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Mein tägliches “tinto”

Foto: Michalina Kowol

Es ist nicht der Tee, nicht das Wasser und nicht mal das Bier: das Lieblingsgetränk Deutschlands ist… der Kaffee. Besonders beliebt ist der Kaffee aus Kolumbien. Unsere Autorin Michalina Kowol wollte wissen, was die kolumbianischen Bohnen so besonders macht.

 

Mahlen. Riechen. Brauen, warten und… Schlürfen.

So „cuppt“ man professionell Kaffee. „Cuppen“ heißt die verschiedenen Bohnen zu
degustieren und zu bewerten.

An einem Abend findet in einem trendigen Berliner Kaffeehaus eine öffentliche Cupping-
Veranstaltung statt. Dabei werden 30 kolumbianische Kaffees verkostet. Das internationale
Publikum darf die Kaffeesorten probieren, die 2017 am Cup of Excellence teilgenommen
haben. Cup of Excellence heißt “Tasse von exzellenter Qualität”: In diesem jährlichen Wettbewerb werden die besten Kaffees der Welt ausgezeichnet.

Nur die USA importieren mehr kolumbianischen Kaffee als Deutschland.

“In Kolumbien gibt es eine Vielfalt von guten sowie auch von schlechten Kaffees. Die
sogenannte Premium-Sorten werden allerdings nicht am häufigsten in Kolumbien
konsumiert,” sagt Juan Sebastián Gómez. Der Journalist forscht zur Agrarreform in seinem Heimatland. “Der kolumbianische Kaffee, charakterisiert sich durch süßliche Bohnen. Wir nennen es ʹsuaveʹ, sanft. Diese Bohnen erlauben die Präparationen, die mehr ʹkonzentriertenʹ Kaffee benötigen, die in den USA und in Europa getrunken werden.”

Hier in Deutschland ist der kolumbianische Kaffee besonders beliebt. 2016 stand
Deutschland weltweit auf Nummer zwei – nach den USA – mit knapp 75 Millionen Kilo
importierten ungerösteten Kaffeebohnen aus Kolumbien.

Im Jahr konsumiert jeder Deutsche circa 7 Kilo Kaffee: ein Kolumbianer… ungefähr 2 Kilo.

“Der Kaffee, den man am meisten in Kolumbien trinkt, heißt ʹtintoʹ und charakterisiert sich
durch ʹWeichkeitʹ, ʹGlattichkeitʹ, ʹDünnheitʹ… In Kolumbien, der Kaffee wurde geliebt in den
gebirgigen Zonen des Landes, weil er gut vor der Kälte schützte. Deswegen wurde er dort
mehrmals am Tag getrunken. Deswegen wurde er dünner, nicht sehr konzentriert, und in
den ländlichen, bäuerlichen Gebieten in den hohen Bergen wird er gesüßt mit ʹpanelaʹ, ein
Destillat aus Zuckerrohr. Ich versuche ihn genauso zu trinken, ein ʹbäuerlichesʹ tinto, weil es eine Tradition in meiner Familie ist,” gibt Gómez zu.


Buenavista in Quindío, die Kaffeanbauregion Kolumbiens. Hier befindet sich die “finca” – oder
die Kaffeeplantage – von don Leo. Er ist der Meinung, dass die ganze Welt keine Idee habe, was
guter Kafee ist.

In kolumbianischen Supermärkten gibt es meist nur “gemahlenen Müll”.

In einem Supermarkt, oder in einem populären Café wo eine Tasse Kaffee 500 pesos kostet,
das sei gemahlener Müll, sagt Don Leo. 500 pesos, das sind knapp 15 Eurocent.
Mit dem Kaffee kennt sich Don Leo aus: in seiner “finca” produziert er Spezialitätenkaffee,
unter seiner eigenen Marke. Die restlichen Bohnen verkauft er an die kolumbianische
Föderation der Kaffeeanbauer. Dort werden die Bohnen in drei Klassen nach der Größe
sortiert. Die “dritte Klasse”, heißt die kleinsten und oft beschädigten Bohnen, werden ganz stark geröstet und billig verkauft. Diesen Kaffee, so Don Leo, trinken die meisten
Kolumbianer als ihr tägliches “tinto”.

Gezwungen durch die wirtschaftliche Situation, tragen wir zu dem Betrug bei, gibt Don Leo
zu. Er sowie auch andere kleine Kaffeanbauer verkaufen auch die schlechten Bohnen an die
Föderation, um überleben zu können.


“Wie ein großer Teil der ländlicheren Produktion in Kolumbien, die Integration in den
offenen Markt hat den Kaffeebauern viele Herausforderungen aufgenötigt, für die das Land
immer noch nicht bereit ist”, macht Juan Sebastián Gómez klar. “Die Abwesenheit der Infrastruktur, der Fortbildung, den Kommunikationskanälen und stärkeren Anreizen für die Produktion hat dazu geführt, dass viele Anbaukulturen zum Ende gebracht wurden oder, noch schlimmer, dass viele Bauer haben sich für den Anbau vom Kokablatt entschieden.”

Junge Kolumbianer in den Großstädten bieten Alternativen zum minderwertigen “tinto” an.

Die Jugendlichen wollen nicht aufs Land kommen, um hier zu arbeiten, weil sie beschämt,
diskriminiert, schlecht bezahlt werden. Niemand will das erleben, sagt don Leo: “Wenn ich jung wäre, ich würde nie auf dem Land arbeiten. Und ich mache es seitdem ich acht Jahre alt bin.”
Heutzutage rechnet seine “finca” mit acht festen Mitarbeiter. Der Jüngste ist 50 Jahre alt, der
Älteste 87.

Aber das Interesse an der lokalen Spezialität wächst, besonders in kolumbianischen
Großstädten. Viele junge Menschen suchen nach nachhaltigen Alternativen zum
traditionellen “tinto” und manche entscheiden sich sogar, eigene Kaffeehäuser zu eröffnen, oft
mit einer sozialen Initiative im Hintergrund. Dort werden Kaffeesorten mit
Ursprungsbezeichnung verkauft, meistens aus kleinen Anbaukulturen – wie die von don Leo.
Und um die beste Bohnen zu finden, muss man sie natürlich zuerst… cuppen!

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