Kunst
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Freundliches Dialogführen hin zur besseren Welt

Das Anprangern von gesellschaftlichen Missständen ist die häufigste Methode zur Beseitigung ebendieser. Eine Begegnung mit der Aktionskünstlerin Anna de Carlo zeigt: Veränderung geht auch anders.

Es ist, als ginge die Sonne auf. Und das am Morgen eines typischen Berliner Wintertages. Anna de Carlo betritt den Raum der Universität der Künste, in dem sie mit einigen Kulturjournalismus-Studenten zum Interview verabredet ist. Auf den ersten Blick ein zartes Persönchen, klein, schlank, volle, rote Lippen, Mandelaugen und fein frisiertes, exakt schulterlanges Haar; auf den zweiten eine selbstbestimmte, starke Frau, die für ihre Sache brennt. „Für mich ist Kunst ein Raum, der eröffnet wird, wo man miteinander spricht“, sagt sie, und es geschieht. Wie noch oft später im Gespräch fällt direkt auf, wie sehr sie sich für jeden einzelnen interessiert. Anna de Carlo lädt alle ein.

Ihr erhellendes Wesen ist ihr selbst wohl bewusst. Die Berlinerin, die einst unter anderem als Filmschauspielerin gearbeitet hat, möchte ihr Publikum bewegen, aber nicht nur für eine Spielfilmlänge. In einer Zeit, in der man in Timelines von sozialen Medien nur noch Überschriften aufschnappt, plädiert sie für eine intensivere Beschäftigung mit Themen, statt für allumfassende Oberflächlichkeit. Im Theater fühlt sie sich mehr zuhause als am Filmset, und gerade in Zeiten politischer Unruhen ist die Kunst für sie das große Ganze. Die einzige Rettung. Ohne die Presse funktioniere keine Kunst und keine Politik, so betont sie versöhnlich, um nochmals sicher zu gehen, dass sich keiner der Anwesenden ausgeschlossen fühlt. Das große Miteinander, man merkt es, das hat sie trainiert.

Insgesamt wirkt sie sich sicher. Elegante Gesten unterstreichen de Carlos Worte, und Fragen, auf die sie keine Antwort hat, spielt sie geschickt an den Fragenden zurück. Die studierte Theater- und Literaturwissenschaftlerin sowie Drehbuchautorin hat sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre als Aktionskünstlerin etabliert. „Wir müssen raus aus den klaustrophobischen Gucklöchern und durch unser Handeln die Wirklichkeit schaffen, in der wir leben möchten. Zurück zur eigentlichen Kunst des Theaters, nämlich die der Gemeinschaft“, ist in Versalien auf ihrer Homepage zu lesen. Im Jahr 2014 schloss sie sich dem Zentrum für politische Schönheit an, einer selbsternannten „Sturmtruppe der Kunst“, die durch skurrile Aktionen im öffentlichen Raum auf politische und gesellschaftliche Missstände aufmerksam macht. So war de Carlo beispielsweise maßgeblich mitverantwortlich für den „Ersten Europäischen Mauerfall“, bei dem Busse voll Freiwilliger an die europäischen Außengrenzen gefahren sind, um die dortigen Zäune zu demontieren.

Politische Aktionskunst, die nicht aus Frustration entsteht

Es ist keine bloße Pro-Flüchtlings-Gesinnung, die die Künstlerin antreibt. De Carlo engagiert sich für eine besser funktionierende Gesellschaft im Allgemeinen, für eine Gesellschaft, die Gemeinschaft ist. Gemeinsam mit den KünstlerInnen des „Social Muscle Club“ betreibt sie derzeit das Projekt „Neuländish“, bei dem Menschen jeder Herkunft zusammengeführt werden sollen, um herauszufinden, wie sie sich gegenseitig unterstützen können.

Beim Gedanken an von Frauen initiierte politische Aktionskunst stellt man sich meist entweder aggressiv-laute Feministinnen wie die der Gruppe Femen, oder mindestens eine düster-tabulose Erscheinung wie Marina Abramovic vor. Anna de Carlo ist nichts von beidem. Nach eigener Angabe handelt sie nicht aus dem Unglück heraus. Sie sei kein frustrierter Mensch, sondern sehe immer die Chancen und Möglichkeiten. Tatsächlich gelingt es ihr, gleichzeitig gesellschaftliche Missstände anzusprechen, ohne im Zuhörer ein Gefühl der lähmenden Hilflosigkeit hervorzurufen. „In unserem Projekt Neuländish geht es viel darum, zu lernen: Ich gebe, was ich kann und ich nehme, was ich brauche“, erklärt de Carlo. „Ich selbst muss manchmal das Nehmen noch trainieren“. Alle im Raum sind so mitgerissen, dass ihr dies keiner glaubt.

Foto: privat

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