Kunst
Schreibe einen Kommentar

Zwischen Kunst und Design

Waschbecken, Wasserhahn, Toilettenschüssel: In Jorge Pardos achter Einzelausstellung in der Galerie neugerriemschneider in Berlin spielt der Künstler mit der ästhetischen Wahrnehmung der Besucher und wirft damit erneut die Frage auf: Wann ist etwas Kunst und wann nur Ding?

Umringt von sakral anmutenden Wandbildern stehen in Jorge Pardos Ausstellung zwei raumgreifende, vollständig ausgestattete und funktionierende Badezimmer. Auf Stützen stehend und von bunt gemustertem Glas umrahmt laden die in sich geschlossenen, rechteckigen Strukturen mit offenstehenden Türen den Betrachter ein, den sonst so privaten Raum zu erkunden. Im Inneren strahlen kantig geformte Lampions und werfen schmale, rötliche Streifen an die bunten Wände, auf das blitzende Keramik und die gemusterte Decke. Neben der Toilette steht eine Klobürste, hängt Klopapier und ein sorgsam gefaltetes Handtuch. Von Außen können die Kuben umrundet und durch kleine Lücken im Muster ausgespäht werden – der Besucher wird zum Voyeur, zu Hitchcocks Norman Bates.

Von Duchamp bis Jacobsen

Gestaltung der Kantine des Paul-Löbe-Hauses, Berlin (Foto: nagell/flickr)

Kantine des Paul-Löbe-Hauses, Berlin (Foto: nagell/flickr)

Die Werke des kubanisch-amerikanischen Künstlers changieren stets zwischen Design, Architektur und Kunst, sind besonders bekannt für ihre extreme Farbigkeit und Formenvielfalt. Pardos Kunst erinnert an Design-Konzepte von Arne Jacobsen oder die grell gemusterten, raumfüllenden Installationen Tobias Rehbergers – Künstler, die der Frage nach der Vereinbarkeit von Kunst und Leben nachgehen. Pardo gestaltete unter anderem bereits die Bibliothek des Dia Art Centers in New York, die Pardobar in Düsseldorf oder die Kantine des Berliner Paul-Löbe-Hauses im Deutschen Bundestag: Der Künstler testet mit seinen Werken die Grenzen von Alltagstauglichkeit und ästhetischer Autonomie aus und rekurriert damit gleichzeitig auf Ready-mades – Alltagsgegenstände, die vom Künstler zum Kunstwerk erklärt werden. Die Hommage wird bei Pardos Bädern besonders deutlich, erinnert die Thematik doch stark an Duchamps Urinal “Fountain” aus dem Jahr 1917, an welchem die Frage nach einem künstlerischen Eigenwert des Objektes seinerzeit schon kontrovers diskutiert wurde.

Im angrenzenden Ausstellungsraum hängen Lichtskulpturen von der Decke bis knapp über den dunklen Steinboden. Die orange-roten gefächerten Leuchten tauchen die etwa einen halben Meter hohen Wandbilder in ein beinahe irreales Licht. Die erleuchteten kleinteiligen Arbeiten offenbaren eine ungewöhnliche Tiefe: Diverse übereinander gelagerte Plastikgitter lassen das dahinterliegende Bild in extremer Tiefenwirkung erscheinen. Umrahmt werden die Miniaturen von rechteckigen weißen Flächen. In jeweils drei geschichteten Ebenen bilden sie einen starken Kontrast zu den floralen Mustern und dem bunten Innenleben, das in seiner Farbigkeit an sakrale Glasmalerei der Gotik erinnert.

Design statt Kunst?

Die optisch vielseitig gestalteten, fast flimmernden Oberflächen der Werke Pardos scheinen direkt einem Hochglanzmagazin entsprungen und mögen die Frage aufwerfen, ob es sich hier vielleicht doch eher um überteuertes Design im Ausstellungskontext als um Kunst handelt. Auch der hohe technologische Aufwand und die hochwertigen Materialien der Objekte des Künstlers, die in Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitern in dessen manufakturartigen Werkstatt “Jorge Pardo Sculpture” produziert werden, scheinen den Vorwurf zu stützen.

“I don’t think art is not functional, for instance. I mean, a fucking painting is functional. How could it not be? People hang it on the wall. But historical tradition says paintings are not functional.”, wird Pardo im W Magazin zitiert und reagiert damit auf die Frage, ob Kunst auch Kunst sei, wenn sie eine (alltägliche) Funktion habe. Ein Gemälde erfüllt demnach, ebenso wie Pardos Badezimmer, einen Zweck und ist dennoch Kunst – allein: unsere Anschauung ist geprägt von einer historischen Tradition, die einem Umdenken wenig Raum gibt. Seinen Kritikern jedoch mag Pardo mit dieser Aussage zumindest zu einer neuen Sichtweise auf seine Werke verholfen haben.

Galerie neugerriemschneider, Berlin, 14.11.2014 bis 24.01.2015

 

Titelbild: © Jorge Pardo, Foto: Jens Ziehe

FacebooktwitterFacebooktwitter
Kategorie: Kunst

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.