Kunst
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Kunstwaldfabrik

Zu Gast in der Neuen Nationalgalerie: Das Institut für Raumexperimente der Universität der Künste Berlin hat mit seiner Abschlussfeier „Festival of Future Nows“ das Museumsgebäude mit Leben gefüllt. Die Besucher konnten mitmachen.

Es riecht nach Holz, wenn man die Neue Nationalgalerie in diesem Winter betritt. In der majestätischen Glashalle stehen 144 entrindete Fichtenstämme. Man kommt sich vor wie in einem mysteriösen, gar magischen Wald: einem Wald voll skurriler Kunstwerke und Gestalten. Vergangenen Donnerstag drängten sich zahlreiche Besucher in die Säulenhalle: Hausherr Udo Kittelmann eröffnete zusammen mit Martin Rennert, dem Präsidenten der Universität der Künste Berlin, und dem dänischen Künstler Olafur Eliasson das Festival of Future Nows. Es war das dreitägige Abschlussfest des Instituts für Raumexperimente der Universität der Künste Berlin. Fünf Jahre lang, von 2009 bis 2014, leitete Eliasson das Modellprojekt der künstlerischen Lehre und Forschung. Das Festival zeigte Arbeiten von ehemaligen Studierenden, Stipendiaten sowie von assoziierten Künstlern und Lehrenden.

Auch für die Neue Nationalgalerie selbst geht eine Ära zu Ende: Ab dem ersten Januar 2015 wird der britische Architekt David Chipperfield das Museum der Kunst des 20. Jahrhunderts sanieren. Für mehrere Jahre bleibt der Museumsbau deshalb geschlossen. Die aufgestellten Säulen aus Holz sind eine Installation des Architekten: Sticks and Stones“ kündigt symbolisch die von ihm durchgeführte Sanierung an. Die Konstruktion wirkt provisorisch und sieht auf den ersten Blick weder stabil noch vertrauenswürdig aus: Die gut acht Meter hohen Baumstämme sind nicht fest im Granitboden verankert, sondern stehen bloß mit darunter geschobenen Holzkeilen auf kleinen Holzplatten. Schaut man jedoch nach oben, entdeckt man, dass die Säulen an kurzen Ketten an der Stahldecke hängen. Nicht die Säulen stützen die Decke, sondern die Decke hält die Säulen. Chipperfields Sticks and Stones“ drückt deswegen auch Bewunderung für die spektakuläre Architektur des Museums aus: Lediglich acht schlanke Stahlstützen tragen das mächtige Dach der Neuen Nationalgalerie, die 1965 bis 1968 von Ludwig Mies van der Rohe erbaut wurde.

Trommel-Performance im Zauberwald der Nationalgalerie

Während des Festivals of Future Nows füllten Installationen, Performances und Interaktionen von hundert Künstlern die dicht gestellte Säulenhalle mit Leben. In der Mitte des Saals, einer Art Lichtung inmitten des Zauberwalds, fing ein Künstler an zu trommeln. Stöcke wurden an einige Besucher verteilt, die damit an die Baumstämme schlugen und in den tranceartigen Rhythmus miteinstimmten. Der Einzelne wurde Teil einer Gemeinschaft: Die Performance fühlte sich wie eine festliche Zeremonie eines Ureinwohnervolkes an. Ein Scheinwerfer warf einen Lichtpegel auf den Boden wie Sonnenstrahlen, die durch das Dickicht aus Blättern und Ästen einen Weg gefunden haben. Ein weibliches Model lief an den Glaswänden entlang, wodurch man die Grenzen der Halle wieder deutlicher wahrnahm. Durch die Glasfassade hindurch konnte man vor dem Gebäude zwei Menschen beobachten, die einen großen Karton über sich gestülpt hatten: Sie sahen aus wie ein lebendig gewordener Steinklotz auf vier Beinen, der ziellos durch die Gegend stolperte.

Weiter hinten in der Halle stand ein Tisch, der aus einem Stillleben entsprungen schien: Auf einer roten Tischdecke lagen unter anderem ein Totenkopf, eine Weltkugel, goldene Kerzenständer, Bücher, ein Blumenstrauß, Kartoffeln, Trauben und Brot. Die Besucher durften von den Nahrungsmitteln naschen, wodurch sie aktiv an der Gestaltung des Kunstwerks mitwirkten. Durch diese Interaktion wurde das dreidimensional gewordene Stillleben auf paradoxe Weise vergänglich und gleichzeitig lebendig. Es gab eine runde Glasscheibe, die ihre Transparenz und Farben änderte, je nachdem aus welcher Perspektive man hindurchschaute. Ein DJ erzeugte metallisches Scheppern und elektronische Töne, die aus einer Fabrik stammen oder in einem Elektromusikstück vorkommen könnten. In anderen Momenten hörte es sich mehr nach der Geräuschkulisse in einem Regenwald an: Es donnerte, das Holz knackte und der Regen prasselte. Es war so laut wie in einer Disko, sodass man kaum ein Wort verstand.

Die Künstler experimentierten mit den Gegensätzen der Räumlichkeiten: Der Glas-Stahl-Bau und die Fichtenstämme ergaben ein Zusammenspiel aus Natur und Technik. Diese Mixtur aus Urwald- und Fabrikhallenatmosphäre zeigten die Künstler in ihren Arbeiten immer wieder auf. Zudem wurde dem Besucher die gleichzeitige Dichte und Offenheit des Gebäudes bewusst gemacht: Der Übergang von drinnen und draußen war fließend und doch bestand ein begrenzter Raum. Kurz nach 23 Uhr scheuchten die Museumswärter die letzten Besucher aus der Halle. Drinnen wurde es dunkel und still. Draußen projizierte ein Künstler seinen Film mit einem kleinen Beamer an eine hängende Fahne. Direkt nebenan fand eine Technoparty im Freien statt. Scheinwerferlichter bewegten sich über die Glasfassade und leuchteten ins Innere der Neuen Nationalgalerie, als würden sie nach etwas suchen.

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