühlt sich die alteingesessene Ausdrucksform ihrer Kraft beraubt; es ist diese Art von Empörung, die im Angesicht der organisch fortlaufenden Weiterentwicklung seit jeher sich breit gemacht hat. Während man einst der Erfindung des Buchdrucks unterstellt hat, den Menschen, der dauernd liest, vom anderen zu entfremden oder während die Erfindung der Fotografie dem Ende der Malerei gleichgesetzt wurde, so findet sich heute die Digitalisierung als Niedergang des Journalismus wieder. Aber der Mensch hat nicht aufgehört, mit dem anderen zu sprechen, er hat nicht aufgehört, zu malen und genauso wenig wird er aufhören, sich informieren zu wollen über seine Umwelt.

Die Print-Krise und die steigende Anzahl weniger professioneller, dafür umso erfolgreicherer Blogs im Internet werden häufig als Zeugnis dafür gesehen, dass die Rezipienten nicht zwischen gut recherchierten Inhalten und Werbung unterscheiden können oder wollen. Trotzig betonen vielerorts Journalisten, „Content“ sei aber nach wie vor „King“. Der Journalist, der mit seiner Sprache ja sein Geld verdient, legt sich hier selbst das Handwerk, indem er einen englischen Begriff verwendet, dem es durch seine Fremdplatzierung an Definierbarkeit fehlt. Was guter „Content“ ist, ist nämlich immer Ansichtssache. Die als Blödel-Medium verschriene Bild-Zeitung etwa ist die am meisten verkaufte Tageszeitung in Deutschland, und viele Instagram-Profile, auf denen Nutzerinnen das immer gleiche Selbstbildnis hochladen, haben mehr Abonnenten als so manche aufwändig konzipierte Frauenzeitschrift.

Die Wahrheit ist kein leichtes Mädchen

„Der Journalist muss Marke sein!“, heißt es dann. Und im gleichen Atemzug: „Er hat kein Meinungsmonopol.“ Das ist in etwa, als würde die Marke Nike in einem Werbespot betonen, dass sie nur eine Idee von einem Turnschuh habe, dass sie aber keineswegs den einzigen, oder gar den besten Turnschuh produziere und dass, um den richtigen Turnschuh herzustellen, möglichst viele Kunden mit an ihm herumbauen müssten. Tatsächlich setzen immer mehr Marken auf Einbindung des Kunden in einst firmeninterne Abläufe: so kann man sich zum Beispiel auf der Homepage von Nike seinen Schuh „personalisieren“, also selbst Farben und Stofflichkeiten bestimmen. Aber die Marke als solche würde wohl kaum funktionieren, wenn sie sich kein festes Selbstbild zugestehen würde. So kauft man sich am Ende ja doch einen Nike-Schuh, weil man gerne ein Produkt dieser gut etablierten Marke besitzen will – und nicht, weil man bei Nike so unvergleichlich gut lila Glattleder mit gelbem Velours kombinieren kann.

Bei journalistischen Marken jedoch setzt man das Sich-Einbringen der Rezipienten einem Eingeständnis eigenen Unvermögens gleich, anstatt es als Marketingtool zu nutzen – und das ist falsch. Schuld für diesen ewigen Eiertanz ist der gesellschaftlich manifestierte Irrglaube, der Journalismus müsse „Wahrheit“ wie einen Turnschuh produzieren. Genauso wenig wie es den einen, perfekten Turnschuh gibt, gibt es die eine, richtige Ansicht eines Geschehnisses. Und genauso wenig, wie ich gezwungen bin, einen quietschpinken Turnschuh zu kaufen, geschweige denn ihn zu kommentieren, muss ich mich über den Autor eines Artikels echauffieren, weil er anderer Meinung ist als ich. Für eine gut funktionierende Demokratie muss sich jeder einbringen, so viel ist klar. Aber damit sich jeder einbringen kann, muss man den Meinungspluralismus akzeptieren können – und ihn, wenn nötig, ausbauen.
Die Wahrheit ist nämlich kein leichtes Mädchen, das an jeder Straßenecke wartet. Sie lässt sich erst finden, wenn man bei vielen verschiedenen Leuten nach ihr fragt.

 

Fotocollage von Jana-Maria Mayer, Fotocredits: DSC_7576 von Michael Wa, Zeitungen von Tim Reckmann

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