Literatur
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Poesie über Grenzen hinweg

Die junge Ukrainerin Katerina Babkina gehört zu den vielversprechendsten Autorinnen ihres Landes. Dabei legt sie sich auf kein Genre fest – sie schreibt Gedichte, Romane und Drehbücher. Mittlerweile wurden ihre Werke in zahlreiche Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche. Wir haben auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse über Poesie gesprochen.

Wie die meisten deiner Landsleute sprichst du Russisch und Ukrainisch fließend. Gibt es einen Grund, warum du dich entschieden hast, auf Ukrainisch zu schreiben?
Es ist etwas kompliziert. Russisch ist meine Muttersprache. Ich bin allerdings in der West-Ukraine, wo vornehmlich Ukrainisch gesprochen wird, aufgewachsen. Die für mich interessantesten Bücher sind auch in dieser Sprache verfasst. Daher habe ich von Anfang an auf Ukrainisch geschrieben. Das tun auch die meisten, zumindest in meiner Generation. Die russische Sprache, ob geschrieben oder gesprochen, wird mit der Zeit immer irrelevanter werden.

Was ist das Besondere an der ukrainischen Sprache für dich als Dichterin?
Sie eignet sich sehr gut für Poesie. Es gibt viele Vokale, man muss sich an keine bestimmte Ordnung der Wörter im Satz halten. Somit hat man viele Möglichkeiten, mit den Wörtern und deren Bedeutung zu spielen. Ich freue mich, die ukrainische Sprache als mein Werkzeug zu haben.

Kannst du ein bisschen über die Literaturszene in der Ukraine erzählen?
Sie ist sehr reich und vielfältig. Leider sind wir wenig bekannt, da es nur wenige Übersetzer gibt. Es werden jedoch mehr und mehr Bücher in andere Sprachen übersetzt, vor allem Englisch und Deutsch. In der Ukraine ist es üblich, sowohl zu Prosa- als auch zu Poesielesungen zu gehen, daher ist das Publikum meist recht groß. Ausländische Schriftsteller und Dichter sind darüber immer sehr überrascht, wenn sie zu Lesungen in die Ukraine kommen. Mit dem Schreiben Geld zu verdienen, ist zugleich sehr schwer.

Also lässt sich auch mit einer Dichterlesung ein Saal füllen?
In der Ukraine gelten Poeten als vox populi. Sie schreiben über das, was geschieht und die Leute hören ihnen zu. Ich würde sagen, dass Poesie in der ukrainischen Literatur genauso wichtig ist wie Prosa. Das war, historisch gesehen, immer so. Junge Leute schreiben kleine Gedichte als Facebookstatus oder bei ihren Instagramposts zum Beispiel. Poesie ist bei uns präsenter als in Europa.

Wo und in welcher Form finden diese Dichterlesungen statt?
Im Theater, in der Bar oder im Club, auf der Straße oder in Privatwohnungen zum Beispiel. Poetry Slams waren zwischen 2006 und 2010 auch mal populär, aber ich wüsste nicht, dass das heute auch noch so ist.

Wie setzt sich das Publikum zusammen?
Die Leute sind vornehmlich jung, bis 35 Jahre, würde ich sagen. Ich habe kaum Zuhörer zwischen 35 und 55. Aber es gibt immer ein paar nette Omis 60plus, sehr poesiebegeisterte und gebildet Ladies.

Bist du selbst überall im Land unterwegs oder liest du vornehmlich in den Städten?
Ich versuche überall hinzugehen, wo ich Publikum habe. Oftmals werde ich gebeten, für eine Lesung unbedingt irgendwohin zu kommen, und die Leute stellen mir ihre Wohnungen zur Verfügung, weil es nichtmal ein Hotel gibt in dem Ort. Ich fahre überall hin, wo ich mit dem Zug oder mit meinem Auto hinkomme, dabei muss ich jedesmal vorher abchecken, ob es überhaupt eine Straße dorthin gibt – das ist nicht immer der Fall, und wenn es eine gibt, ist sie nicht immer in einem guten Zustand. Nur wenn die Busfahrt an den Lesungsort zehn Stunden dauert, muss ich absagen. Das Gute an den etwas außerhalb gelegenen Siedlungen ist, dass die Leute kulturell ausgehungert sind und sich sehr auf dich freuen. Bei einer meiner letzten Lesungen in einem ehemaligen sowjetischen Kulturklub eines Dorfes kamen über 500 Zuhörer.

Was sind deine Themen?
Das Leben der Menschen, insbesondere Veränderungen, die in und zwischen ihnen geschehen, auch die zwischen den Generationen. Letztendlich ist auch die Beziehung der Menschen zu ihrem Land mein Thema.

Beeinflusst der Krieg in der Ostukraine deine Arbeit?
Ja, schon. Das ist ein wichtiger Teil des Lebens unserer Gesellschaft. Auch wenn ich über die Liebe schreiben würde, wäre diese Situation präsent, da wir alle in ihr leben.

Du lebst in Kiew. Was bekommt man da vom Krieg mit, abgesehen von der medialen Berichterstattung?
Dein Klassenkamerad stirbt oder wird verwundet, eines Tages wird der Vater von jemandem in Russland gefangengenommen, Menschen sammeln Geld auf der Straße und dann bekommst du eine Einladung zu einer Welcome-Back-Party, weil einer deiner Freunde aus dem Krieg wiederkommt.

Verspürst du das Bedürfnis, dich in deinem Schreiben auch konkret politisch zu äußern?
Nein, für mich ist der Künstler nur verpflichtet, das zu sagen, was er sagen muss. Manche machen politische Statements, meine Sache ist das nicht.

Wenn du reist und auf Veranstaltungen wie diesen hier bist, hast du das Gefühl, du müsstest dein Land in irgendeiner Weise repräsentieren?
Nicht wirklich. Ich repräsentiere die Literatur, die Poesie im Allgemeinen. Das übersteigt alle Grenzen.

Foto: Kateryna Babkina

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