Kunst
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Dokumente des Lebens

Das Fotobuch “BY NOW” zeigt erstmals Arbeiten junger Fotografen aus Weißrussland – voller überraschender Einblicke. 

In der Öffentlichkeit darf nicht geklatscht werden. Das verbietet das sozialistische Regime in Weißrussland. Untersagt ist auch, zu demonstrieren, sich für Menschenrechte einzusetzen oder homosexuell zu sein. Wer nicht funktioniert, wird verfolgt und verhaftet. Klar, dass die Bevölkerung verängstigt und demoralisiert ist. Detaillierte Einblicke — neben den tradierten Klischees — in die  ”Die letzte Diktatur Europas”, wie der Western gerne proklamiert, gibt es allerdings kaum. Weißrussland ist für den Westen buchstäblich ein weißer Fleck, es existiert kein nennenswerter Tourismus, kein informierender Reiseführer. An eine freie Kunstszene, die realistische Einblicke liefern könnte, ist gar nicht erst zu denken.

Mit “BY NOW”, dem ersten Buch über die junge Fotografenszene des Landes überhaupt, wird der weißrussische weiße Fleck durch bunte Fotografien zumindest teilweise zum Leben erweckt. Und bestätigt neben den vorhandenen Klischees glücklicherweise auch die davon abweichende Existenz konträrer Realitäten.

Freiheit statt Gehorsam

“Was ist Heimat? Belarussisch sein — was bedeutet das für mich? Worin liegt meine Verantwortung?” Mithilfe von Polaroids machte sich Aleksei Shinkarenko, einer von 16 Künstlern in “BY NOW”, auf die Suche nach den Antworten seiner ganz persönlichen Fragen. Die Polaroids zeigen einen älteren Mann, lediglich mit einer Unterhose bekleidet, an der weißrussischen Flagge gemütlich vorbei spazieren, eine ältere Dame in der Öffentlichkeit klatschen oder eine junge Frau in Springerstiefeln auf dem Boden hocken, unmittelbar neben lässig miteinander plaudernden Polizisten. “Übertreibung wird hier zum Stilmittel und führt, zumindest für ein westlich geprägtes Auge, eine Portion Humor mit sich”, meint Matthias Harder, Herausgeber der Publikation. Aufgrund der Polaroid-Technik und der surrealen Farbigkeit wirken diese Bilder sehr viel älter, einer längst vergangenen Ära entsprungen. Sie sind aber hochaktuell und zeigen Weißrussland so, wie es eben auch ist: Ein Land, dessen Bevölkerung sich manchmal ganz bewusst für Freiheit statt Gehorsam entscheidet.

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Die zerrissene Strumpfhose als subversives Statement: “We will never get older” von Aleksey Naumchik

 “Es zeigt die Einstellung der Belarussen zu Zeit, Raum und dem Platz eines Menschen darin sowie die Erkenntnis der Verantwortung für seine Handlungen”, sagt Künstler Shinkarenko. Die Arbeit mit den Polaroids verhalfen ihm zu einem reflektierten Selbstverständnis als Belarusse: “Letztendlich bemerke ich, dass ein Werk in der Form einer Momentaufnahme meine Wahrnehmung des Landes, in dem meine Kindheit verlief, nun in der Gegenwart aufbewahrt – durch das Abbild des Landes, in dem ich jetzt lebe.”

Melancholie und Metropole

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“Ferien in der Stadt” von Alexandra Soldatova

Alexandra Soldatova dokumentierte mit ihrer Serie “Ferien in der Stadt” ihre Mitbürger an deren freien Tagen, an den Badeseen der Hauptstadt Minsk. Die Stadt und ihre zwei Millionen Bewohner sind hier zur Ruhe gekommen. “Neben dem kollektiven Miteinander existiert eine melancholische Vereinsamung Einzelner”, so Harder. Wie eine Transformation von Caspar David Friedrichs sensiblem Sehnsuchtsschmerz wirkt die ältere Frau im Blümchenkleid, von der Fotografin aus dem Hintergrund still beobachtet. Gleichzeitig aber erscheint dieses Szenario äußerst arrangiert, so als hätte Soldatova ihre Protagonistin gecastet, um sie für einen intimen Moment auf der komponierten Bühne auftreten zu lassen. Als perfekt inszenierte Stellvertreterin einer kollektiven Sehnsucht.

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Virtuelle Intimität: “Ein privater Präsident” von Siarhei Hudzilin

 Idealisierung via Monitor 

Auf die Suche nach der Grenze zwischen dem realen Menschen und dessen Abbild machte sich Siarhei Hudzilin mit “Ein privater Präsident”. Er porträtierte den weißrussischen Staatschef Alaksandr Lukashenka über einen Fernsehmonitor, seine Hände, seine Augen, seine beginnende Glatze in verpixelter Form — ganz nah und doch unendlich fern. Der Präsident selbst bezeichnet sich als “Volkspräsident”, im Staatsfernsehen wird er als freundlich und zugänglich inszeniert. Tatsächlich dürfen ihm nur Auserwählte nahe kommen. Wenige haben die Berechtigung, ihn zu fotografieren und das lediglich aus festgelegten Perspektiven. Ein distanzierter Diktator, der sich via Monitor absolut konträr darstellt: “Fernsehmonitore tauchen wie Fenster- und Spiegelmotive immer wieder in der Geschichte der Fotografie auf: Man spricht ihnen die Möglichkeit zu, die Wirklichkeit anders zu sehen und darzustellen, ausschnitthaft, gerahmt, vorkonfektioniert”, meint Herausgeber Harder.

Auch die Fotografien sind ausschnitthaft, gerahmt, komponiert — wirken allerdings nicht verfälscht. Es sind tiefe Einblicke in eine Welt, über die wir sonst nur Vermutungen anstellen können. Realisiert von jungen Künstlern, die sich mit ihrer Heimat, ihrem Alltag und ihrer Geschichte auseinandersetzen. Mal sozialdokumentarisch, mal konzeptionell, aber immer glaubhaft. “Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre”, sagte einmal der französische Regisseur Robert Bresson über die fotografische Intention. Die Publikation “BY NOW” hat genau das auf höchste spannende Weise umgesetzt.

 

Info: Die Ausstellung zur Publikation “BY NOW” wird vom 3. Oktober 2014 – 18. Januar 2015 in der ifa-Galerie Berlin zu sehen sein.  

“BY NOW”/ Kehrer Verlag/ 2013

Bilder: Pressematerial Kehrer Verlag

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