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Digitale Stimmungsmache: Wie Social Bots Meinungstrends im Netz beeinflussen

Social Bots sind Software-Roboter, die in sozialen Netzwerken massenhaft Nachrichten zu bestimmten Inhalten posten und dadurch gezielt Meinungen und Trends beeinflussen. Für den User sind sie von echten Menschen nicht zu unterscheiden. Was bedeutet das für die Nutzer von Twitter und Co.?

Twitter hat aktuell rund 320 Millionen aktive Nutzer weltweit, wie viele davon echte Menschen sind, ist schwer zu sagen. Eine beträchtliche Anzahl sind sogenannte Social Bots.
Die Software-Roboter setzen auf Twitter innerhalb von Sekunden tausende Nachrichten zu einem bestimmten Thema ab. Allein aufgrund der schieren Masse an Posts können sie  politische Debatten anheizen und Trends beeinflussen.
Den Kurznachrichtendienst nutzen mittlerweile neben Privatpersonen auch öffentliche Institutionen, Kultureinrichtungen und nahezu alle großen Medien. Letztere können ihre Inhalte in einer Geschwindigkeit verbreiten, wie es die klassische redaktionelle Arbeit kaum mehr leisten kann. Der Kurznachrichtendienst ist für viele zum Informationsmedium Nummer eins geworden. Twitter generiert einen Nutzer spezifischen Newsfeed, der bequem die neuesten Informationen bündelt und Übersicht in den Informationsdschungel des World Wide Web bringt. Dabei wird bereits priorisiert, je mehr Follower, desto weiter  oben landet der Post in der Timeline. Wie viele Nutzer in Deutschland auf Twitter aktiv sind, gibt das Unternehmen nicht bekannt. Die einzige Information, die dieses Jahr im März offiziell kommuniziert wurde: Monatlich besuchen 12 Millionen deutsche User die Plattform.

Twittern im Dienste der Politik

Bereits 2008 entdeckt die Politik Twitter für sich. Als Vorreiter des Twitterns im Dienste der Politik gilt Barack Obama. Der Kandidat der Demokraten und sein Team bauen eine Online-Gefolgschaft auf, bestehend aus 5 Millionen Facebook-Kontakten und 230.000 Twitter-Followern. Die Obama-Unterstützer ihrerseits nutzen die Gelegenheit und treten in Austauscht miteinander, organisieren Events und sammeln Gelder. Als Obama 2012 eine weitere Regierungsperiode antritt, wird sein Tweet Four more years.“ über 870.000 mal geteilt.

Eine bedeutende Rolle spielte Twitter auch zwei Jahre später im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings. Es dienten dazu, an den staatlich kontrollierten Kanälen vorbei zum politischen Widerstand aufzurufen und sich zu formieren. Gleichzeitig wurden die Bilder des gewalttätigen Vorgehens der staatlichen Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten trotz Zensurmaßnahmen der Regierung via Twitter verbreitet. Internationale Medien strahlten die per Tweet eingegangenen Bilder in die ganze Welt aus. Am 25. Januar twitterte die Washington Post unter ein Bild des überfüllten Tahir Platzes in Ägypten: Thousands in Egypt denouncing Mubarak, clashing with riot police; demonstration is biggest in years “ Die ägyptische Regierung sendete im Staatsfernsehen derweil Bilder eines leeren Tahir Platzes. Twitter kann also ein Werkzeug im Kampf gegen Medienzensur sein. Gleichzeitig ist es extrem manipulierbar.

Social Bots als digital Push im Meinungskampf

Die häufigste Form sind die erwähnten Social Bots. Ein Team um den Politikwissenschaftler Simon Hegelich an der TU München entdeckte eine ganze Bots-Armee, die den Ukraine-Konflikt mit faschistischen Kommentaren befeuerte. Nach dem Brexit analysierte eine wissenschaftliche Studie britischer und ungarischer Soziologen, dass eine unverhältnismäßig hohe Anzahl an Pro-Brexit-Posts von einigen wenigen, hochaktiven Accounts gesendet wurde, ein klarer Hinweis auf Bots. Wer die Algorithmen programmiert, ist unklar, über die Intention kann oft nur spekuliert werden. Im Falle eines Wahlkampfes hingegen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die jeweiligen Lager für den digitalen Push verantwortlich.

Eine Studie der Oxford University hat Bots als Unterstützer auf beiden Seiten während des US-Wahlkampfes 2016 festgestellt. Einen großer Teil der  Nachrichten auf Twitter, die die (scheinbare) Beliebtheit der Kandidaten Trump und Clinton steigern sollten, kamen laut der Studie von Bots. Jeder dritte Unterstützer-Tweet bei Trump, bei Hilary Clinton war es wohl jeder vierte. Außerdem, so Medienberichte, waren 39 Prozent der Trump-Follower keine echten Menschen, sondern eben jene Software-Roboter. In Deutschland distanzieren sich die Parteien von dem Gebrauch der Bots als Wahlkampf-Helfer, alleinig die AfD erwägt ihren Einsatz.

Noch bezweifeln Experten, dass Social Bots in der Lage sind gefestigte Meinungsbilder innerhalb einer Gesellschaft grundlegend zu verändern. Dennoch besteht die Gefahr, dass aggressiv agierenden Bots moderate Diskussionsteilnehmer verdrängen und die Stimmung in den sozialen Medien insgesamt immer angriffslustiger wird. Twitter versucht, die Fake-Accounts aufzuspüren und zu deaktivieren. Wie viele Bots allerdings täglich neu in den Ring geschickt werden, weiß niemand. Für die Nutzer von Twitter bedeutet das vor allem, dass sie Meinungstrends zunehmend kritisch hinterfragen müssen.

Bild: Evil face of the System 03 von H2O74 unter CC BY-NC-ND 2.0

 

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