Gesellschaft
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Keine Empathie für Mordopfer

„Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ beginnt in einem beinahe leeren Raum. Weiße Lettern zieren dunkelgraue Wände, in der Mitte steht eine Bank, um sich einen Moment Zeit zu nehmen, bevor man in die Ausstellung eintaucht. Gezeigt werden in den folgenden beiden Räumen Schwarzweiß-Fotografien von Regina Schmeken, die zwischen 2013 und 2016 die  Orte besuchte, an denen zahlreiche Menschen starben oder verletzt wurden, um an die grausamen Taten des NSU zu erinnern – und der Opfer zu gedenken. In zehn deutschen Städten verloren neun Männer griechischer und türkischer Herkunft sowie eine Polizistin ihr Leben.

Eröffnet wird die Serie mit einem Bild, das die Tür des Oberlandesgerichts München am Tag der Eröffnung des NSU-Prozesses am 6. Mai 2013 zeigt. Daneben hängen mehrere Fotos in einer Reihe nebeneinander, darauf zu sehen sind Orte aus unterschiedlichen Perspektiven. Eine Aufnahme zeigt die Theresienwiese in Heilbronn direkt vom Boden aus Froschperspektive aufgenommen und wird von einer weißen Straßenmarkierung farblich unterbrochen, daneben geht eine Person. Das nächste Foto zeigt den selben Tatort ebenfalls vom Boden aus aufgenommen, jedoch aus einem anderen Blickwinkel. Es ist nur schwer vorstellbar, was hier passiert sein muss. Vor allem bleibt vollkommen offen, wer die Person war, die hier ihr Leben verloren hat. Jedem Mordopfer wird lediglich eine kleine Tafel unter den Fotos gewidmet – Name, Alter, Todestag, Todesort. Mehr ist nicht zu finden.

Auch bei allen anderen Motiven steht der Boden im Fokus. Der Boden, auf dem unschuldige Menschen ihr Leben verloren haben und an dem Blut klebt. Doch die Opfer bleiben beim unnahbar, alle Orte wirken seelenlos und fast abstrakt. In beiden Ausstellungs-Räumen gibt es Sitzbänke, um einen Moment innezuhalten und alles auf sich wirken zu lassen – Raum, um Gefühle bewusst wahrzunehmen und zuzulassen. Doch trotz intensivem Betrachten dreht es sich auf den Bildern mehr um die Tatorte als um die Menschen. Empathie kommt hier nicht auf.

Was ist hier passiert, wann und von wem, das sind die klassischen journalistischen Fragen, die auch die Fotoreporterin Regina Schmeken gut kennt. Doch die Fragen bleiben unbeantwortet und die Ausstellung stumm. So ist dort lediglich Platz für vage Spekulationen über unbekannte Opfer, die auch weiterhin unbekannt bleiben. Zwischen dem Geschehen und dem Moment des Betrachtens der Fotografien liegt Jahre – und eine weite Kluft, die allein mit Teilnahmslosigkeit gefüllt ist.

Beim Verlassen der Ausstellung passiert man wieder das Bild der weißen Tür. Diesmal wirkt sie ganz anders. So wie der Prozess hinter verschlossenen Türen stattfand, entsteht auch zu den Fotografien kein emotionaler Zugang. Durch die fehlende Empathie kommt ein Gefühl der Erleichterung auf, wenn man mit der Tür, die das Ende des NSU symbolisiert, auch das Ende der Ausstellung passiert.

Foto: Heilbronn, 2015 © Regina Schmeken, 2015

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