Kunst
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Kaufhalle wird Kunsthalle

Wurst war gestern: Studierende und Dozenten der Kunsthochschule Weißensee verwandeln einen Supermarkt in einen Kreativraum

Leise rattern die Autos durch den Kreisverkehr. Am Hamburger Platz in Weißensee ist es – abgesehen vom Brummen der Motoren – wie immer recht friedlich. Auf einer kleinen Mauer sitzen drei Handwerker, jeder hält ein Feierabendbier in der Hand. Sie unterhalten sich, zwischendurch wandern ihre Blicke an einem langgestreckten, strahlend weiß getünchten Gebäude auf der Nordseite des Platzes entlang.

Es ist ein ungewöhnlicher Ort in dieser Gegend, in der sonst nur Altbauten und Wohnblöcke aus den fünfziger Jahren stehen. Durch die zwanzig Meter lange Fensterfront sieht man einige großformatige Gemälde, gleich hinter dem Glas schwebt ein quietschbuntes Bild an dünnen Fäden. Thaddäus Hüppi, ein zurückhaltender Mann mit wilden Locken, läuft quer durch den Raum. Er ist Gastprofessor an der Kunsthochschule Weißensee und verantwortlich für das Gebäude, das seit 2010 den Namen „Kunsthalle am Hamburger Platz” trägt.

Ateliers statt Lebensmittel

Zu Beginn der sechziger Jahre wurde der Flachbau als Kaufhalle errichtet. Noch bis 1995 türmten sich hier Lebensmittel in den Regalen, dann wurde der Laden geschlossen. „Die Hochschule hat sich eingemietet und die Bildhauer haben hier ihre Ateliers eingerichtet”, erzählt Hüppi. Vor drei Jahren zogen sie in neugebaute Räume am Hauptgebäude in der nahe gelegen Bühringstraße. „Es wäre schade gewesen, die Halle dann zu verlieren. So entstand die Idee, sie als Projekt- und Kunstraum weiter zu betreiben.” Viele Liter weißer Farbe später prangte über dem Eingang der Schriftzug „Kaufhalle wird Kunsthalle”.

Der Schriftzug ist verschwunden, aber das Projekt ist lebendiger denn je: Mittlerweile gibt es neben Thaddäus Hüppis Professur noch zwei Stellen für Lehrbeauftragte. Der Bund pumpt seit 2011 Geld in die Kunsthalle. Wenn die Förderung in drei Jahren ausläuft, werden es über 200 000 Euro gewesen sein. “Auch dann wird sich die Hochschule bemühen, die Halle zu halten”, meint Hüppi. Aus dem runtergekommenen Gebäude ist ein Prestigeprojekt geworden, ein Ort, an dem Kreative und Studierende aller Fachrichtungen zusammenkommen, arbeiten, diskutieren und natürlich auch ausstellen. Doch sie bleiben nicht unter sich. „Wir suchen ständig den Kontakt zum Kiez”, betont Thaddäus Hüppi. „Durch Blutspendeaktionen kommen viele Anwohner her, das nimmt auch die Scheu vor der Kunsthalle.”

Arno Kiehl sieht das etwas nüchterner. Der 78-Jährige lebt, mit kurzen Unterbrechungen, seit seiner Geburt in Weißensee. In der Kunsthalle ist er ein bekanntes Gesicht. „Die meisten Alteingesessenen sind nicht gerade kunstinteressiert”, sagt er. Zu den Filmabenden, die der Maschinenbauer im Ruhestand hier veranstaltet, kommt aber immer viel Besuch aus der Nachbarschaft. „Denen muss man einfach ein anderes Programm bieten”, meint der Mann mit den glattgekämmten weißen Haaren. Über die Verwandlung der ehemaligen volkseigenen HO-Kaufhalle zum Ausstellungsort ist er dennoch froh. „Das zerfiel ja schon alles, es wäre dann sicher abgerissen und zugebaut worden.”

Kiez-Attraktivität durch Kunst

Bislang unterstützt die Gesobau als Besitzerin das Projekt. Anstatt das wertvolle Bauland zu verkaufen, profitiert das Wohnungsunternehmen von den Nebeneffekten, die die Halle mit sich bringt. Kunst und Kultur machen ein Viertel attraktiver – das hat man bei der Gesobau längst verstanden. „Auch sonst bewegt sich hier eine Menge, Weißensee ist schon lange nicht mehr verschlafen”, meint Thaddäus Hüppi. Es wird viel gebaut, neue Kreativräume entstehen. „In fünf Jahren wird die Gegend ziemlich hip sein.“

Doch noch liegt kein Eichenparkett auf dem Boden der Halle. Arno Kiehl geht langsam über die alten gesprenkelten Betonplatten. „Die sind aus DDR-Zeiten, genau wie die Heizkörper.” Er beschreibt, wie damals die Regale aufgestellt waren und welche Ecke für die Saisonangebote bestimmt war. Hinter der ehemaligen Fleischtheke schimmern Kacheln durch die dicke weiße Farbschicht. Ein paar Schritte weiter standen früher Tische mit Äpfeln, Kohl und Kartoffeln. Kiehl bleibt stehen. An der Wand hängt ein großes Gemälde, er macht einen Schritt zurück. „Gefällt mir ganz gut, vor allem die Farben.”

Das abstrakte Zerstörungsszenarium vor ihm ist durchsetzt mit knallgrünen, orange- und lilafarbenen Akzenten. Gemalt hat es Wolfgang Zandt, seit zwei Jahren Absolvent der Weißenseer Hochschule. Zum ersten Mal ist eines seiner Werke in der Kunsthalle zu sehen. Wegen der niedrigen Deckenhöhe musste Zandt ein horizontales Format auswählen. „Ich mag den leicht verwinkelten Grundriss der Halle, es ist nicht einfach nur ein Schuhkarton”, sagt der 30-Jährige. Konzentriert betrachtet Arno Kiehl die abstrakten Formen, die sich über die Leinwand winden. Worum es da gehe, möchte er von Zandt wissen. „Der Titel ist ‘Zeit’. Alles ist in Bewegung und verändert sich”, erklärt der Künstler und Kiehl muss lachen. „Na, das passt doch hierher.”

Foto: Lisa Ducret

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Kategorie: Kunst

Angie Pohlers

Angie Pohlers ist in einer verschlafenen mecklenburgischen Stadt inmitten postsozialistischer Architektur und sterbender Kulturlandschaft aufgewachsen. In der heimatlichen Lokalredaktion entdeckte sie ihre Lust am Geschichtenerzählen und die Liebe zu schönen Sätzen. Mit dem Ziel im Kopf, Journalistin zu werden, ging sie 2008 nach Berlin, um dort erst einmal etwas ganz anderes zu machen: Europäische Ethnologie, ein Studium, das ihr den Blick für urbane Themen und Alltagskultur öffnete. Nach einer Stippvisite beim NDR begann sie 2010 als freie Mitarbeiterin der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zu arbeiten. Seit Oktober 2012 studiert sie Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin und freut sich derzeit auf ihr Praktikum beim rbb kulturradio.

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