Gesellschaft
Schreibe einen Kommentar

Reformation light

Warum die Ausstellung „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt“ im Berliner Martin-Gropius-Bau nur die halbe Geschichte erzählt

Jede Lichtgestalt hat ihre Schattenseiten und jede religiöse Bewegung ihre dunklen Kapitel. So ist den Kurator*innen die Ausstellung „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt“ auch nur mit Einschränkungen geglückt. Die Mammutschau im Martin-Gropius-Bau will die weltweiten Auswirkungen der Reformation und den aktuellen Stand des Protestantismus mit seinen 800 Millionen Anhängern abbilden. Zu diesem Zweck wird neben einem kurzen Abriss zur Geschichte exemplarisch dessen Verbreitung und Praktizierung in Schweden, Südkorea, Tansania und den USA vorgestellt. Mehr Ausgewogenheit zwischen den positiven und negativen Aspekten hätte der vom Deutschen Historischen Museum ausgerichteten und der Evangelischen Kirche Deutschland begleiteten Schau gut getan. Trotzdem schafft sie eines: sie macht neugierig. Und das muss ein solches Angebot erst einmal erreichen, bei sinkenden Mitgliedszahlen der deutschen evangelischen Kirchen und einem Thema, von dem die meisten glauben, bereits alles zu wissen.

Wer den 600 Quadratmeter großen Lichthof des Martin-Gropius-Baus betritt, staunt zunächst nicht schlecht. Dort findet sich keine überfordernde Anhäufung historischer Exponate, und auch keine von Informationen überquellenden Infotafeln. Stattdessen strahlt einem das futuristische Leuchtgebilde „Übergang“ von Hans Peter Kuhn entgegen, das wie ein Stück herausgeschnittene Achterbahn aussieht. Vier filigrane Bahnen schweben zu sakralen Klängen im Raum, winden sich aus der Horizontalen in die Höhe und veranschaulichen eine Entwicklung, die lange vor Luther begann, mit den 95 Thesen gegen den Ablasshandel an Fahrt aufnahm und die Welt in ihren Grundfesten erschütterte. Mit den vier Wegen macht der Berliner Künstler die aus der Reformation hervorgegangenen religiösen Richtungen anschaulich, mit ihrer Bewegung gen Himmel den direkten Draht zu Gott, der erst durch den Wegfall der Beichte ermöglicht wurde.

Futuristisches Leuchtgebilde statt haufenweise Exponate

Im Luther-Jahr nehmen sich gleich drei von der Bundesregierung geförderte Sonderausstellungen dem Thema an. In der Wartburg in Eisenach, in der er das Neue Testament übersetzte und damit den Grundstein zu einer einheitlichen deutschen Sprache legte, werden seine Folgen für die deutsche Geschichte thematisiert. In Wittenberg, in der er als Augustinermönch wirkte und der Legende nach das Thesenpapier an die Kirchentür schlug, seine Entwicklung zum Reformator. Dass er nicht der einzige war, der genug von den Praktiken und Einschränkungen der katholischen Lehre hatte, zeigt ein Ölgemälde gleich zu Anfang der Schau im Martin-Gropius-Bau. Darauf abgebildet ist ein fiktives Zusammentreffen der prominentesten Religionserneuerer, unter ihnen auch die Schweizer Theologen und Begründer der reformierten Kirchen Ulrich Zwingli und Johannes Calvin.

Das Gemälde bildet den Ausgangspunkt einer Reise durch die Reformationsgeschichte, einmal um den Lichthof herum, der nicht nur schlaglichtartig die Lutheraner, Reformierten, Täufer und Anglikaner als miteinander konkurrierende Kräfte vorstellt, sondern auch die zahlreichen konfessionellen Konflikte, die durch die unvereinbaren Positionen der Protestanten und Katholiken im 16. und 17. Jahrhundert in Europa auftraten und in blutigen Auseinandersetzungen wie dem Dreißigjährigen Krieg mündeten.

Die Auswirkungen der religiösen Welterneuerung im Rundgang sind exemplarisch und damit anschaulich aufbereitet. Unbefriedigend wird es jedoch, wenn man zu dem ein oder anderen Thema mehr erfahren möchte. So geht es einem bei der Missionierung. Die Vitrine, die einen Schandfleck der Lehre Luthers ausstellt, ist so unscheinbar, dass sie leicht zu übersehen ist. Doch, was sich darin befindet, ist Antisemitismus in Reinform. Die Reproduktion von Luthers Hetzschrift „Von den Jüden und ihren Lügen“ von 1543 beinhaltet vieles, was die Nationalsozialisten mit dem Holocaust Wirklichkeit werden ließen. Der Kirchenmann ruft darin dazu auf, Synagogen niederzubrennen, Juden zur Zwangsarbeit zu verpflichten oder sie aus dem Land zu jagen.

Luthers Antisemitismus zu oberflächlich behandelt

Die Informationen neben den Exponaten, die kurz auf die Judenfeindlichkeit des Mittelalters eingehen, sind spärlich, ein Blick ins Beiheft verrät nur die Titel der historischen Schriften und auch der Sprecher des Multimedia-Guides erzählt wenig, unter anderem, dass Luthers Judenhass aus einem gescheiterten Missionierungsversuch hervorgegangen sein soll. Darüber, dass der Reformator durch die Nationalsozialisten vereinnahmt wurde, berichtet er nichts. Ebenso kommt kein Hinweis auf die Ausstellung in der Wartburg oder die Präsentation „Überall Luthers Worte…“ im benachbarten Dokumentationszentrum „Topografie des Terrors“, die sich eingehend mit diesem Aspekt beschäftigen.

Ein bisschen zu positiv geht es auch in den Bereichen zu, die den einzelnen Ländern gewidmet sind. Zumindest fallen einem dort zuerst die Banner ins Auge, die Zeitgenossen vom Rapper bis zur Studentin mit ihrem Verhältnis zur Religion porträtieren. Lächelnde Menschen, denen Gott Kraft, Mut und einen Sinn im Leben gegeben hat. In Tansania keine einzige kritische Stimme, in Schweden zumindest eine, die man jedoch erst hinten in einer Ecke findet. Dort berichtet der Regisseur Ingmar Bergman von seiner Kindheit in einem Lutheraner Pfarrhaus, in der Schläge an der Tagesordnung waren.

In Schweden wird das Luthertum 1593 zur Staatsreligion erklärt und bleibt es bis 1809. Andere Glaubensrichtungen wie die Pietisten wurden überwacht und bestraft, die im Norden lebenden Sámi, von denen viele als Nomaden mit ihren Rentierherden unterwegs waren, gezwungen, den lutherischen Glauben anzunehmen. Ein Ölgemälde steht beispielhaft für die Missionierung der indigenen Gruppe. Es zeigt deren traditionelle Riten neben den aufgezwungenen protestantischen Glaubenspraktiken. Ein Schamane etwa schlägt ein traditionelles Schlaginstrument, um sich mit dessen Hilfe mit der spirituellen Welt zu verbinden. Neben ihm steht der Teufel als Zeichen für die aus Sicht der Lutheraner sündige Zeremonie. Die meisten der Trommeln wurden während der Missionierung zerstört, eine ist in der Ausstellung zu sehen. Was bedauerlicherweise fehlt, ist die Sichtweise der Sámi selbst auf dieses unrühmliche Kapitel des Protestantismus. Dabei hätten sich unter den 14.600 heute noch in Schweden lebenden Sámi sicherlich Experten finden lassen.

Sichtweisen der indigenen Gruppen kommen zu kurz

Auch in der tansanischen Abteilung wird nicht ausreichend darauf eingegangen, wie die indigenen Gruppen selbst die Anfänge der Missionierung in Erinnerung haben. Wenn man die Fotos und Schriften auf dem Leuchttisch betrachtet, erfährt man – wenn auch wieder nur rudimentär -, dass sich die Protestanten, die im 19. Jahrhundert nach Tanganjika, heutige Tansania, kamen, zwar gegen Sklaverei einsetzten, Krankenhäuser und Schulen errichteten, aber auch eng mit der deutschen Kolonialmacht zusammenarbeiteten und die lokalen Religionen unterdrückten. Doch welcher Blick auf die Missionsgeschichte wird auf dem Leuchttisch eigentlich dargestellt? Es ist der Blick der Missionare selbst.

Besonders deutlich wird das Missverhältnis in der Gewichtung der Sichtweisen, wenn man die beiden Filme zum Thema Mission betrachtet: Auf einer riesigen Leinwand wird ein historischer Propagandafilm der protestantischen Kirche gezeigt. Der wesentlich interessantere Film aber – „Stimmen aus Tansania zu Kolonialherrschaft und Mission“ von Julia Gechter -, in dem tansanische Historiker und Nachfahren von Beteiligten des Maji-Maji-Aufstandes zu Wort kommen, wird versteckt in den hinteren Ecken des Raums abgespielt, und auch das nur auf kleinen Bildschirmen, die in den Tisch eingelassen sind, sodass es ziemlich unbequem ist, sich den zehnminütigen Film anzuschauen.

So ist die Ausstellung „Der Luthereffekt“ trotz vieler interessanter Einblicke in die Entwicklung des Protestantismus nicht gänzlich gelungen. Eine Vertiefung der kritischen Stellen und eine größere Ausgewogenheit der Sichtweisen auf die Bewegung wären wünschenswert gewesen, damit die Verdienste Luthers und des Protestantismus die Schattenseiten nicht überstrahlen. Der Lerneffekt wäre größer gewesen.

Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantimus in der Welt. Deutsches Historisches Museum im Martin-Gropius-Bau, Berlin; bis 5. November 2017

Foto: Dis sint de Sitten von Lappland“, vor 1668 © Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen, gemeinnützige GmbH, Burg Kriebstein / PUNCTUM / Bertram Kober

FacebooktwitterFacebooktwitter
Kategorie: Gesellschaft

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.