Kunst
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Im Kreislauf der Fragmente

Jörn Vanhöfen lässt in seiner Ausstellung „Loop“ Mensch und Natur gegeneinander antreten.

Eine vom Winter zermürbte Straße krümmt sich in eine Haarnadelkurve und schlägt die entgegengesetzte Richtung ein. Geradeaus ist kein Durchkommen mehr, zwei Berge versperren den Weg. Ihr Berührungspunkt am Boden wird von meterhohen Schneemassen verborgen, doch das eigentliche Hindernis türmt sich erst dahinter auf. Eine kolossale Mauer, leicht nach hinten geneigt, verhöhnt die Felswände ob ihrer Mickrigkeit und lässt sich von ihnen, wie von zwei Untertanen in symmetrischem Rahmen präsentieren. Jörn Vanhöfen inszeniert den Grande Dixence, den zweitgrößten Staudamm der Welt, als übermächtig, wenn auch nicht endlos. Aus einem kleinen Streifen grauem Horizont am oberen Bildrand legen sich Nebelschwaden über diese exemplarische Zügelung der Natur. Den Bergen zu ihrem Fuß wird kein Grün gegönnt, nur ein wenig braunes Moos bewahrt einen Rest von Organik. Hier hat die Natur vorerst den Kürzeren gezogen, doch der Kampf ist noch nicht verloren.

Neue (Beton-)Landschaften

Der deutsche Fotograf Jörn Vanhöfen hat mit „Loop“ seine letzten Serien „Disturbia“ und „Aftermath“ konsequent weiterentwickelt. Während er sich in Disturbia vorwiegend mit urbanen Tristessen auseinandersetzte und in Aftermath Ruinenlandschaften des Kapitalismus ablichtetete, schimmern in seinen neuen Fotografien Hoffnungsschimmer eines neuen Kreislaufs durch, der entweder im Rückzug des Menschen, oder in einer Symbiose der beiden Kräfte begründet ist, die sich in ständigem Wandel befinden. Während der Staudamm die Berge mit ihren Felswänden zwar klar dominiert, ist er doch aus ihnen entstanden und substanziell mit ihnen verbunden. Dieses Motiv ist in „Loop“ allgegenwärtig. Vanhöfen hat Szenarien gesucht, in der Künstliches und Natürliches sich einander annähern, um sich zu zerstören, zu beflügeln und manchmal zu neuen Landschaften zusammenwachsen – wenn auch oft nur aus Beton.

Vanhöfen bildet diese Landschaften in Totalen ab. Details spielen keine Rolle, wichtig ist das Gesamtbild, das sich aus den verschiedenen Fragmenten zusammensetzt. Er lässt Oberflächen verschmelzen, nimmt ihnen die Unterschiede ihrer Entstehung und verbindet sie neu. Das kann manchmal bedeuten, dass bildliche Tiefe eingebüßt wird, oder Dimensionen neu definiert werden, wenn sich zum Beispiel leerstehende Grundstücke zu einem goldbrauenen Mosaik aufreihen.

Der entscheidende Vorteil

Oft gewinnt die Natur die Oberhand zurück, wie im Fall einer zerstörten Kirche in Armenien, über der sich in einer entsättigten Umgebung ein strafendes Unwetter zusammenbraut. Verwitterte Häuserskelette in Wustrow, in denen ihre Erschaffer nicht leben wollten, sind jetzt von Pflanzen umzingelt, die sie irgendwann verschlingen werden, wenn niemand sie rettet. Und so scheint Vanhöfens Urteil für den Moment gefallen, in dem sich bei den Gegenspielern ein entscheidender Unterschied kristallisiert. Das Künstliche muss gepflegt werden – die Natur hat Zeit.

Die Ausstellung ist vom 10. Januar bis 26. April 2015 in der Alfred Ehrhardt Stiftung zu sehen.

Foto: © Jörn Vanhöfen, Courtesy Galerie Kuckei + Kuckei, Berlin

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