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Was ist das für 1 großer Bruder

Make America great again“: Ob Trump dafür auch einen Algorithmus hat?

Facebook weiß alles über uns und kann mit diesem Wissen sogar Wahlen beeinflussen – angeblich. Zeit für Panik? Erst mal durchatmen, findet unsere Autorin.

Facebook wirbt zurzeit mit dem Slogan: „Du postest ein Bild deiner Kinder und die ganze Welt sieht es.“ Wobei: wirbt? Eigentlich klingt das mehr nach einer Drohung. Und tatsächlich scheint das, was da so verlockend weltweite Sichtbarkeit von privaten Momenten prophezeit, eine Warnung von Facebook über die Nutzung von Facebook zu sein. Doch der Konzern hat die Lösung des Problems schon parat: „Teile mit: Familie“. Onkel Mark reibt sich die Hände ob dieses genialen Schachzuges. Denn er gehört ja immer dazu, zur Familie. Dass da nicht wirklich eine Verwandtschaft besteht, nicht mal eine angeheiratete, ist auch egal, denn seit einer Weile nehmen wir es mit der Wahrheit auch außerhalb von Familienfeiern nicht mehr ganz so ernst; und das ganz offiziell. So lautet das Wort des Jahres „Post Truth“, auch wenn das ja genau genommen zwei Wörter sind, aber egal, das ist ja gerade der Witz daran, das Wort des Jahres ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Die deutsche Entsprechung von Post Truth ist postfaktisch – ein Wort, das besonders gerne von Menschen mit Studienabschluss und liberalem Weltbild benutzt wird, um Leute zu analysieren die, sagen wir, noch nicht so oft ein Buch in der Hand hatten und eher auf der rechten Seite des Schwimmbeckens planschen. Es passt aber auch meistens ganz gut auf die Sachen, die Thomas de Maizière so erzählt – der Innenminister erfindet gerne mal Zahlen über Flüchtlinge, zum Beispiel, „dass 70 Prozent der Männer unter 40 Jahren vor einer Abschiebung für krank und nicht transportfähig erklärt werden.“ Eine Zahl, die sich so nicht belegen ließ

Als postfaktisch ließe sich auch die Werbekampagne von Facebook bezeichnen. Denn nur, weil bestimmte Leute etwas nicht mehr sehen können, bedeutet das natürlich nicht, dass diese Inhalte wirklich privat sind. Vielmehr hat der Konzern mit dem Hochladen eines Bildes sämtliche Rechte an Inhalt und Daten erworben. Was Facebook dann damit anstellt, ist nicht ganz sicher, aber es wird gemunkelt, dass es nicht zum Vorteil der Verbraucher sei. (Es sei denn, man empfindet es als persönlichen Vorteil, von derselben Schuhwerbung durchs gesamte Internet verfolgt zu werden.)

Auf den User werden mittlerweile alle Inhalte zugeschnitten: Werbung wie Wahlbotschaften

Die Macht von Facebook und Co, so eine sich derzeit großer Beliebtheit erfreuende These, besteht vor allem darin, dass man das Verhalten von Menschen durch ihre Social-Media-Aktivität besser voraussagen kann, als deren engste Freunde. Schon wenige Likes reichten aus, so der Psychologe und Stanford-Wissenschaftler Michal Kosinski, um über fünf Persönlichkeitsaspekte eines Menschen sehr konkrete Aussagen treffen zu können. „So ab, sagen wir, 240 Likes vielleicht sogar bessere als Ihre Freundin“, sagt Kosinski im Gespräch mit der taz Kosinski und der von ihm entwickelte Algorithmus zur Persönlichkeitsbestimmung durch Social-Media-Daten waren erst kürzlich Mittelpunkt einer hitzigen Debatte, die vor allem auf einem viel beachteten Artikel aus dem Schweizer Magazin fußte. Der Artikel beschreib, wie Donald Trump angeblich mithilfe der Firma Cambridge Analytica – die Kosinskis Algorithmus für Wahlwerbung nutzt – die Präsidentenwahl gewonnen hat. Cambridge Analytica, so der Autor, erstelle psychologische Profile von Facebooknutzern und wende dann sogenanntes Ad-Targeting an – auf den jeweiligen Nutzer persönlich zugeschnittene Werbung, beziehungsweise Wahlbotschaften. Ist also Donald Trump nur durch einen perfiden Marketingtrick US-Präsident geworden?

Die Antwort auf diese Frage ist natürlich nein, auch wenn eine solche Manipulation von Wählern sicher nicht unerheblich war. Fakt ist aber auch, dass die Aussagen und Daten über den Erfolg der Kampagne in dem Artikel vor allem von Cambridge Analytica selbst kamen. In Europa stehen in diesem Jahr gleich zwei wichtige Wahlen mit eher ungewissem Ausgang bevor. Für den letzten erfolgreichen Wahlsieg eines fragwürdigen Kandidaten kassierte die Firma angeblich 15 Millionen Dollar. Wie viel Einfluss die Kampagne tatsächlich auf den Ausgang der Wahl hatte, lässt sich nicht messen. Trotzdem wurde der Artikel des Schweizer Magazins über Kosinski und seinen Algorithmus so oft geteilt und diskutiert, dass man kaum an ihm vorbeikam. Und er trat in den sozialen Medien Wellen der Panik los, ob nun auch die AfD mithilfe von psychologischen Profilen die nächste Bundestagswahl gewinnen werde. Durchatmen, nachdenken, dann schreiben!!!111!!, möchte man da ins Kommentarfeld brüllen. Denn: Waren nicht eher andere Faktoren, wie Rassismus, fehlender wirtschaftlicher Aufschwung oder eine Ablehnung gegenüber Eliten, Ursache für Trumps Sieg? Sind die europäischen Datenschutzgesetze mit denen der USA vergleichbar? Wie stellt sich ein profitorientierter Konzern selbst dar?

Das postfaktische Zeitalter hat uns alle erreicht, nicht nur den rechten Rand. Bevor man beim nächsten Facebookpost energisch auf die Entertaste haut, sollte man aber daran denken: Du postest was Dummes, und die ganze Welt sieht es.

Foto: Stars and Stripes von berlyjen unter  CC BY-NC-ND 2.0

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