Kunst
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Bock auf Kunst

Maik Schierloh hat vor 14 Jahren einen Ausstellungsraum ins Leben gerufen. Seitdem hat sich vieles verändert, doch die wichtigsten Voraussetzungen für eine lange Existenz in der Kunstwelt sind noch da: Trotz und Liebe.

Ein blasser Mann mit rötlichem Haar steht in Jeans und Kapuzenpulli vor unserer Gruppe von Studenten und erzählt. Nicht, weil er unbedingt etwas mitteilen will oder die Aufmerksamkeit genießt, sondern weil gefragt wird. Statt aufzusagen hört er zu und überlegt, bevor er antwortet. Er spricht über das „Autocenter“, einen Ausstellungsraum, den er vor knapp vierzehn Jahren in Friedrichshain eröffnet hat und gleichzeitig über sich selbst, denn beides scheint untrennbar miteinander verbunden. Das Projekt begann 2001 mit einem leeren Raum in Schierlohs damaligem Club „Lovelite“ in Friedrichshain, in dem er noch unbekannte Künstler ausstellen ließ. Der Platz war gefragt und Schierloh, der sich auch selbst künstlerisch ausprobierte, fand sofort Gefallen daran, anderen die Chance zu geben, ihre Werke zu präsentieren. Er wollte einen Ort der Begegnung schaffen, wo durch Austausch Neues entstehen kann, ganz ohne finanzielle Restriktionen und ein einziger Raum reichte dafür bald nicht mehr. Mit seinem Freund Joep van Liefland mietete er eine ehemalige Autolackiererei in Friedrichshain an, die jenseits der abgehobenen Kunstszene von Berlin Mitte schnell zu einer beliebten Anlaufstelle für Nachwuchs und Avantgarde wurde. Manche Künstler, wie André Butzer, der bis heute mit seinen abstrakt-futurischenen Werken bei den Kritikern eher unbeliebt ist, bei Sammlern dagegen immer gefragter wird, sind bis heute Außenseiter geblieben, andere, wie Cyprien Gaillard, zu neuen Stars der Kunstwelt aufgestiegen.

“Kunstmarkt ist langweilig”

In Friedrichshain lief also alles gut – trotz oder gerade wegen der kurzen Ausstellungszeiträume von in der Regel höchstens einer Woche, war der Platz immer ausgebucht. Anerkennung gab es von Künstlern wie Olafur Eliasson und Christoph Schlingensief, die Organisatoren nahmen 2006 an der Berlin Biennale teil und veranstalten 2009 eine erfolgreiche Sommerakademie für junge Talente – alles nebenberuflich. Seit 2004 betreibt Schierloh den „Kosmetiksalon Babette“ – eine Bar in Mitte, wo er selbst hinter dem Tresen steht und, wie könnte es anders sein, auch Kunst präsentiert. Trotz aller leidenschaftlicher Aufopferung musste sich aber nach zehn Jahren der vollständigen Finanzierung aus eigener Tasche etwas ändern und das Autocenter veranstaltete eine Auktion, zu der die zahlreichen Anhänger, unter anderen Jonathan Meese, Werke beisteuerten und den Erlös an den Ausstellungsraum spendeten.

Als Schierloh davon erzählt, verändert sich seine Haltung. Er verschränkt die Arme vor der Brust und richtet sich auf, als wollte er sagen: Wehe jemand wirft uns das vor, mir ist es selbst peinlich. Ans Vorwerfen hat allerdings niemand gedacht, eher an die Frage, wieso es solche Auktionen nicht regelmäßig gibt, wenn dadurch doch die Miete für die nächsten anderthalb Jahre gesichert ist. Die Antwort kommt trotzig aber bestimmt: „Weil das dann Kunstmarkt wird und Kunstmarkt ist langweilig!“.

“Wenn’s nicht klappt, oder ich keinen Bock mehr habe, ist Schluss!”

In diesem Moment ist klar, wieso das Autocenter nach vierzehn Jahren immer noch da ist. Weil es nicht still steht, sich selbst hinterfragt, wenig um Hypes schert und weil es von zwei Verrückten betrieben wird, die Kunst lieben, aber den Markt scheiße finden. So konnte es 2013 sogar nach Mitte umziehen, ohne sein zentrales Kriterium zu verändern: Werke zu präsentieren, die Schierloh und Liefland sich selbst anschauen wollen. Auch der persönliche Kontakt mit den Künstlern spielt bei der Auswahl eine Rolle: „Wer anstrengend ist, wird nicht ausgestellt“. Eine ziemlich einfache Regel, die einem in jeder Galerie um die Ohren fliegen würde, aber die finanzielle Unabhängigkeit erlaubt es, sie einzuhalten und sich nicht verstellen zu müssen. Dieses Sich-treu-bleiben wird dabei geholfen haben, in den vierzehn Jahren nicht mürbe zu werden, keine Anti-Haltung zu entwickeln oder einander schlicht auf die Nerven zu gehen. Die Position, niemandem verpflichtet zu sein, führt dazu, dass man es dann manchmal freiwillig doch ist und sich trotzdem nicht geknechtet fühlt.

Wichtiger als finanzieller Erfolg, bleibt die Leidenschaft für Kunst und natürlich auch die Anerkennung. Denn bei aller Überzeugung stilisiert Schierloh sich nicht zum Samariter. Er betont immer wieder, welche Opfer das Autocenter fordert und will auch, dass sein Durchhaltevermögen gewürdigt wird. Da ist schon einiges, was ihn nervt, was ihn bedrückt und auslaugt, doch bisher noch nicht genug: „Es gibt keinen Grund zum Jammern. Ich mache das, weil ich es machen will und wenn’s nicht klappt, oder ich keinen Bock mehr habe, ist Schluss“. Der Berliner Kunstszene ist zu wünschen, dass das noch lange auf sich warten lässt. Die Chancen stehen gut.

 

Foto: Judyta Smykowski

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