Literatur
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I ♥ NY

Ein Roman besteht aus Sprache, sonst nichts. Meint man. Jonathan Safran Foer zeigt mit „Extrem laut und unglaublich nah“, wie Bedeutung auch in der Literatur jenseits des Texts entstehen kann.

„Stürzende Körper. Flugzeuge, die in Gebäude einschlugen. Stürzende Körper. Einstürzende Gebäude.“ Die sich in einer endlosen Schleife wiederholenden Fernsehbilder vom 11. September gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Das Foto eines herabstürzenden Mannes hat er sogar vergrößert und glaubt, diese Brille wieder zu erkennen, diese eine Brille.

Der neunjährige Oskar hat seinen Vater bei den Anschlägen auf das World Trade Center verloren, dessen letzte verzweifelten Anrufe zuhause sind ihm noch im Ohr. Aber statt in Trauer zu versinken, macht er sich auf die Suche nach einem Schloss, zu dem der Schlüssel passt, den er in den Sachen seines Vaters findet. Er weiß nur, dass der Besitzer des Schlosses Mr. Black heißt – und besucht nach Telefonbucheinträgen Haus für Haus.

Scheinbar der Plot für ein Jugendbuch, geht die Geschichte aber schnell über ein Großstadtabenteuer hinaus. Dabei ist es gerade der Blick des aufgeweckten Kindes, durch den Kleingeist und echte Größe im Erwachsenalltag hervortreten. „Versprich mir, dass du dich nie wieder verliebst oder ich liebe dich nicht mehr!“, droht er seiner Mutter, die ihm entgegnet, er sei aber unfair. „Ich muss nicht fair sein, ich bin dein Sohn.“

Mit höchster Akribie betreibt Oskar seine Recherche. So kennt er es von seinem Vater, mit dem er gemeinsam die New York Times auf Fehler untersuchte, über die Sterne nachdachte und eigene Erfindungen konstruierte. Statt zur Schule zu gehen besucht er die Mr. und Mrs. Blacks der Stadt New York. Mal schlagen sie die Tür vor ihm zu, mal trifft er auf große Herzlichkeit. Eine Frau vertraut dem Neunjährigen ihre Lebensgeschichte an und weil er so darauf besteht, gibt sie ihm einen Kuss. Auch wenn ihr Mann sie weiter schlägt und Oskar nicht fündig wird, weinen beide vor Glück.

Die Höhen und Tiefen der Handlung sind dem Autor aber nicht genug. Jonathan Safran Foer überrascht mit allerlei Ungewohntem: Auf einmal ändern sich Schriftart und -größe, viele Seiten bestehen nur aus einem Foto oder einem Satz, manche Passagen sind durchgestrichen, andere mit Rotstift hervorgehoben. Das ist nicht nur originell, sondern unterstützt den Text auf erfrischende Weise. Auch sieben Jahre nach dem Erscheinen muss sich selbst der crossmedial geschulte Leser erstmal darauf einlassen.

Oskar stellt sich etwa die magere Hand eines Greises skeletthaft vor, zwei Seiten später erscheint sie als Röntgenbild. Oft sind die Zusammenhänge allerdings sehr indirekt. Das kursiv gedruckte Dankschreiben für eine Diabetes-Spende unterbricht die Handlung ohne erkennbare Logik. Aber eben weil diese Logik fehlt, wirken die graphischen Elemente so eigenständig.

Ein belauschtes Telefongespräch scheint dann so transkribiert zu sein, wie man es hört – mal näher, mal ferner, bruchstückhaft, eher links, eher rechts. Foer setzt diese Mittel zwar dezent ein, schafft aber nicht immer eine Pointe. An manchen Stellen wird der Text sogar unverständlich wegen all der Markierungen.

Was ist damit gewonnen, „I love New York“ als Vier-Zeichen-Kürzel zu schreiben? Die einfache Antwort ist, dass wir es so kennen und so lesen. Seinem Titel folgend, geht es Foer darum, „unglaublich nah“ dran zu sein am Erleben des Protagonisten. Für ein gutes Buch hätte die Sprache dazu ausgereicht, so ist es dazu ein wunderbar unkonventionelles Buch. Außerdem ist die Übersetzung von Henning Ahrens ausgesprochen gelungen, denn sie bewahrt das Amerikanisch in einem Roman voller Dialoge: „Habt ihr noch eine Minute Zeit, ihr jungen Männer? – Wir haben noch jede Menge Minuten Zeit.“

Die Suche nach dem rätselhaften Schloss ist Oskars größtmöglicher Liebesdienst für seinen Vater. Doch sie endet mit einer Enttäuschung und Oskar spürt wie nie zuvor den riesigen Verlust. Sein Vater war für ihn immer der herabstürzende Mann auf den Bildern. Daran wollte er immer glauben. Die letzten Seiten des Buchs sind diese Bilder.

Illustration: alessio sartore/flickr

 

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