Gesellschaft, Stimmen zum digitalen Wandel
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Kritisch den Berg besteigen

Dirk Pilz, Jahrgang 1972, ist freier Journalist und Redakteur bei nachtkritik.de. Seit 2015 ist er akademischer Leiter des Master-Studiengangs Kulturjournalismus an der Universität der Künste.

Kulturschwarm: Wie oft schauen Sie täglich auf Ihr Smartphone?
Dirk Pilz: Das ist ein bisschen abhängig von den Tagen. Am Wochenende weniger als in der Woche, aber am Tag bestimmt 20 Mal.

© Thomas Aurin

So wenig?
Ist das wenig? Dann rede ich mir das wahrscheinlich schön. (lacht) Aber ich sitze ja in der Regel zu Hause vor dem Rechner, da sehe ich meine Mails und die Nachrichtenseiten. Wenn ich unterwegs bin, schaue ich natürlich öfter auf das Telefon, obwohl ich bewusst nur meinen privaten Mailaccount mobil habe. Also vielleicht dann 30, 40 Mal? Kann gut sein, aber mehr hoffentlich nicht. Ich habe mir auch bewusst Strategien gebaut, um das einzuschränken. Ich gucke zum Beispiel am Abend nach Möglichkeit nicht mehr aufs Handy. Ich habe mir eine Uhr gekauft, damit ich nicht wegen der Zeit aufs Handy schauen muss. Denn wenn ich gar nicht mehr dazu komme zu lesen zum Beispiel, mich zu konzentrieren, das macht mich verrückt. Lesen ist mir doch die liebste Beschäftigung.

Was zeigt die Startseite Ihres Smartphones?
Berge, die Alpen. Der Anblick beruhigt mich.

 Wann sind Sie zum ersten Mal mit dem Internet in Berührung gekommen?
Das muss 1995 gewesen sein. Ein Freund von mir hat mir das an der Universität in Potsdam gezeigt. Dort gab es an den internetfähigen Rechnern in der Bibliothek Zeit-Slots, die man kostenfrei nutzen konnte. Kurz danach bin ich zum Studium nach Dänemark gegangen, da gab es das auch. Die E-Mails, die wir uns geschrieben haben, habe ich mir ausgedruckt und mit nach Hause genommen zum Lesen. (lacht)

 Sie haben 2007 das Theaterportal nachtkritik.de mit gegründet. Wie hat die Digitalisierung Ihre Arbeit geprägt?
Ich habe relativ früh angefangen, mich mit dem sogenannten Medienwandel zu befassen. Dass wir uns mit den vier KollegInnen selber eine Arbeit geschaffen, eine Redaktion gebaut haben, mit der man den Medienwandel auch gestaltet und befördert – im kleinen Feld des Theaters – hat mein Arbeiten extrem verändert. Das Schreiben und die redaktionelle Arbeit ist heute etwas komplett anderes als vor fünfzehn Jahren, als ich meine Texte noch mit einer Diskette in die Redaktion getragen habe.  Man sitzt jetzt eben allein vor einer Maschine, das ist Entfremdung pur. Selbst wenn wir Redaktionssitzungen per Skype machen, ist es das. Die Maschine ist mein Gegenüber. Es gibt Redakteure, mit denen ich seit vielen Jahren arbeite, deren Stimme ich noch nie gehört habe. Was das alles auf lange Sicht bedeutet, kann man jetzt noch gar nicht abschätzen.

Gibt es in diesem Sinne etwas, was Sie an der analogen Welt vermissen?
Ich glaube immer noch eher an die persönliche Begegnung. Ich vermisse schon manchmal die Bereitschaft zum Gespräch, zur persönlichen Auseinandersetzung. Das ist heute natürlich auch noch möglich, aber es kostet eine größere Willensanstrengung. Ich glaube aber nicht, dass das irgendwann in der Digitalisierung aufgehoben wird.

Haben Sie sich selbst schon einmal gegoogelt?
Ja! (lacht) Natürlich. Ich glaube keinem, der sagt, dass er das nicht täte. Ich mache das sogar ziemlich oft, zum Beispiel, wenn ich einen Text von mir suche und die Datei nicht so schnell finde.

 Wohin führt uns das digitale Zeitalter, in die absolute Freiheit oder in die absolute Abhängigkeit?
Weder noch. Der digitale Wandel ist ja keine Naturkatastrophe, der man hilflos ausgesetzt wäre. Die Freiheitsräume ändern sich, aber es sind auch gestaltbare Räume. Das ist sehr wichtig. Man muss sehr genau wissen, was man mit einem Medium wie dem Internet will, was damit möglich ist, was nicht. Techniken stellen dabei ja immer auch Ansprüche, fordern Aufmerksamkeit, beeinflussen das Denken und Empfinden, aber eben nicht einseitig – ohne Nutzer ist die Technik tot.

Wie sollte man denn als Nutzer an so ein Medium wie das Internet herangehen?
Man muss natürlich ein Medium lesen, damit umgehen können. Das ist wie beim Bergsteigen: Man steht vor dem Berg wie vor einem riesigen Haufen Information, und ich brauche klare Strategien und Techniken, eine deutliche Haltung, um diesen Berg besteigen zu können. Ich muss dem Berg kritisch gegenüber treten. Wenn ich immer nur denselben Weg gehe, vielleicht um mich selbst zu bestätigen, dann mache ich immer denselben Fehler und erfriere immer an derselben Stelle. Es braucht für jede Mediennutzung den mündigen und ausgebildeten Bürger. Wem jetzt erst mit den sogenannten Fake News dämmert, dass das, was beispielsweise in der Zeitung steht, nicht eins zu eins die Wahrheit ist, dem ist wirklich nicht zu helfen.

 

Foto: „Klettern am Kanzianiberg“ © Adrian Hipp von Region Villach unter CC BY.SA 2.0

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