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Mehr Effekt als Luther

Die Ausstellung „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt“ im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnet globale Perspektiven

Mitte des 17. Jahrhunderts sitzt Luther am Tisch gemeinsam mit Calvin und Melanchton. Sie gehören zu den bedeutendsten Reformatoren Europas. Um sie herum weitere Gelehrte von Wichtigkeit. Gegenüber sitzt der Feind. Kleinlich und mies: der Papst, Könige, Mönche, der Teufel. So zusammengekommen sind die Vertreter der Reformation allerdings nur auf einem Ölgemälde. In Wirklichkeit war diese Zeit von konfessionellen Konflikten auch innerhalb der eigenen Reihen geprägt.  Der Protestantismus hatte innerhalb kürzester Zeit vielfältige und teilweise miteinander unversöhnliche Formen angenommen. Das Gemälde macht aber eines deutlich: Auch wenn Luther in der Mitte sitzt, er ist nicht allein.

Zu sehen ist es im Martin Gropius Bau, als Auftakt der ersten der drei nationalen Ausstellungen zum 500. Reformationsjubiläum. Das Deutsche Historische Museum hat eine ungewöhnliche Antwort auf die Frage gefunden, die manche nur mit einem Gähnen stellen: Welche Geschichte über Luther und die Reformation kann man nach unzähligen Jubiläen hier und heute noch erzählen?

Auf 2500 Quadratmetern  wird mit rund 500 Objekten die Geschichte der Reformation als globales konflikt- und zugleich freiheitsförderndes Phänomen erzählt. Das Kuratorenteam um Anne-Katerin Ziesak hat dabei exemplarisch die Länder Schweden, USA, Korea und Tansania gewählt, um zu zeigen, wie die Reformation und die dort bestehenden Kulturen aufeinander eingewirkt haben.

Überraschend modern und cool

Betritt man den dunklen Lichthof, wird man von weißen Neon-Buchstaben angestrahlt: „DER LUTHER EFFEKT“.  Das sieht überraschend modern und cool aus. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die raumgreifende Installation „Übergänge“, bestehend aus weißen Alumiunumrohren, die sich wie eine Doppelhelix vor dem Besucher auffächern. Der Komponist und Künstler Hans Peter Kuhn hat sich dem Prozess des Wandels künstlerisch zu nähern versucht. So wie sich der Raum verändert, so veränderte sich mit der Reformation das Verhältnis zwischen Mensch und Gott. Während die katholische Kirche den direkten Zugang zu Gott beschränkte, ermöglichte die Beichte als auch der Ablass dem Gläubigen, sich von seinen Sünden freizumachen. Schreitet der Besucher weiter durch den Hof, eröffnen sich die Stäbe zum Himmel, also zu Gott direkt, so wie Luther es postulierte. Zugleich schließen sich die Seiten – der Gläubige muss sich vor Gott allein verantworten. Ein Hinweis auf die strenge Disziplin des Protestantismus.

Von kühler Konzeptkunst geht es gleich in das 15. Jahrhundert. Im Umgang des Lichthofs werden dem Besucher die Reformationsbasics ausgebreitet. Hier lernt man die wichtigsten Strömungen des Protestantismus in Europa wie Lutheraner, Reformierte, Täufer und Anglikaner kennen. Schnell wird klar, Protestantismus ist nicht nur komplex, sondern auch kompliziert. Und vor allem keine Ein-Mann-Show.

Alte Gemälde an den Wänden, gegenüber alte Bücher in Schaukästen. Auf Beschriftungen haben die Ausstellungsmacher bewusst verzichtet, die Objekte sollen für sich sprechen. Weil so ein dickes Buch hinter gesicherten Glasscheiben aber doch recht schweigsam ist, muss man einen Blick ins Begleitheft werfen oder den Multimediaguide in Form eines Tablets befragen, der einen jedoch öfter zum Selberlesen auffordert. Ein monomedialer Audioguide wäre hilfreicher bei der Vielzahl an Objekten und Texten.

Mit dem Betreten der Seitenflügel lässt der Besucher Luther nicht nur im wörtlichen Sinne hinter sich. Denn ob Schweden, Tansania, Korea oder USA – in all diesen Ländern hat sich der Protestantismus auf sehr eigene und zum Teil gegensätzliche Weise entwickelt. Schweden, als europäisches Land, ist auch gleich zu Beginn der Reformation mit dabei und hat den Protestantismus mit dem Kirchengesetz von 1686 zur Staatsreligion erklärt. Wie sich das auf das alltägliche Leben der Bewohner auswirkte, zeigen die „Aufzeichnungen der Hausverhöre in der Kirchengemeinde zu Uppsala“ oder die „Schandbank“. Der örtliche Pfarrer stattete nämlich nicht nur Hausbesuche ab, um zu überprüfen, ob man den Katechismus fleißig studiert hat, sondern auch, wenn man sich Sittenverstößen wie dem Ehebruch schuldig gemacht hatte. In diesem Fall musste man seinen Sonntagsgottesdienst vor Augen aller – und damals gingen auch noch alle in der Kirche – auf solch einer Bank verbringen.

Den Gegenpol zu Schweden bilden die USA als Zufluchtsort für alle in Europa verfolgten protestantischen Glaubensgemeinschaften. Im neuen Land beginnt der Quäker William Penn mit seiner Koloniegründung das „Heilige Experiment“. In Pennsylvania gilt religiöse Toleranz für sämtliche Gruppen. Hier siedeln sich Glaubensgemeinschaften an, die bis heute an die Strenge ihrer religiösen Praxis, wie sie in Kuhns Installation verbildlicht ist, festhalten. So zeugt ein Nadelkissen der Amischen von ihrem religiösen Grundsatz der Schlichtheit – Kleidung wird nicht mit Knöpfen, sondern mit Nadeln verschlossen. Ob Luther so weit gegangen wäre, darf angezweifelt werden. Der spielt hier aber auch keine Rolle, denn laut einem Plakat ist den meisten Amerikanern die Verbindung zu dem Glaubensgründer nicht bewusst. Eine Aussage, die zugleich jedoch das Klischee der unwissenden Amerikaner bestätigt. In den anderen Ländern wird das heutige Geschichtsbewusstsein nicht thematisiert.

Man hätte gerne mehr über die Menschen erfahren

Blass erscheinen die Räume Koreas, das als „Boomland des Protestantismus“ bezeichnet wird. Zwei Drittel der hier lebenden Christen sind Protestanten. Sogenannte Megakirchen ziehen zu ihren wöchentlichen Gottesdiensten so viele Besucher an wie hierzulande der Evangelische Kirchentag. Auf einer gigantischen Stellwand wird eine Fernsehübertragung aus der „Yoido Full Gospel Church“ in Seoul gezeigt. Das wirkt faszinierend und abschreckend zugleich. Wenn die protestantische Kirche dort solche Massen anzieht, stellt sich die Frage, warum nicht mehr über den alltäglichen und persönlichen Zugang der Koreaner zum Protestantismus erzählt wird. Weil die Ausstellungsmacher der Assoziationskette Südkorea-Nordkorea gefolgt sind, rückt der Fokus auf die politische Frage der Annäherung zwischen den beiden Ländern. Auch wenn diese für die protestantischen Kirchen Südkoreas von Belang ist, erhält sie nicht nur unverhältnismäßig viel Raum, sondern bleibt mit Exponaten wie dem Plakat und Programmheft der Peace-Train-Kampagne oder einem Protestbanner der Hyanglin-Kirche gesichtslos. Man hätte gern mehr über die Menschen erfahren.

Der Protestantismus in Tansania hingegen wird mit sehr vielen Gesichtern erzählt. Eine eigens für diese Ausstellung produzierte Fotoreportage von Karsten Hein zeigt, wie der Glaube heute in Tansania gelebt wird. In einer sich über vier Wände erstreckenden Bildercollage predigen charismatische Pfarrer, sammeln Kirchenmitglieder Kollekte auf der Straße, werden Paare getraut oder auch Teufelsaustreibungen vollzogen. Die Bilder zeigen, wie sehr der protestantische Glaube in Tansania zum Alltag gehört und doch zum Teil wieder mit alten Traditionen verwoben wird. Es scheint, als sei hier der Weg sowohl nach oben als auch zu den Seiten hin offen. Leider tappen die Kuratoren ins Klischeenäpfchen, indem die Präsentation das gängige Bild vom bunten, lebendigen Afrika bedient.

Es ist schon eine Kunst, eine solche Weltzeitreise so kompakt und anschaulich darzustellen. Lücken sind da unvermeidlich. Die Schattenseiten des globalen Protestantismus werden nur schwach beleuchtet und in jedem Land kommen Aspekte zu kurz. Stereotype gilt es jedoch stets zu vermeiden. Die Originalität, mit der die Ausstellung konzipiert ist, lässt sich in der Präsentation der einzelnen Länder leider nicht finden. Dennoch bietet die Ausstellung auch den religiös Uninteressierten einen Einblick und überraschende Perspektiven auf die Geschichte des Protestantismus.

Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantimus in der Welt. Deutsches Historisches Museum im Martin-Gropius-Bau, Berlin; bis 5. November 2017

Foto: Martin Luther im Kreise von Reformatoren, 1625/1650 © Deutsches Historisches Museum

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