Literatur
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Irgendwo in Deutschland

Es gab einmal eine Zeit in Deutschland, in der die Züge noch pünktlich kamen, Arbeiter noch Bier trinken und Sekretärinnen am Schreibtisch rauchen durften. Als Hausfrauen noch in Kittelschürzen Wurstbrote schmierten, die Mondlandung noch die erste und Frankfurt flach war, an einem Ort, der inder Erinnerung des Autors eine von Gelbstich überzogene, unästhetische und gleichzeitig irgendwie geliebte Heimat war, finden wir uns in seinem Roman „Das Zimmer“ wieder. Im ersten Teil seiner geplanten elf-bändigen Familiensaga beschreibt Andreas Maier (geb. 1967 in Bad Nauheim) wie schon in der„Neulich“-Kolumne der Literaturzeitschrift „Volltext“ das Leben seines Onkels J. in der hessischen Provinz. Der halbfiktive Autor – Maier schreibt teils biographisch – verfasste das Buch nach eigenen Angaben im ehemaligen Zimmer des geistig behinderten Mannes, der dort bis zu seinem Tod lebte.

In der Figur seines Onkelssublimiert Maier (konsequent in alter Rechtschreibung) dieses Deutschland vergangener Tage und macht ihn zum personifizierten Klischee der ausgehenden 60er Jahre. So trifft man J. meist in seinem SA-braunen VW Variant bei Botenfahrten zum Metzger, Friedhof und Edeka, oder auf dem Weg ins Wirtshaus, wo er bei Apfelwein und Bier über Umgehungsstraßen und amerikanische Soldaten diskutiert. J. liebt es volkstümlich: Nicht nur der Schlagersänger Heino, sondern auch Bergsteigerfilme und röhrende Hirsche versetzen den Postarbeiter in einen „Hölderlinzustand“, in dem er auf keinen Fall gestört werden sollte, denn sonst schlägt er schon mal zu, zumindest, wenn keine Autoritätsperson im Haus ist und ihn die Kinder der Familie aufziehen.Auch sonst ist J. kein besonders sympathischer Mann. Triebgesteuert begrapscht er selbst seine Tante von hinten, riecht wie ein Silo – ̶ein Geruch, der sich beim jungen Andreas Maier „plastisch eingebrannt hat“ – und ist den ganzen Tag über mehr oder weniger betrunken. Dennoch wird in der 200-seitigen Nahaufnahme deutlich, dass J. in gleichem Maße arglos ist und selbst dann anhänglich bleibt, wenn er ausgenommen, verprügelt und entmündigt wird. Maier glaubt auch eine feinsinnige Seite in ihm entdeckt zu haben und schreibt, er konnte besonders im Wald Dinge entdecken, die andere Menschen nicht sehen. „Mein Onkel, das Tier, wie viele dachten, der Sehnsuchtsbolzen, wie ich heute denke“, beschreibt ihn sein Neffe rund vierzig Jahre später.

Statist im Heimatfilm

J.spricht in Superlativen, will schneller, höher, weiter, bleibt aber doch bloß in seinem dunklen, übelriechenden Keller im Familienhaus. Er spielt seine Traumrollen mehr schlecht als recht, dennJ. ist kein Handwerker, sondern tut in seiner kulissenhaften Werkstatt nur so, als würde er dort mit Werkzeug-Requisiten Maschinen reparieren. Für die wirkliche Arbeit fehlt ihm der Sachverstand, aber so kommt er denen, die etwas können, ein wenig näher. Wie gerne wäre J. ein Wehrmachtssoldat gewesen, Rommel in der Wüste, oder nur ein Bauleiter am Kran, eben Einer, der sich in seinen Augen für etwas Großes aufopfern durfte. Denn J. ist stets bereit, alles zu geben. Weil das, was er zu bieten hataber immer zu wenig ist, kann die Welt nur gut darauf verzichten und er verharrt auf Standby in den Startlöchern, wo er sein nicht gelebtes, weil von ihm nicht lebbares Leben als Statist führt.

Wir bekommen im Zeitraffer mit, wie nach und nach die Welt, in der die Handlung stattfindet, verschwindet: Alles, was für die Familie Boll zentral war, die Firma und die Menschen, verändert sich bis zur Auflösung.Die Vergänglichkeit der Figuren ist auch unsere Vergänglichkeit, die durch Zeitraffer und Zeitsprünge noch deutlicher wird. Etwa J.s Vater saß eben noch im Büro und hängt im anderen Moment schon als Fotografie an der Wand: „Wir hätten uns fast noch die Hand reichen können“, schreibtMaier und schafft es, uns aus seinem Mikrokosmos auf das große Ganze schließen zu lassen. Das Drama findet im Kleinen statt, etwa in der Verschrottung des geliebten Variant des Onkels, und zieht sich geschickt in unser Leben, weil die so detailreich beschriebene Welt unserer so sehr ähnelt.Auch deshalb will Andreas Meier der unsichtbaren „ärmsten Sau aus dem Ort“ eine Stimme geben, „denn sonst wäre er garnicht da und einfach tot und vergessen bis auf seinen Grabstein“. Der Roman ist ein Versuch gegen die Unbedeutsamkeit des kleinen Lebens, ein Appell gegen die banale Auslöschung des einfachen Daseins. Er lässt uns sinnlich an dieser vergangenen Zeit teilhaben, wir atmen den Geruch nach sauren Gurken und Thermoskannen-Kaffe.Durch die teils zermürbend detailreiche Beschreibung dieser Welt hält Maier den Prozess der Ausradierung ein Stück weit auf. Bad Nauheimwird zum Deutschland der 60er Jahre und der Gegenwart.

Andreas Maier. Das Zimmer (2011) 202 Seiten, Suhrkamp Verlag

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