Gesellschaft
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Gesichter der Euphorie

Wenn man sich auf die Suche begibt mit dem Ziel, Euphorie fotografisch festzuhalten, merkt man schnell, dass Euphorie nicht gleich Euphorie, und vor allem nicht auf Kommando herzustellen ist. Per Definition ist sie eine zeitweilige übersteigerte Stimmung oder auch  Hochstimmung. Und genau da liegt die Schwierigkeit.  Euphorie ist zeitlich begrenzt und kann nicht auf Abruf geschehen. Es muss einen Auslöser geben, der dafür sorgt, dass die Glückshormone förmlich überlaufen, sodass das Glück unkontrolliert aus dem Körper strömt. Diese Fotos sind eine Auswahl von Momentaufnahmen, von Versuchen, Euphorie im Bild festzuhalten. Zudem zeigen sie die ganz verschiedenen Varianten der Euphorie.

Die Hochzeit

Foto: Sabine Rasch

Zwei junge Frauen umarmen sich im Überschwang der Gefühle. Die sowieso schon warme Luft
im Standesamt in Zagreb, Kroatien, wird durch die Hitze der Begegnung nur noch übertrumpft. Der Schleier verrutscht und zum wiederholten Male muss die Braut darauf achten, ihr Kajal nicht zerlaufen zu lassen. Hochzeiten sind emotionale Achterbahnfahrten, sowieso. Bei dieser Hochzeit an einem Sommertag 2017 kam noch ein weiterer Fünferlooping hinzu. Vollkommen unerwartet tauchte die beste Freundin der Braut zur Trauung auf. Ein Herzenswunsch wurde erfüllt, denn nichts hat sich Marie-Colette sehnlicher gewünscht als ihre seelische Stütze am schönsten Tag ihres Lebens an ihrer Seite zu haben. Euphorie zeigt sich hier als Übersprungs-Reaktion: Lautes Kreischen, Umarmungen, Freudentränen.

 

Das Abschlussprojekt

Foto: Christopher Land

Man meint förmlich zu spüren, wie der Druck von ihnen abfällt. Der leicht geöffnete Mund, wie
ein einziges großes Ausatmen, die erleichtert geschlossenen Augen, das perfekt ondulierte Haar kommt in Bewegung, mischt sich mit dem der Kommilitonin, bei der glücklichen Umarmung nach vollbrachter Tat. Das Studium als Meilenstein zur zukünftigen Karriere setzt wahrscheinlich jeden unter Druck. Umso größer war die Erleichterung der Journalismus-Studierenden, die in Dresden ihr Abschlussprojekt in Form einer Livesendung zum Thema Rassismus in Deutschland vorstellten. Die beiden Studentinnen Melanie und Anna umarmen sich im Überschwung der Euphorie. Auch, wenn sie schon lange wussten, dass es an diesem Moment soweit sein würde, erst jetzt ist ihnen auch ganz bewusst: sie haben es geschafft. So muss sich Fliegen anfühlen.

 

Die Kindheit

Foto: Isabella Nadobny

Apropos Fliegen: Ein Kind tanzt mit den Blättern im Park, im Sonnenlicht. Hemd und
Unterhemd sind verrutscht, die Arme im Überschwang ausgebreitet, als wollten sie die ganze
Welt umfassen. Die Augen geschlossen, auf dem Gesicht ein selbstvergessenes Lächeln: Auf so einfache Weise vermitteln sich Glück und Euphorie. Was auf diesem Foto zu spüren ist, ist das pure Glück des Moments, das pure Dasein ganz in sich. Sind Kinder einfacher in eine euphorische Stimmung zu bringen als erwachsene Menschen? Vielleicht liegt es daran, dass sie nicht nachdenken im Moment und die Gabe besitzen, den einzelnen Moment ohne Kompromisse und Hintergedanken zu genießen, und sich selbst dabei zu vergessen. Allein das Zusehen macht glücklich. Wann ist es wieder Herbst?

 

Das Leckerli

Foto: Christopher Land

Sage keiner, Tiere könnten keine Euphorie verspüren. Die junge Hündin Ria wartet gespannt auf
ihr Leckerli, die Zunge hängt aus dem Hals, die Augen quellen fast über vor Begeisterung, sie kann sich kaum beherrschen beim Versuch, stillzuhalten. Bis das Freigabe-Zeichen kommt, darf sie nicht zugreifen, obwohl sie beinahe platzt vor Aufregung.  So scheint ein Hund leichter und häufiger in eine euphorische Stimmung zu bringen zu sein als der Mensch, bei jedem Leckerli wiederholt sich das Spiel. Wie auch beim Kind liegt es vielleicht daran, dass der Hund nicht nachdenkt, sondern sich einfach nur freut – übers Streicheln, Füttern, Spielen und so weiter.

 

 

Der Mensch denkt grundsätzlich mehr, wenn nicht sowieso zu viel, über alles nach und so ist es offenbar schwieriger, Euphorie zuzulassen. Man steht sich oft selbst im Weg, wenn man die „aber was wäre, wenn“-Frage stellt. Trotzdem gibt es viele Situationen, in denen das pure Glück den Tag erhellt. Doch ganz egal, ob sie nun häufig oder selten zu spüren ist, Euphorie ist ein Geschenk der Gefühle, ein Genuss des Lebens. Nur einen Fotoapparat hat man zu selten dabei – auch wenn das Auge und die Erinnerung den Moment für immer festhalten können.

 

Illustration: Heike Fischer

Illustration: Heike Fischer

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Kategorie: Gesellschaft

Christopher Land

Christopher Land hatte das Glück, in mehr Ländern zu leben, als andere überhaupt besucht haben. Nachdem er viele verschiedene Kulturen erlebt hat und in die Heimat der würzigen Currys, Schawarmas und des Hummus eingetaucht ist, kehrt er nun gerne zu Currywurst und Brötchen zurück. In Berlin fand er schließlich seine Wahlheimat, in der er sich professionell in der Welt des Video-Journalismus bewegt. Die U-Bahnen der Stadt sind seine große Leidenschaft, die er auf seinen Social-Media-Kanälen mit allen teilt.

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