Gesellschaft, Stimmen zum digitalen Wandel
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Ein Plädoyer für Netzneutralität und Datenschutz

Marie Gutbub studierte Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin und arbeitet heute für die Courage Foundation. Nebenbei veranstaltet sie CryptoParties, Talks und Workshops, in denen sie Journalisten beibringt, wie sie ihre Daten verschlüsseln und sicher im Internet unterwegs sind.

Kulturschwarm: Wie häufig schaust Du täglich auf Dein Smartphone?
Marie Gutbub: Mal sehr viel, mal weniger. Ich habe mehr als ein Jahr lang ohne Telefon gelebt. Seitdem habe ich Phasen, wo ich ständig auf mein Telefon schaue und Phasen wo ich mein Smartphone in meiner Tasche vergesse und bereue, dass ich wieder eines habe.

Was zeigt die Startseite Deines Smartphones
Es ist ziemlich minimalistisch. Ein Hintergrundbild, die Uhrzeit und die fünf Apps, die ich am meisten benutze in einer Reihe im unteren Teil des Bildschirms. Einen Screenshot möchte ich aus Sicherheitsgründen nicht zeigen.

Wie hat die Digitalisierung Deine Arbeit geprägt?
Meine Arbeit würde es ohne Digitalisierung nicht geben. Wahrscheinlich hätte ich einfach weiter als Journalistin gearbeitet, weil ich nie mit dem Problem konfrontiert worden wäre, dass Journalisten im digitalen Zeitalter nicht mehr wissen, wie sie ihre Quellen richtig schützen können. In der Journalistenschule lernt man, dass Quellenschutz wichtig ist, aber niemand weiß wirklich, welche Gefahr Onlinekommunikation mit sich bringt und wie man seine Quellen – und sich selbst – schützen muss.

Wie bist Du dazu gekommen Workshops zur Internet-Sicherheit zu geben und woher hast Du die Expertise?
Am Ende meines Journalismus-Studiums wurden die ersten Snowden-Dokumente veröffentlicht. Zufällig habe ich zur gleichen Zeit Leute kennengelernt, die in dem Bereich Information Security arbeiten. Ich habe festgestellt, dass ich als Journalistin eigentlich hätte lernen müssen, wie man seine Daten verschlüsselt, es geht ja um Quellenschutz. Am Anfang habe ich die Basiskenntnisse bei CryptoParty gelernt, das ist eine Bewegung, wo Leute ehrenamtlich unterrichten, wie man verschlüsselt. Später habe ich durch meine Arbeit mit Organisationen wie das Centre for Investigative Journalism oder Tor Project sowie von Leuten, die in verschiedene Crypto-Projekte involviert sind, detaillierter gelernt wie Information Security funktioniert.

Wohin führt uns das Digitale – in die absolute Freiheit oder die absolute Abhängigkeit?
Das Internet ist ein großartiges Mittel um an eine große Menge von Informationsquellen heranzukommen. Natürlich habe ich online mehr Freiheit in der Wahl meiner Informationsquellen als zum Beispiel in einer Bibliothek in einer Kleinstadt, denn das Angebot ist im Internet viel größer. Auch der Veröffentlichungsprozess hat sich demokratisiert, denn jeder, der online ist, kann seine Meinung teilen.

Diese Freiheit ist aber durch das Monopol großer Konzerne gefährdet, die die Informationen auf Social Media Plattformen wie Facebook und Twitter oder in den Suchergebnissen bei Google kuratieren und zensieren. Ein schlimmes Beispiel dafür ist Facebook, wo nur ein Teil der Posts in Timelines angezeigt werden, wo Accounts gesperrt werden, weil sie Bilder posten, die Facebook nicht gefallen, und wo Nutzer als Versuchskaninchen ausgenutzt werden. Wenn wir uns von solchen Diensten abhängig machen, ist es für die Mehrheit der Nutzer das Ende der Freiheit, die das Internet mit sich gebracht hat.

Inwiefern stellt die Digitalisierung und die damit verbundene Datensammlung großer Konzerne eine Bedrohung für den Einzelnen dar?
Privatsphäre ist ein Menschenrecht. Das steht zum Beispiel in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, im Artikel 12. Wenn wir es als Bürger zulassen, dass ein Teil unserer Rechte nicht respektiert wird, öffnet dies eine Tür für die Zerstörung all unserer Rechte. Wenn ich ein privates Gespräch auf Facebook führe, wenn ich ein Dokument auf Google hochlade, müssten diese Informationen nur mir und den Leuten, mit denen ich sie teile, gehören. Diese Daten – meine Daten – werden aber analysiert und verkauft. Warum sollte ich das zulassen?

Zu dem Thema empfehle ich immer gern den Vortrag von Aral Balkan, dem Entwickler und Menschenrechtsaktivisten, der erklärt wie man selbst ein Produkt ist, wenn man Dienste, die von solchen Konzernen angeboten werden, nutzt.

Was kann man tun, um dem zu entgehen?
Als Bürger und Internetnutzer müssen wir uns fragen: was wollen wir? Wollen wir ein freies Internet, wo jeder das Recht hat, sich auszudrücken? Wollen wir, dass unsere privaten Gespräche auch online privat bleiben? Wollen wir frei wählen können, wo wir uns informieren? Dann müssen wir uns gegen kommerzielle und staatliche Massenüberwachung wehren. Dann müssen wir Internetdienste nutzen, die ihre Nutzer respektieren. Dann müssen wir uns für Netzneutralität, Dezentralisierung und allgemein für unsere Rechte einsetzen.

In dem Clip Fate of the Internet ist das ganz gut zusammengefasst.

 

Foto: Portrait von Marie Gutbub von Dennis van Zuijlekom als Teil des Projektes „Shoot all the Hackers“, Copyright Dennis van Zuijlekom, License CC BY-SA 2.0

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