Gesellschaft
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Die Menschmaschine, oder: sind wir noch Herr unserer Technik?

[Robot] von [Rog01] unter [CC BY-SA 2.0]
[Robot] von [Rog01] unter [CC BY-SA 2.0]

In unserer medialen wie technischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts tritt unser Fortschritt in immer neuere Dimensionen vor. Spätestens seit der Markteinführung der hauseigenen Personal Computer nehmen Maschinen immer mehr unsere Arbeit ab und bestimmen unseren Alltag. Verlieren wir irgendwann die Kontrolle über unsere Technik?

Dieser Befürchtung folgen nicht zuletzt diverse Rezeptionen in US-amerikanischen Science Fiction-Filmen oder -Serien, wie bei „The Six Million Dollar Man“. Hier wird die Hauptfigur bei einem Flugzeugunglück derart lebensbedrohlich verwundet, dass sie nur noch gerettet werden kann, indem Körperteile durch Atomenergie betriebene Prothesen ausgetauscht werden. Dadurch erlangt die Hauptfigur zu übermenschlichen Kräften und kann so riskante Geheimaufträge der Regierung ausführen.

Die Technik übernimmt den Alltag

Aber auch in unserem alltäglichen Leben scheinen solche Prophezeiungen immer mehr Realität zu werden: Im Januar letzten Jahres errechneten Mathematiker mittels hochleistungsfähigen Rechnern eine neue Primzahl mit 22 Millionen Stellen – eine Leistung, die der menschliche Geist niemals alleine hätte erreichen können.
Auch in der Medizin haben computergesteuerte Hilfen Einzug in die therapeutische Behandlung gefunden. Die medizinische, wie nachvollziehbare Hoffnung, dass künstliche Prothesen oder Herzschrittmacher nicht erkennbar sind und ihre Funktionen immer effizienter denen menschlicher Körperteile ähneln sollen, ist so einleuchtend wie selbsterklärend.

Staubsauger Roboter helfen den Alltag in der WG zu meistern. | Foto: [Observing the Roomba from a safe distance] von [Eirik Newth] unter [CC BY 2.0]

Auch über fahrbare kleine Haushaltshelfer, die heutzutage alleine per Knopfdruck die gesamte Wohnung staubsaugen, freuen sich nicht zuletzt nur moderne Hausfrauen (oder -männer), sondern auch Putzmuffel in der Studenten-WG.

Bis heute ist bei vielen technikaffinen Forschern die Utopie gelebte Vorstellung, dass die Menschen mithilfe der Bionik nicht nur irgendwann von ihren Erkrankungen geheilt werden können – nein, sie sollen auch ihre Grenzen überwinden und letztlich effizienter werden. Silvia Woll, Philosophin an der Universität Karlsruhe, stellt dabei fest, dass sich die Ideen und Hoffnungen seit den 1970er Jahren bis heute kaum verändert haben (vgl. Woll 2013: 43).

Was kann der Mensch? Was die Maschine?

Die Frage, die sich dabei grundlegend stellt, ist die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine. Allgemein beurteilt hat der Mensch einen freien Willen – der Computer hingegen nicht. Diese Begründung setzt jedoch voraus, dass es überhaupt einen freien Willen gibt und der Mensch somit eine Handlungsfreiheit besitzen kann.
In Abgrenzung dazu sind jedoch menschliche Tugenden wie Moral und Würde letztlich nur von der Vernunft abgeleitete gesellschaftliche Normen. Eine Vernunft in diesem Sinne kann somit aber auch von Computern geschaffen werden, die den gesellschaftlichen Normen und Gesetzen folgend moralisch handeln könnten.

Allerdings gelten solche „transhumanistischen Visionen“ schon seit dem Turing-Test in den 1950er Jahren in der Informatik als nicht mehr erstrebenswert.
Dass Maschinen gar irgendwann klüger werden als der Mensch selbst, wurden in diesem bereits weitgehend widerlegt. Hierbei führt ein Mensch ein virtuelles Gespräch mit zwei unterschiedlichen Gesprächspartnern über einen Computer. Maschine und Mensch versuchen dabei, den Fragenden davon zu überzeugen, dass sie ein Gespräch mit einem denkenden Menschen führen.

Programme, an denen der Turing Test durchgeführt wurde, lassen bis heute keine sinnvollen Gespräche zwischen Mensch und Maschine erkennen. Der Computer muss trotz Imitationsversuchen bei bestimmten Fragen lügen oder ausweichen, so z. B. bei der Frage „Erzähl mir etwas aus deinem Leben“. Hierauf können Programme wie Eliza bis heute nicht sinnhaft reagieren.

Letztlich bezieht sich dieser Test jedoch nicht wirklich darauf, ob ein Computer auch die gleichen Intelligenzleistungen erfüllen kann wie ein Mensch. Er richtet lediglich den Fokus darauf, den Computer mit einem Menschen zu vergleichen und somit zu prüfen, ob eine Maschine intelligent ist oder nicht.
Auch heute wird er noch in vielen Internet-Foren und -kontaktformularen angewendet, um maschinelle Spam-Bots von echten Menschen zu unterscheiden. So wird der Nutzer mithilfe des CAPTCHA-Verfahrens aufgefordert, bei Eingabe eines Befehls zusätzlich eine verzerrte Buchstaben- und Zahlenkombination einzutippen.

Künstliche Intelligenz legt heute andere Schwerpunkte als früher

Darüber hinaus versucht die Künstliche Intelligenz (AI) heute nicht mehr den Menschen als Ganzes zu verändern, sondern lediglich Probleme und Herausforderungen des täglichen Alltags zu erleichtern.

Google Now will kleiner Helfer für den unübersichtlichen Alltag werden. | Foto: [Google Now] von [claudia.rahanmetan] unter [CC BY 2.0]

Ein klassisches Beispiel für realistische Formen von AI ist die Applikation Google Now. Die Smartphone-App soll den Nutzer bei der Organisation des persönlichen Tages helfen. Dabei sammelt der „persönliche Assistent“ Informationen über den Nutzer, die für den eigenen Alltag relevant sein könnten. Wird beispielsweise ein entsprechender Termin in den Smartphone-Kalender eingetragen, teilt Google Now kurze Zeit vor Beginn eine Erinnerung mit und ermittelt automatisch auf Grundlage der aktuellen Verkehrslage den schnellsten Weg zum genannten Treffpunkt. Basierend auf dem aktuellen Aufenthaltsort wird zudem eine entsprechende Wettervorhersage angezeigt. Ferner kann die App durch Sprachbefehle mittels „OK Google“ zu Handlungen anweisen. Vor wenigen Monaten hat Google-Chef Sundar Pichai mit Google Assistant eine Weiterentwicklung vorgestellt und diverse Neuerungen in Aussicht gestellt.
Aber auch hier bleibt der jeweilige Nutzer völlig autark und die App zielt nicht darauf ab, automatisiert menschliche Handlungen zu übernehmen.

Transhumanisten sehen derartige Apps jedoch als Vorstufe, um später irgendwann ganze Gehirne auf Server laden zu können. Ihre theoretische Annahme ist dabei, die Welt im Elektronenhirn als System von Regeln und Sätzen vollständig zu repräsentieren. Um Roboter entsprechend steuern zu können, mussten sie für jeden ihrer einzelnen Schritte aus den Sensoren ein Modell ihrer Umwelt berechnen, einen Handlungsplan erstellen und diesen dann umsetzen. Für die einfachsten Bewegungen brauchen diese Roboter jedoch Stunden, um einen Raum im Labor zu durchqueren (vgl. Drösser 2003).
Dass Roboter oder Computer irgendwann ganze menschliche Körper mit ihren sinnhaften Gefühlen, Empfindungen und Emotionen ‚kopieren’ können, wird in der heutigen Informatik-Lehre inzwischen abschätzig als „gofai“ bezeichnet (engl. für „Good Old-Fashioned Artificial Intelligence“) (vgl. ebd.).

Übernehmen die Maschinen irgendwann die ganze Menschheit?

Gleichwohl hindert das ‚eingefleischte Transhumanisten’ nicht daran, an ihre Vision von Roboter-ähnlichen Menschen zu glauben. So verlauten Forscher wie Hans Moravec, dass irgendwann Maschinen schnell genug sein würden, oben beschriebene Berechnungen in immer schnellerer Zeit auszuführen. In ein paar Jahrzehnten werde es bereits soweit sein. Allerdings entgegnen wiederum Informatiker, wie Rolf Pfeifer – inzwischen emeritierter Professor an der ETH Zurück, dass die Künstliche Intelligenz in Sachen Fehlprognosen sämtliche Disziplinen schlage (vgl. Drösser 2003).

Und trotzdem: Vielleicht ist es in ein paar Jahrzehnten bereits soweit und Roboter übernehmen immer mehr unseren Haushalt und helfen den Pflegenotstand zu überwinden. Aber übernehmen sie irgendwann die ganze Menschheit?
Wir sollten uns nichts vormachen: Die Menschheit ist immer stärker auf Computer angewiesen. Doch benötigen immer jemanden, der sie steuert. Ohne entsprechende (Eingabe-)Befehle, die vom Menschen ausgeführt werden, sind Computer nutzlos.

Quellen und weiterführende Links.
_   Drösser, Christoph: Der KnieQ, Abruf 2017-01-20.
_   Stöcker, Christian: Furchtbar schlau – oder furchtbar niedlich, Abruf 2017-01-20.
_   Woll, Silvia: Transhumanismus und Posthumanismus. Ein Überblick Oder: Der schmale Grat zwischen Utopie und Dystopie, in: Journal of New Frontiers in Spatial Concepts, 5 (2013), S. 43-48.

Beitragsbild. [Robot] von [Rog01] unter [CC BY-SA 2.0]

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Kategorie: Gesellschaft

Jonas Kühlberg

Sich selbst beschreibt Jonas als „normal und lieb“, doch spätestens seit Nikolaus ist klar: Wer seinem gesamten Studiengang zur Feier des Tages Schokolade in den Spind legt, ist weit mehr als nur lieb. Als Erkennungs-merkmal dienen dem (fast) waschechten Berliner sein Hut und sein stetes Engagement für alles und jeden. Ähnlich unbefangen sieht Jonas seine Aufgabe: über Kunst und Kultur für alle schreiben, weitab von Elitarismus und Boulevard. Du findest Jonas bei Twitter & Instagram (@jns_khlbrg).

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