Medien
Schreibe einen Kommentar

Werde Bürgerreporter! Oder vielleicht doch nicht.

Dank Facebook Live kann jede und jeder Echtzeitvideos senden und sie mit der Gesellschaft des sozialen Netzwerks teilen. Wo liegen aber die Grenzen (wenn es sie überhaupt noch gibt)? 

Facebook Live ist da und es gibt kein Zurück. Jeder Nutzer kann seit April 2016 private Videos in Echtzeit senden und mit dem riesigen Publikum – es erreichen Facebook monatlich 1,6 Milliarden Menschen – teilen. Es sollte eine neue Möglichkeit  sein, die klassische Frage „was machst du gerade?“ mit einem Video zu beantworten. Du teilst deinen Freunden mit, dass du gerade am Strand liegst und Beyoncé begrüßt ihre Fans vom Backstage.

Worüber berichten die Facebooknutzer und -nutzerinnen?

Jede Minute werden Tausende Beiträge auf Facebook hochgeladen, weitergeteilt und kommentiert. Welche Inhalte noch zu Facebook gehören, wissen wir seit langem nicht mehr. Ist es noch ein soziales Netzwerk, um mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben? Wahrscheinlich nicht, da neben den Familienfotos sowohl Lieblingslieder wie auch politische Aussagen geteilt werden können. Nutzt man Facebook, um sich über die Welt zu informieren? Oder verlieren die wichtigen Nachrichten (und egal, ob von bekannten Presseagenturen oder motivierten Bürgerreportern) ihre Bedeutung, wenn sie sich auf der gleichen Ebene mit den gewöhnlichen, ehrlichen Antworten zu der Frage „was machst du gerade?“ befinden?

Die Live-Video-App ist wie eine interaktive Weltkarte. Blaue, pulsierende Punkte zeigen, von wo  gerade gesendet wird aber nicht, worüber. Nur ein Klick entfernt uns von Beiträgen mit unbekanntem Inhalt. Während ich diese Wörter schreibe, kocht eine junge Frau in Zentralitalien ihr Mittagessen, tanzt und singt gleichzeitig. Sie wird dabei von 107 Menschen beobachtet. In Soweto, Südafrika, dient eine Pastorin eine Verehrung und berichtet es in Echtzeit. Die Menschen fallen in Trance. 43 Zuschauer. Einer Automesse in Thailand schauen fast vier Tausend Menschen zu.

Bürgerreporter werden…?

Das wirft die Frage auf, wie diese Funktion auf Facebook genutzt werden soll. Es gibt allen Nutzer und Nutzerinnen die Möglichkeit, Bürgerreporter zu werden. Manchmal ist es die einzige Chance, die Nachrichten mit dem Rest der Welt zu teilen. Dein Dorf wird gerade bombardiert? Facebook Live. Ein Junge wird von der Polizei erschossen? Facebook Live. Jemand hält gerade einen unglaublich kraftvollen Vortrag über Frauenrechte und es sitzen nur vierzehn Personen im Auditorium? Facebook Live. Wenn die professionellen Medien nicht dabei sind, oder nicht dabei sein wollen, kannst du mit einem Smartphone (und guter Internetverbindung) immer vor Ort berichten.

Das Phänomen ist aber gleichzeitig unkontrollierbar. Neben der kulturellen Debatte können wir bei Facebook Live Videos von terroristischen Attentaten (von den Terroristen selbst geteilt) oder anderen Straftaten (eine Jugendliche hat die Vergewaltigung einer Freundin in Echtzeit gefilmt und bei Facebook Live geteilt), sowie auch Pornografie finden. Wer kontrolliert und meldet dann solche Inhalte? Facebook? Oder wir, die Zuschauer? Facebook hat schon in Arbeitsgruppen, die Hassreden prüfen und aus dem Netz löschen, investiert. Ist es aber möglich alle auf Facebook geteilte Inhalte zu kontrollieren?

Das sind wichtige Fragen, auch auf ethischer Ebene. Nehmen wir das Beispiel des vergewaltigten Mädchens. Dass solche Situationen nicht gefilmt werden sollen – dass solche Situationen gar nicht passieren sollen – ist klar. Wäre es aber nicht gefilmt worden, hätte es niemand gesehen und bei der Polizei angerufen. Vielleicht wären die Täter dann nicht gefasst worden.

Viele Zweifel, wenige Lösungen.

Wenn wir über Facebook Live reden möchten, müssen wir uns auch vielen Fragen stellen, die wahrscheinlich ohne Antwort bleiben. Wenn ich Zeugin eines extremen Ereignisses wäre, würde ich es filmen? Vielleicht. Würde ich aber als Zuschauerin auf Facebook solche Videos sehen wollen? Wahrscheinlich nicht. Die Technologie ist da. Wie wir sie nutzen, ist nur von uns abhängig.

Foto: Hossam el-Hamalawy: Video recording by mobile phones unter CC BY-NC-SA 2.0

FacebooktwitterFacebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.