Literatur
Schreibe einen Kommentar

Planlos gute Literatur

Lutz Stolze führt am Marheinekeplatz die Buchhandlung „Kommedia“. Und das mit Erfolg. Er liest viel und ist bescheiden geblieben.

„Ob jemand liest, erkenne ich schnell. Das sieht man daran, ob jemand von sich selbst abstrahieren kann. Also ich hol mir lieber die Gedanken von anderen Leuten dazu. Die eigene Erfahrenswelt ist doch so klein.“ Lutz Stolze bestellt sich einen Kaffee. Die FAZ liegt auf dem Tisch. Er sitzt in seinem Lieblingsrestaurant, wie jeden Tag. Im „Felix Austria“ am Marheinekeplatz in Kreuzberg. Sein Buchladen ist schräg gegenüber. Stolze ist elegant gekleidet. Er trägt ein weißes Hemd, eine dunkle Hose und schwarze Schuhe. Wenn der Buchhändler redet, sieht er seinem Gegenüber aufmerksam in die Augen. Er ist direkt, aber immer taktvoll. Eingebildet wirkt er nicht. Im Jahr 1952 wurde Stolze geboren und wuchs an der Nordsee, in der Kleinstadt Varel, auf. Vor drei Jahren ist er mal von Berlin aus mit dem Fahrrad dorthin gefahren, für die vierhundert-siebzig Kilometer hat er fünf Tage gebraucht. Stolze raucht seit seinem neunzehnten Lebensjahr. Das ist nicht gesund. Sport aber schon. Der Buchhändler fährt jeden Tag 15 Kilometer mit dem Fahrrad.

Das meiste selbst gelesen
Stolze hat die meisten Bücher, die er verkauft, selbst gelesen. Allein auf dem Boden neben seinem Bett liegen immer die Tageszeitungen und so an die fünfundzwanzig Bücher, sagt er. Er liest so viel er kann. Und trotzdem weniger, als er will. Seine Lieblingsautoren sind Kafka, Henry Miller, Dostojewski und Albert Cohen. Eine ungewöhnliche Mischung. „In diesem kleinen Ort Varel waren wir sozusagen die Wilden“, erinnert er sich. In der zwölften Klasse flog Stolze von der Schule, ohne Abitur zu machen. Der Vater war streng. Drei Wochen gab er Sohn Lutz Zeit, um sich eine Lehrstelle zu suchen oder sich zu entscheiden, das Abitur doch zu machen. Ansonsten hätte er ihn rausgeworfen. „Mit meiner Mutter hatte ich wirklich Glück.“ Das wiederholt der Buchhändler, dessen grüne Augen durch eine schwarze Hornbrille hindurchschauen, mehrmals. Und zeigt stolz Fotos von der Achtundachtzigjährigen auf seinem Smartphone. Sie sei sehr belesen und fit für ihr Alter, komme heute noch genauso gut zurecht wie in seiner Kindheit. Viel habe sie für ihn getan und sei auch heute eine Erscheinung, wenn sie zu Besuch in den Bergmannkiez komme. „Die trinkt noch, raucht noch, liest viel. Sittet Babys, mäht den Rasen, fährt Fahrrad. Hat ihre Männer überlebt. Phänomenal.“ Angenehme Leute seien sie beide gewesen, erzählt Stolze von seinen Eltern. Dass sein Vater ihm damals „die Pistole auf die Brust gesetzt“ hat, wie er selbst sagt, nahm er ihm nicht übel. Viel überlegen musste er ja nicht. In Oldenburg gab es eine Buchhandlung. Da lief er rein und fragte nach einer Lehrstelle. Er wurde genommen. „Ich dachte, Leute, die Bücher verkaufen, sind den anderen immer ein Stück voraus“, erzählt Stolze. Meist, aber nicht immer, lag er richtig damit, sagt er.

Der Weg zur Literatur: Sex und Philosophie
Stolzes Vater hatte ein Geschäft für Eisenwaren, war im Tischtennisverein in Varel tätig und las das Hamburger Abendblatt. Von seiner Umgebung abheben wollte Lutz Stolze sich damals. Er bekam ein wichtiges Buch geschenkt: „Wendekreis des Krebses“. Der Autor Henry Miller schreibt darin von sexuellen Erfahrungen und über Philosophie. Hier wurde das Gegenteil des kleinbürgerlichen Entwurfs dargestellt: „Beim Pfarrer in die Kirche gehen, Kinder zeugen, dann sterben und so – das wollten wir nicht“. Mit Freunden wurde über alles diskutiert, Stolze hatte die Literatur für sich entdeckt.
Mit zweiundzwanzig Jahren war die Lehre zu Ende. Als typisches Mitglied der 68-er Generation bezeichnet sich Stolze nicht. Er hat diese Zeit eher am Rande miterlebt, war noch zu jung, um selbst mitzudemonstrieren. Die politischen Diskussionen haben sie schon verfolgt, er und seine Freunde, empfanden die Sprache aber als zu dogmatisch und autoritär. Sie fanden ihren eigenen Weg. „Wir waren so die Wilden, die Kiffer, unsere Jugend eine Mischung aus Drogen, Popmusik und Literatur.“ Stolze spielte in einigen Bands und wurde im Jahr 1968 im Tennis sogar Niedersachsenmeister. Die Literatur war es aber, an der er festhielt. Weil sie ihn geerdet habe, wie er sagt. Auch seine Freunde sind ihre eigenen Wege gegangen. Als Künstler, Schauspieler oder Musiker. Niemand von ihnen hat „klassische Berufe“ gewählt. Damals habe man halt nicht diesen Druck gehabt, meint Stolze.

Ein planloser Mensch eröffnet einen Buchladen
„1984 saß ich ziemlich bekifft bei einem Freund in der Küche und war gerade arbeitslos. Einige Anstellungen habe ich wieder geschmissen, weil ich sie einfach langweilig fand.“ Ein Freund entdeckte eine Anzeige in der TAZ: „Kommedia sucht Buchhändler“. Stolze professionalisierte den Laden, der damals noch von Studenten der Kommunikationswissenschaften geführt wurde. Eines Tages, im Jahr 2004, kam eine schöne Französin in den Laden. Schauspielerin Catherine Houssay arbeitete damals noch mit Regisseur Godard zusammen. Stolze und sie wurden ein Paar und gründeten die bis heute bestehende Buchhandlung am Marheinekeplatz. Nach vier Jahren ging die Liebe zu Ende – ein Kunde kam rein – den Buchladen führten Stolze und Houssay weiter. Mit Erfolg.

„Ich plane meine Beerdigung.“ Nein, das war nur ein Spaß von Lutz Stolze. „Ich hab noch nie Pläne gehabt, lebe von einem Tag in den anderen“. Wertschätzung gegenüber seinen Kunden ist ihm wichtig. Als ihn vor einigen Jahren eine Journalistin zitierte, die Kunden fräßen ihm aus der Hand, war er verärgert. Verheiratet war Stolze nie, hat aber eine Tochter. Laura zog mit elf Jahren zu ihm. Sie soll mal den Laden übernehmen. Das ist der ein Plan. Die Tatsache, dass das Geschäft gut läuft, nimmt Stolze mit Bescheidenheit. Er sei eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Viele andere hätten das auch gekonnt, meint er und schlägt die FAZ auf.

FacebooktwitterFacebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.