Literatur
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Kreative Mitte – Party als Stoff

Mit ihrem ersten Roman „Relax“  umgab Alexa Hennig von Lange lange das Image Rausch und Exzess. Mittlerweile wäre sie froh, wenn sie damals jemand auf die Spätfolgen von chemischen Drogen hingewiesen hätte.

Alexa Hennig von Lange rekelt sich auf einem grauen Ledersessel. Ihre roten Locken hat sie zu einem Zopf gebunden, die Lippen dunkelrot geschminkt. Sie ist zu Gast bei Harald Schmidt. „Du dachtest sicherlich, das ist ein Kleid“, säuselt sie während sie an sich herab blickt und mit einer lasziven Bewegung über den leichten Stoff streicht. „Bitte?!“, sagt der verwirrte Talkmaster. „Ja, das dachte ich.“  Mit einem verführerischen Grinsen lüftet sie ihr Shirt und entblößt ihren Bauch. „Das ist ein Rock mit einem – Top?“, versucht Schmidt ihr auf die Schliche zu kommen. „Ja“, haucht sie. „Ich hab nichts drunter…“

Alexa Hennig von Lange, damals 28 und kurz vor der Veröffentlichung ihres dritten Romans, genießt es, die Hauptrolle zu spielen. Sie hat keine Hemmungen über Sex und Rausch zu reden. Nicht in ihren Romanen und auch nicht im Fernsehen. Ihr erster Roman „Relax“ wird innerhalb weniger Wochen zum Bestseller, die junge Autorin zum  „Spice Girl der Literaturszene“ und zur „Stimme ihrer Generation“. In „Relax“ beschreibt Hennig von Lange in ungewöhnlich direkter Sprache, wie sich ein junges Paar das Wochenende mit Partys, Drogen und Sex vertreibt.

„Ich hatte vor, den Literaturmarkt zu revolutionieren“, erinnert sich die heute 40jährige an ihr Debüt. „Ich habe mich gefragt, warum soll ich Literatur schreiben, die nichts mehr mit dem Leben zu tun hat? Ich wollte ja genau das Leben abbilden und zwar möglichst unterhaltsam.“ Angetan vom Stil und den Themen Charles Bukowskis und des brasilianischen Schriftstellers Marcelo Rubens Paiva, schreibt Hennig von Lange auf, was sie in ihrem jungen Leben erlebt und bewegt.

Mit 21 kommt die in Hannover aufgewachsene Tochter eines Architektenehepaars nach Berlin. Das Berlin der 90er Jahre bietet viel Romanstoff: Die Euphorie nach dem Mauerfall. Leerstehende Häuser, in denen täglich illegale Bars und Clubs eröffnen. „Das hat einen total geflasht“, erinnert sich von Lange träumerisch. „Natürlich hat es sich angeboten, über das Partyleben zu schreiben, weil es exzessiv ist, weil es immer irgendwie um Leben und Tod geht, weil Zustände erreicht werden, die so durchgeknallt sind, dass man sie im Alltäglichen gar nicht erreichen würde. Im Rausch entsteht bekanntlich ein Gefühl von Freiheit. Freiheit im Empfinden, Freiheit im Denken, Freiheit im Erschaffen.“ Eine Freiheit, aus der Hennig von Lange die Kreativität für ihre Geschichten schöpft.

„Durch Relax hatte ich ganz schnell das Image, ich sei ständig auf Droge. Es bot sich an, diesem Image gerecht zu werden.“ Aufmerksamkeit bekommt das Küken der Popliteratur durch seine provokative Selbstinszenierung jedenfalls genug. Auch ihre Klischees erfüllende Selbstdarstellung positioniert Hennig von Lange auf dem Markt. „Ich habe beobachtet und hatte die Gabe, mich gedanklich in einen Zustand des kompletten High-Seins hineinversetzen zu können, ohne wirklich Drogen nehmen zu müssen“, erklärt sie heute.

Schon früh weiß Hennig von Lange, dass sie mit dem Schreiben Geld verdienen möchte. Ihre Zwanziger sind nicht nur wilde Jahre, sondern auch Jahre der Disziplin. Um sich die Arbeit an ihrem ersten Roman zu finanzieren, arbeitet sie als Cutter-Assistentin und Model und moderiert die Kindersendung „BimBamBino“ auf Kabel 1. In sechzehn Jahren hat Alexa Hennig von Lange zwanzig Bücher verfasst. Sie habe auch mal versucht auf Drogen zu schreiben. „Das hat wunderbar funktioniert“, gesteht sie, „aber das kann man natürlich nicht durchhalten. Da ist man nach ein paar Wochen total am Ende.“

Schreiben bedeutet für sie schon immer, ihre Beobachtungen und Gedanken zu bündeln. „Schreiben ist eine einzige Meditation. Ich gerate in einen Zustand des Fokussiertseins, der totalen Konzentration. Das ist ein sehr angenehmer Zustand, den ich irgendwann auch auf mein restliches Leben übertragen wollte.“

So überdreht und aufgesetzt Hennig von Lange in ihren damaligen Fernsehauftritten wirkt, so angekommen und ausgeglichen fröhlich kommt sie heute daher. Als Mutter von mittlerweile vier Kindern musste sie sich besinnen. „Heute würde ich fragen, nimmt überhaupt noch jemand Drogen?“

Ganz los lässt sie der Rausch allerdings nicht. Ihre älteste Tochter ist vierzehn und hat einen der Betreiber des Berliner Szene-Clubs Kater Holzig zum Vater. Sorgen macht sich Hennig von Lange zwar nicht, aber von den Risiken des Drogenkonsums hat sie ihrer Tochter doch erzählt. „Früher hatte ich überhaupt keine Ahnung von den Folgen. Es wäre gut gewesen, wenn mich mal jemand darauf hingewiesen hätte, dass diese chemischen Drogen durchaus Spätfolgen haben können.“

Foto: © Thomas Koy

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