Audio, Kunst
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Ideologie in Sperrholzschrankwänden

Foto: Lutz Knospe

Henrike Naumann wurde 1984 in der DDR geboren. Der Rechtsextremismus in ihrer alten Heimat Sachsen lässt sie nicht los. In ihren Rauminstallationen zeigt sie, wie Möbel und Alltagsgegenstände Teil einer Ideologie werden. Diesen Ansatz hat auch die Ausstellung Das Reich im Bankettsaal des Kronprinzenpalais’ vermittelt, die Teil des 3. Herbstsalons des Maxim-Gorki-Theaters war.

Kronleuchter zieren die Decke des holzgetäfelten Saals im Kronprinzenpalais. Hier wurde 1990 der Einigungsvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten unterschrieben, den die Anhänger der Reichsbürger-Ideologie ablehnen. Für sie besteht das Deutsche Reich fort und befindet sich weiterhin unter Besatzung durch die Alliierten.

Die Künstlerin Henrike Naumann hat sich an diesem historischen Ort – in der Ausstellung Das Reich im Bankettsaal des Kronprinzenpalais – mit den Brüchen der deutschen Geschichte befasst. Ganz in Schwarz gekleidet, mit Brille und Pagenschnitt, steht sie im Ergebnis ihrer Recherche – einer großflächigen Zusammenstellung von Schrankwänden, Regalen und Vitrinen. Bereits auf den ersten Blick erscheinen sie unwohnlich. Ein schmales Regal wurde längs auf eine andere Schrankwand und ein zweites Regal gewuchtet. Ein geschwungenes CD-Regal aus Metall steht leer auf dem Parkett. Ein Hundert-Mark-Schein-Handtuch hängt über einer Stuhllehne. Hier und da liegen Felle, immer wieder Felle und Hörner. Auf dem Rücken der Sandmannpuppe prangt der Aufdruck „Böhse Ossis“. Röhrenfernseher flimmern.

Henrike Naumann: “Mein Ansatz ist immer, dass ich Dinge verstehen will. Also dass ich mich mit Dingen auseinandersetze, die ich nicht verstehe, also zum Beispiel mit rechter Ideologie, mit Rassismus, mit Dingen, die ich auch ablehne, aber ich will mich da reinversetzen und ich will das irgendwie greifbar machen. Wir stehen jetzt hier vor einem Objekt, das ich ziemlich treffend finde. Und zwar ist das ein, ein NVA-Helm, wo ich Wikingerhörner, so vom Rollenspiel rangeschraubt hab. Und das ist jetzt im Prinzip ein Wikingerhelm, der aber gleichzeitig von der DDR erzählt. Inspiration dazu war, dass ich genau so einen Helm mal in einem sozialen Netzwerk in meiner Heimatstadt Zwickau gesehen habe. Da hatte sich das jemand gebastelt und das hat mich irgendwie seit Jahren beschäftigt dieses Bild.”

Henrike Naumann bringt vermeintlich harmlose Objekte in eine ideologische Raumkonstellation. Eine bauchige Kaffeekanne aus schwarzem Plastik, zwei gläserne Trinkhörner, ein Couchtisch mit dem Umriss Deutschlands als Platte. Es fehlen die neuen Bundesländer. Alles bekommt einen seltsamen Beigeschmack.

Die Künstlerin Henrike Naumann. Foto. Inga Selck

In ihren international ausgestellten Arbeiten finden sich vor allem Möbel.

Henrike Naumann: “Möbel sind einfach mein Medium. Das ist nicht so praktisch, aber damit kann ich gut über die Gesellschaft sprechen. Meine Mutter ist Tischlerin und ich bin umgeben von Holzmöbeln aufgewachsen. Es hat mich sehr geprägt, als ich das erste Mal vor einer Sperrholzschrankwand bei Freunden in der Plattenbauwohnung stand, weil ich nicht wusste, dass es sowas gibt, solche Möbel, die so wie Altare sind und die im Prinzip auch gar nicht halten, wenn man die nochmal bewegt, sondern so krass so eine Zeit erzählen.”

So hat jeder Gegenstand und jedes Möbelstück von Henrike Naumanns Ausstellung seine Geschichte.

Henrike Naumann: “Die Sachen kommen aus ganz unterschiedlichen Haushalten. Die Objekte habe ich von Flohmärkten und teilweise wirklich von Leuten, die irgendwie völkische Überzeugung haben, gekauft. Ich habe die Felle alle von einer älteren Frau abgeholt, in Staaken, hinter Spandau. Die hatte ich auf dem Flohmarkt kennengelernt und die hatte mir da schon ein Stapel Kaninchenfelle gegeben und meinte, ja, ich habe noch ganz viele zu Hause, komm doch mal vorbei. Und dann bin ich da hingefahren, hab die alle abgeholt. Und dann meinte sie so, ja, was ist denn das für eine Ausstellung? Das klingt ja super spannend. Und dann habe ich schon sehr mit mir gerungen, weil ich irgendwie auch die schöne Begegnung auch nicht kaputt machen wollte und dann habe ich die Einladungskarte gegeben. Und dann musste sie sich erstmal setzen und dann habe ich mich auch gesetzt.”

Die Felle stehen für die Künstlerin für die Suche nach einer ursprünglichen, völkischen Identität. Die Frau vom Flohmarkt war keine Reichsbürgerin, sie besaß nur ganz viele Felle. Beim Abholen der Möbel und Gegenstände fangen die Gespräche an, die Henrike Naumann auch mit ihren Ausstellungen bewirken will. Über deutsche Identität und über rechte Ideologie. Vielleicht findet der eine oder die andere auch einen Gegenstand, der einmal die eigene Schrankwand zierte. Zehn Tage lang hat die Künstlerin für die Ausstellung die Möbel in den Saal schaffen lassen und sie solange herumgerückt, bis sie für sie stimmig angeordnet waren.

Henrike Naumann: “So eine Arbeit, selbst wenn die dann fertig ist, lässt einen trotzdem mit so einem unguten Gefühl zurück, weil man im Prinzip eine gewisse Form von Hass verdinglicht hat oder so im Raum manifestiert hat. Von einer künstlerischen Perspektive heraus bin ich zufrieden, weil es fertig ist, aber als Mensch macht mich das auch selber fertig.”

Die grauen, schwarzen, höchstens mal ein wenig metallisch rosanen Gegenstände im Saal wirken immer bedrohlicher. Die Installation zeigt, dass die Möbel und Objekte um uns herum mehr sind als nur Einrichtungsgegenstände. Sie stehen für eine bestimmte Zeit und somit auch für eine bestimmte Ideologie. Wenn es Henrike Naumann einmal zu viel wird mit den Sperrholzschrankwänden und Zinktellern, kann sie sich in ihr eigenes Zimmer zurückziehen. Das ist nämlich fast leer.

Henrike Naumanns Arbeiten sind vom 2. Juni bis zum 28. Oktober 2018 bei der Biennale für zeitgenössische Kunst im lettischen Riga zu sehen.

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Kategorie: Audio, Kunst

Stella Schalamon

Vielleicht liegt es daran, dass sie quasi in Zeitungsbergen aufwuchs, jedenfalls ist für Stella Schalamon die mit intuitivste Art sich zu äußern das Schreiben. Schreiben, das ist für sie wie kochen: Man schmeckt die Worte auf der Zunge und guckt, was gut zusammenpasst. Die zukünftige Filmemacherin aufregender Reportagen oder Schriftstellerin liebt Kunst, Kino, Sterne und Bienen.

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