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Sisters, unite!

Neue Spiritualität: Frauen auf der Suche nach der Göttlichen Weiblichkeit. Ein Gespräch mit der Schamanin Chloe Kerman.

Es liegt etwas in der Luft. Erfolgreiche Frauen, die mitten im Leben stehen, suchen Sinn in der Natur und praktizieren Rituale rund um die Schöpfungskraft der Weiblichkeit. Es ist eine Tendenz, die an die Hippie- und New Age-Bewegungen der 70er Jahre anknüpft, mit Schamanismus experimentiert, die Erde als schöpferische Kraft heiligt und Weise Frauen zu Rate zieht. Chloe Kerman lebt in London. Sie ist Mitte dreißig und hat eine Karriere als Moderedakteurin bei international bekannten Magazinen hinter sich gelassen, um in den Schamanismus einzutauchen.

Frau Kerman, eine erfolgreiche Stelle in der Modebranche ist das, wovon viele Menschen träumen. Was hat Sie bewogen, diese Position aufzugeben?

Ich habe zehn Jahre lang für verschiedene Modemagazine gearbeitet und als Stylistin mein Geld verdient. Irgendwann habe ich gemerkt, wie unglücklich ich mit diesem Leben bin. Ich empfand eine tiefe Sehnsucht nach etwas, das größer ist als ich selbst. Ich war auf der Suche nach Verbindung. Verbindung zu mehr als dem, was mein Leben zu dem Zeitpunkt war.

War das ein kompletter Bruch? Wie sieht Ihr Arbeitsleben jetzt aus?

Ich biete Energiearbeit an. Das bedeutet, Menschen kommen zu mir, weil sie eine Veränderung suchen. Sie möchten Dinge in ihrem Leben ändern, die nicht mehr funktionieren, und oft wissen sie einfach nicht wie. Meine Arbeit beruht auf Schamanismus und der Göttlichen Weiblichkeit, ich gleiche Energien aus, damit sich die Chakren öffnen können.

Klingt etwas esoterisch. Was ist denn die Göttliche Weiblichkeit?

Die Göttliche Weiblichkeit kommt von innen. Wir werden in eine maskuline Welt geboren, in der es darum geht, Dinge zu erreichen und zielorientiert zu sein. Bei der Göttlichen Weiblichkeit geht es um das Empfangen. Man sendet eine Intention oder einen Wunsch hinaus und statt hart daran zu arbeiten, ihn zu erreichen, erlauben wir es uns, aufnahmebereit und in der empfangenden Position zu sein. Wir erlauben Dingen, zu uns zu kommen. Wir lassen es zu, dass unsere Intuition hervortritt und uns unsere eigene Weisheit führt. Es ist ein Bewusstwerden auf jedem Level, man macht sich seine Kreativität zu Nutze, ob das Malen, Zeichnen, Tanzen, Singen, Kochen oder Kreieren in jeder Form ist.

Eines der Rituale, die im Zusammenhang mit der Göttlichen Weiblichkeit stehen, ist der Rite of the Womb, den Sie auch praktizieren. Was ist das?

Während der Womb Circles leite ich eine Gruppe von Frauen an, durch Meditation eine Verbindung zu ihrer Gebärmutter herzustellen. All unsere Kraft und Weisheit wird in ihr gehalten, aber Frauen neigen dazu, Ängste und Schmerzen in ihr festzuhalten. Wir haben es nicht gelernt, uns mit ihr zu verbinden, wir haben nicht gelernt, dass all diese überwältigende Energie und Stärke in ihr liegt. Die Erfahrungen der Frauen nach dem Rite of the Womb sind unterschiedlich: manche leiden nicht mehr so sehr, einige sind in der Lage zu empfangen und werden schwanger, andere erfahren Freude, Liebe und unendlich viel Kreativität.

Die sich ständig weiterentwickelnde Digitalisierung, unsichere politische Zeiten, unerreichbare Anforderungen bei der Arbeit und die Zunahme an generalisierter Angst sind sicher Gründe dafür, dass die neue Sehnsucht nach Spiritualität sich so rasant entwickelt. Was geben die Frauen, die zu Ihnen kommen, als Gründe an?

Viele von uns wünschen sich Gemeinsamkeit, ein neues Sein, deshalb ist diese Bewegung entstanden. Die schamanischen Traditionen waren aber schon immer da. Die Schamanen wissen, wie man sich mit der Natur verbindet, sie kennen die Kraft der Natur, sie wissen von der Heilung, die Natur bringen kann. Wir Stadtmenschen lernen erst jetzt über sie und wie wir sie als urbane Schamanen in die Städte bringen können.

Früher ging man in solchen Situationen in die Kirche und wandte sich auf der Suche nach Trost an Gott. Braucht der Mensch Transzendenz, um glücklich zu sein?

Mit etwas Größerem als uns selbst verbunden zu sein, gibt uns eine Perspektive. Wenn etwas passiert, das uns traurig macht, kann man wählen, wie man auf die Situation blickt. Wir alle müssen uns Herausforderungen stellen, aber es geht darum, wie wir sie betrachten und wie wir auf sie antworten. Die Empfindung, abgetrennt zu sein, ist oft, was uns zum Verzweifeln bringt und uns unglücklich macht. Wenn wir uns mit Gott, dem Ursprung, dem unendlichen Licht verbunden fühlen, gibt uns das ein Gefühl der Erfüllung, einen Sinn.

Ich höre immer Self-Care, Self-Discovery, Self-Empowerment, als ginge es nur ums Selbst. Ist das nicht ein ziemlich egoistisches Konzept?

Bei unserer Sisterhood ist die Gemeinschaft total wichtig. Erst macht man die eigene innere Arbeit und dann kommt man in der Gemeinschaft zusammen und unterstützt sich gegenseitig. Man übernimmt Verantwortung für das eigene Heilen, die eigenen Handlungen, die eigenen Gedanken, und das hat auch einen Effekt auf die Gemeinschaft. Es ist die höchste Form der Selbstfürsorge, von der dann alle profitieren.

Fotos: Guto

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