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Keine Ode an die Freunde

Die Bloggerin Kathrin Passig hadert mit ihrem Medium. Oder: Das Wir-Gefühl mit und ohne Facebook.

In der Großstadt habe ich zwei Dinge gelernt. Erstens: Stadtmenschen sind ganz anders als die Menschen auf dem Land. Sie schreien in der U-Bahn ihre Kinder an, bohren in der Nase und telefonieren laut. Ich hatte immer eine ungeschriebene Übereinkunft vermutet, dass man das nicht tut, aber die gibt es nicht. Zweitens: Stadtmenschen sind doch nicht so anders als die Menschen auf dem Land. Ich kann mich ihnen bloß nicht entziehen, wenn sie Tag für Tag in der U-Bahn neben mir genau die Dinge tun, die mir so fremd sind. Manchmal ist mir das alles zu viel.

Auch Kathrin Passig wachsen ihre Mitmenschen gelegentlich über den Kopf: „Schickte mich im Traum gerade an, alle 80 000 #aufschrei-erinnen in alphabetischer Reihenfolge zu beschimpfen, da klingelt das Telefon.“, postet sie am 4. Februar 2013 bei Twitter. Im Oktober 2013 macht sie sich in der Zeitschrift „Merkur“ Gedanken über das Bild, das uns soziale Medien von unseren Mitmenschen vermitteln. Der sperrige Titel lautet: „Die Wir-Verwirrung – Kontextfusion und Konsensillusion“.

Irgendwie amerikanische Verdummung

Kontextfusion läuft so: Ehemals getrennte Interessen- oder soziale Gruppen bewegen sich heute ungetrennt in einem gemeinsamen Raum. Dieser Raum heißt Facebook. Er funktioniert ein bisschen wie die Berliner U-Bahn: Ich kann dort tolle Leute treffen, aber ich sehe auch ziemlich viel, was mich nicht interessiert oder was ich nicht sehen möchte. Anders als in der U-Bahn kann ich mir aber bei Facebook aussuchen, mit wem zusammen ich fahren möchte. Und in diesem Augenblick greift die Konsensillusion, zu Deutsch: die falsche Wahrnehmung von Übereinstimmung.

ubahn

Facebook funktioniert ein bisschen wie die Berliner U-Bahn.

Mit seinen Freunden wochenlang rund um die Uhr U-Bahn zu fahren ist nämlich gar nicht so lustig – ja, es kann sogar schlimmer sein als mit Fremden. Bei denen rechnet man ja immerhin damit, dass sie anders ticken als man selbst. Wenn aber plötzlich in der U-Bahn drei Freunde Mario Barth sehen und freudig zu ihm laufen, ist man enttäuscht. „Man kann annehmen, es sei Facebook, das die bisher so klugen Freunde auf rätselhafte und vermutlich irgendwie amerikanische Weise verdumme. Oder man kann vermuten, dass die Freunde schon immer zweifelhafte Ansichten und Vorlieben hatten und die sozialen Netzwerke diesen Sachverhalt nur ans Licht bringen“, schreibt Kathrin Passig.

Nach dem Fernsehen, das uns Einblicke in die bis dahin fremde Lebenswelt der Anderen gegeben hat, sind nun die sozialen Netzwerke die Desillusionierungsmaschine, die auch in unseren Freundeskreis eindringt. Sie entzaubert uns und knallt uns die Andersartigkeit unseres Umfelds an den Kopf. Wie kommt das? „Im direkten Gespräch mit Freunden kommen kontroverse Themen eher selten und vorsichtig definiert vor. Im Netz aber sind in den letzten Jahren viele Orte entstanden, an denen man es nicht mehr mit einer Gruppe zu tun hat, auf die man seine Äußerungen zuschneiden kann. Die private Rede findet öffentlich statt.“

Passig erzeugt hier ein Bild von einer Menschengruppe, in der jeder unkontrolliert alles in jede Richtung äußert, unabhängig vom Gegenüber. Doch Äußerungen werden bei Facebook eben doch zugeschnitten – nicht mehr für eine bestimmte Gruppe, aber für eine Internetöffentlichkeit, die potentiell alles sieht und nichts vergisst. Allerdings: Kathrin Passig muss sich mit einer Menge mehr Menschen virtuell auseinandersetzen als die meisten von uns. 2.000 Abonnenten, 490 Facebook-Freunde, 26.000 Follower, 540 Leuten folgt sie selbst. Kein Wunder, dass ihr wahrscheinlich mehrmals täglich kontroverse und nicht so gut zugeschnittene Äußerungen über den Weg laufen. Aber nicht allen geht es so.

Passigs Lösungen, ihre Pointe und was sie nicht sagt

Falls doch, bleiben nun drei Möglichkeiten, damit fertig zu werden, sagt Passig: die Anderen für blöd erklären, seinen Bekanntenkreis bereinigen oder sich von den Onlinegemeinschaften abwenden. Glücklicher werden wir damit aber nicht – das ist Passigs Pointe – denn auch im echten Leben ist der Konsens nur eine Illusion. Der Ausstieg aus Facebook bedeute wahrscheinlich nur eine Rückkehr zum ungestörten Wunschdenken vom Wir. Daraus folgert Passig etwas trivial: „Anstatt den Glauben an die spezifische Gruppe der sozialen Netzwerke zu verlieren, müssten wir uns vom Glauben an Gruppen verabschieden, in denen dauerhafte Einigkeit über mehr als nur einige wenige Punkte herrscht.“

Warum aber ist Kathrin Passig, warum sind wir alle dann trotzdem bei Facebook? Die Autorin unterschlägt das andere mögliche Szenario. Denn was kann auch passieren, wenn wir in die U-Bahn steigen? Wir treffen einen alten Freund, den wir fünf Jahre nicht gesehen haben und quatschen die halbe Nacht durch. Oder wir steigen aus und gehen zu einer anderen Bahn, die Richtung Electro-Swing fährt. Da sitzen schon drei Freunde drin, man plaudert nett, fährt ein bisschen mit, steigt wieder aus. Wir werden Kathrin Passig alle Recht geben, wenn sie von den nervigen Mitusern erzählt; das haben wir schon erlebt.

Trotzdem wissen wir, dass Facebook nicht nur aus Mario-Barth-Momenten besteht, sondern auch Verbindungen und gemeinsame Interessen aufzeigen kann, wo man sie vorher nicht vermutet hat. Ohne die sozialen Netzwerke hätte Kathrin Passig es jedenfalls nicht zu ihrer heutigen Bekanntheit gebracht. Es ist nicht alles schlecht in der U-Bahn.

Fotos: moeffju | CC, fognin1 | CC

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